Steil geneigt und hinterlüftet

Dachdeckungen mit Reet sind traditionelle Bedachungen, deren handwerkliche Regeln sich über Jahrhunderte entwickelt haben. Während die fachliche Ausführung – bei einer Mindest­dachneigung von 45° – sich nur unwesentlich veränderte, haben sich die bauphysikalischen Aspekte grundlegend gewandelt.

Grundsätzlich gibt es beim Schilfrohrdach – dem Reetdach – drei Deckungsarten: die gebundene Deckung, die genähte Deckung und, am häufigsten anzutreffen, die geschraubte Deckung. Fotos: Holzmann

Grundsätzlich hat sich an der handwerklichen Arbeit über die Jahrhunderte nicht viel geändert. Hier und da sind die Abstände von Dachelementen perfektioniert, die ehemals reine Handarbeit wird heute mit Kleinmaschinen wie einem Akkuschrauber unterstützt, aber die meisten Werkzeuge sind im Gros identisch mit denen, die der Reetdachdecker auch schon vor 100 Jahren oder auch noch längerer Zeit nutzte. Was sich allerdings deutlich änderte, ist die Konstruktion unterhalb des Reets. Während man früher in den sogenannten Rauchhäusern keinen Kamin hatte, sondern die Abgase der Feuer- und Kochstelle durch das Weichdach hindurch ins Freie führte, müssen bei heutigen Neubauten Vorgaben wie die Energiesparverordnung berücksichtigt werden. Hierdurch werden gewisse Dogmen eines traditionellen Reetdachhauses deutlichst verändert, so ist beispielsweise die Konstruktion unterhalb der Dachdeckung luftdicht auszuführen und im Sinne der Energieeinsparverordnung eine vollflächig geschlossene Dämmlage unterhalb der Rohrdeckung, mindest aber auf der obersten Geschossdecke, auszuführen. Dies alles führt dazu, dass so mancher aus dem Urlaub mitgebrachte Reetdachwunsch eines Bauherrn nicht wirklich verordnungsgemäß auszuführen ist. Es zieht keine Luft mehr über den Wohnraum durch das Reet ins Freie. Die Reetdachdeckung muss so aufgebaut sein, dass die Unterseite schon durch die Konstruktion alleine ordentlich belüftet wird und keine Schäden durch dauerfeuchte Bereiche eintreten. Ein weiteres häufiges Problem der Moderne ist die Gestaltung der Dachflächen selbst. Die heutige Bauherrschaft möchte häufig möglichst viele Gauben, damit auch der Dachraum wohnlich genutzt werden kann und entsprechend Tageslicht in die Räume eindringt. Diese und ähnliche Bauherrenwünsche sind jedoch beim Reetdach aus technischer Sicht nicht immer vernünftig, wenngleich sie vielleicht schön anzusehen sind. Damit das traditionelle Reetdach auch heute seine ihm zugedachten Aufgaben als oberster witterungssicherer und möglichst dauerhafter Abschluss eines Hauses erfüllen kann, hat der Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks die zuletzt im Jahr 2008 angepassten „Fachregeln für die Dachdeckung mit Reet“ entworfen.

Genäht, gebunden oder geschraubt

Die Regeldachneigung für Reetdeckungen beträgt 45° und darf auch mit regensichernden Zusatzmaßnahmen nicht unterschritten werden. In küstennahen Gebieten ist eine Dachneigung von 50° und mehr empfehlenswert.

Grundsätzlich kann man 3 Grundarten der Ausführung unterscheiden: die gebundene Deckung, die genähte Deckung und die geschraubte Deckung. Die in Deutschland am häufigsten angewandte Befestigungstechnik ist heute das geschraubte Reetdach. Hierbei wird mit einem Draht, der an eine Schraube (Mindestgröße von 4,5 × 35 mm) gedrillt ist, das Reet befestigt. Der eingesetzte Draht ist ein nicht rostender Stahldraht, der eine Mindestdicke von 1 mm hat. Die Decklage wird mit dieser Schraube-Draht-Kombination an die Latten angeschraubt. Der Abstand der Schraubung darf 20 cm nicht überschreiten. Die Dauerhaftigkeit des geschraubten Daches ist abhängig von der Befestigung der Schrauben in den Latten und der Festigkeit der Rödelung des Drahtes. Es gilt hierbei zu beachten, dass die Schraubung nicht im Lattenrandbereich eingedreht und die Latte durch die Schraubung nicht gespalten werden darf.

Lebensdauer abhängig von Dachneigung
Die Optik des Daches wird durch die Dachform, die Art und Anzahl der Gauben sowie den oft unvermeidbaren Dachdurchdringungen bestimmt. Das typische und traditionelle norddeutsche Reetdach ist ein steiles, ganzeinheitlich, tief herabragendes und mit großem Dachüberstand aufgebautes Walmdach, wobei auch Satteldächer mit steilen Giebeln und Krüppelwalmdächer sowie Zelt-, Pult-, Säge- und Mansarddächer gebaut wurden und werden. Die eben genannten Dachüberstände sollen das Gebäude allseitig überragen, an der Traufe im waagerechten Abstand mindestens 50  cm. Die Regel­dachneigung für Reetdeckungen beträgt 45° und darf auch mit regensichernden Zusatzmaßnahmen nicht unterschritten werden. In küstennahen Gegenden sind sogar 50° und mehr empfehlenswert.

Gerhard Holzmann

Den ausführlichen Artikel lesen Sie in Ausgabe DDH 14.2014.

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