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Maßarbeit in schwindelnder Höhe

Maßarbeit in neunzig Meter Höhe, individuelle Lösungen für Verbindungstechnik bei extremen Windzuglasten und eine einzigartige historische Bausubstanz: Bei der Sanierung des Berliner Doms standen Architekt und Dachdecker vor großen Herausforderungen.

Bei der Sanierung des Berliner Doms standen Architekt und Dachdecker vor großen Herausforderungen

Eimerweise Rost und lose Bleche entdeckte Dachdeckermeister Thomas Michaelis bei Inspektionsarbeiten im Kuppelbereich des Doms, die er im Auftrag des Dombaubüros, vertreten durch Dombaumeister Stefan Felmy, durchführte. Die 15 Meter hohe, vergoldete Stahlkonstruktion mit dem Segel war durch das Zusammenspiel von Kupfer mit dem im Baujahr 1981 verwendeten Stahl korrodiert. Daraufhin forderte der Statiker, dass der vielbesuchte Dom ab Windstärke 8 zu räumen ist - der Dom brauchte ein neues Kreuz. Die Demontage durch einen Kran wurde ohne Einrüstung durchgeführt. In 90 Meter Höhe, nur am Seil hängend, wurden Bleche und Befestigungen vom Dachdeckermeister, der auch zertifizierter Industriekletterer ist, gelöst.

Zugversuche für die Absicherung

Bei der Sanierung des Berliner Doms standen Architekt und Dachdecker vor großen Herausforderungen. Fotos: Michaelis

Die Frage war: Wie sollte die neue, filigrane und ungewöhnlicherweise in Metall ausgeführte Unterkonstruktion vor Korrosion geschützt werden? Das Team aus Dombaumeister, Architekt und Dachdeckermeister suchte nach einer individuellen Lösung, die den Denkmalschutz berücksichtigt, ohne auf das übliche Normenwerk zurückgreifen zu können. Hauptproblem war die Kupferbekleidung auf der Edelstahlkonstruktion (V 4 a/seewasserfest). Angesichts der bei Höhen ab vierzig Meter extremen Windzuglasten musste sie mit Haftern sicher befestigt werden. Außerdem konnte der nicht alltägliche statische Nachweis nur durch individuelle Zugversuche erbracht werden.

Ziel war, die einzelnen Segelteile mit einer maximalen Breite von acht Zentimeter luftdicht herzustellen, um Korrosion unmöglich zu machen. Mechanische Verbindungen (Schrauben, Nieten etc.), die das Material durchlöchert hätten, schieden von vornherein aus. Bei den Zugproben der Schweißtechnische Lehr- und Versuchsanstalt (SLV) in Berlin stellte sich schließlich heraus: das Lötverfahren nach Bauklempnerstandard erzielte bessere Ergebnisse für die Hafter als das Schweißverfahren.

Fließbandarbeit für die Ewigkeit

Die neue Konstruktion einschließlich Kreuz wurde in Oberbayern hergestellt. In einer eigens errichteten Montagehalle am Fuß des Doms begann der Countdown für die quasi industrielle Fertigung durch verschiedene Gewerke. Klempnertechnisch anspruchsvoll waren für das Dachdeckerteam vor allem die Bögen und geschwungenen Formen der Konstruktion. Sie wurde mit 2,4 Tonnen Kupfer bekleidet, anschließend lackiert und mit rund 1,5 Kilogramm Blattgold belegt. Auch die acht Engelsstatuen am Kuppelrundgang, die sogenannten Königskronen und die vergoldeten Turmkugeln auf den kleineren Ecktürmen wurden erneuert. Die gesamte Restaurierung des Kuppelbereichs kostete insgesamt rund 1,5 Millionen Euro.

"Bei guter Wartung hält das ewig", kommentierte Dombaumeister Felmy. Und so füllten der evangelische Landesbischof Wolfgang Huber und der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit am 21. Juni 2008 die goldene Kuppelkugel mit Zeitzeugnissen für eine ferne Zukunft. Erst dann wurden das Kreuz, Laternensegel und Kugel an einem Stahlrohr, dem Kaiserstiel, verschweißt. Es war sicher ein Höhepunkt seiner Laufbahn, als Thomas Michaelis in rund neunzig Meter Höhe den Haken des 500-Tonnen-Krans löste, der das 12,5 Tonnen schwere goldene Domkreuz auf seinen angestammten Platz gesetzt hatte. "Es war schon ein bewegender Moment, einen letzten Blick von dort oben über die Stadt schweifen zu lassen. Schließlich kommt in den nächsten einhundert Jahren wahrscheinlich keiner mehr da rauf", so Michaelis. Schon lange hatte der Dachdeckermeister sein Handwerkerherz an historischen Gebäuden und erhaltenswerter Gebäudesubstanz verloren. Ihn reizen fachgerechte Handwerksarbeit und individuelle Problemlösungen statt vorgefertigter Industrieprodukte. So war für ihn als zertifizierten Industriekletterer, der sich auch in neunzig Meter Höhe wohl fühlt, das Projekt Berliner Dom ein Traumjob. Sein Motto: Geht nicht, gibt´s nicht."

Hans G. Rüschenpöhler


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