Arbeitssicherheit im Gerüstbau: Seitenschutz

Gespräche mit Dachdeckern zeigen, wie groß der Informationsbedarf im Gerüstbau anlässlich der Neufassung der Technischen Regel für Betriebssicherheit (TRBS) 2121 Teil 1 ist. Es herrscht immer noch Verunsicherung im Markt über die neuen Vorgaben. Arbeits- und Schutzgerüste bieten Gewerken sicheren Höhenzugang für Arbeiten an Stellen, die vom Boden oder von Geschossdecken aus nicht mehr erreicht werden.

Layher Gerüst Seitenschutz
Zu den Neuerungen der TRBS 2121 Teil 1 gehört unter anderem, dass für Gerüstnutzer der Zugang über innenliegende Aufstiege nur noch bis zu einer Aufstiegshöhe von 5 Metern oder bei Arbeiten an Einfamilienhäusern zulässig ist. In allen anderen Fällen sind Treppen, Aufzüge oder Transportbühnen einzusetzen. Foto: Layher

Neben einer sachgemäßen Errichtung des Gerüsts steht hier auch die Sicherung gegen Absturz bei der Gerüstmontage selbst im Vordergrund. Die im Februar 2019 in Kraft getretene Neufassung der Technischen Regel für Betriebssicherheit (TRBS) 2121 Teil 1 hat unter anderem das Thema Gefährdungsbeurteilung sowie die daraus abgeleiteten Maßnahmen zum Schutz vor Absturz – vor allem beim Fassadengerüstbau – wieder vermehrt in den Fokus gerückt. Es muss nun entschieden werden, wie in der Praxis mit den neuen Vorschriften umgegangen wird. Der Vorrang technischer Schutzmaßnahmen bedeutet eine Überprüfung der Montageabläufe im Gerüstbau – und in vielen Fällen auch deren grundlegende Umstellung.

Sicherung bei Bereitstellung

Die gesetzlichen EU-Richtlinien zur Verbesserung der Arbeitssicherheit sind Auslöser für zahlreiche Verordnungen in den europäischen Mitgliedsstaaten. Auch die Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) und der gerüstspezifische Teil der Technischen Regel 2121 für Betriebssicherheit konkretisieren auf nationaler Ebene das Europäische Arbeitsschutzgesetz. Nach diesem ist „Arbeit so zu gestalten, dass eine Gefährdung für Leben und Gesundheit möglichst vermieden und die verbleibende Gefährdung möglichst gering gehalten wird“. Nach der allgemein anerkannten Betrachtungsweise von Risiken sind Absturzgefahren dabei an ihrer Ursache zu bekämpfen.

Basis Gefährdungsbeurteilung

Eine Gefährdungsbeurteilung und die daraus abgeleitete Festlegung von Sicherheitsmaßnahmen sind laut BetrSichV für jede Baustelle vorgeschrieben. Dazu sind bei der Verwendung von Gerüsten auftretende Gefährdungen zu ermitteln und daraus die notwendigen Maßnahmen für die sichere Verwendung der Gerüste abzuleiten und zu treffen – in Abhängigkeit vom einzurüstenden Objekt, der Gerüstbauart und der Gerüstkonstruktion. Entsprechende Vorgaben finden sich in der TRBS 1111 „Gefährdungsbeurteilung“. Erstellt werden darf eine Gefährdungsbeurteilung nur von einem Fachmann: der sogenannten „Fachkundigen Person“, die unter anderem auch für die Montageanleitung sowie die Aufsicht der Auf-, Um- und Abbauarbeiten zuständig ist. Je nach Art der Aufgabe werden unterschiedliche Anforderungen an die fachkundige Person gestellt.

Das TOP-Prinzip

Werden im Gerüstbau für die jeweiligen Montagesituationen oder Tätigkeiten auf Grundlage der Gefährdungsbeurteilung Schutzmaßnahmen erforderlich, so kommen für den Auf-, Um- und Abbau von Arbeits- und Schutzgerüsten technische, organisatorische und personenbezogene Schutzmaßnahmen in Frage. Mögliche Maßnahmen zur Gefahrenabwehr können beispielsweise Absturzsicherungen wie Abdeckungen, Geländer oder Seitenschutz, eine Auffangeinrichtungen wie Schutznetze, Schutzwände oder Schutzgerüste oder die Verwendung einer persönlichen Schutzausrüstung gegen Absturz (PSAgA) sein. Speziell im Fassadengerüstbau fordert die Neufassung der TRBS 2121 Teil 1 das bekannte TOP-Prinzip – Technische vor Organisatorischen vor Persönlichen Maßnahmen – noch stärker ein. Montagesituationen ganz ohne Absturzsicherung, wie bisher nach besonderer Unterweisung des Mitarbeiters, werden nicht mehr geduldet. Welche Schutzmaßnahmen im konkreten Fall anzuwenden sind, muss sich aus der Gefährdungsbeurteilung ergeben.


dach-holz.tv - Gerüstbau-Workshop

Absturzsicherung ist im Zimmererhandwerk ebenso wichtig wie bei den Dachdeckern und Spenglern. Micha hat als Dachdecker selbst Gerüste stellen müssen, Uli ist auf dem Gebiet (noch) völlig unbewandert.

Vorlaufender Seitenschutz bei durchgehender Gerüstflucht

Gemäß der neuen TRBS 2121-1 ist auf der obersten Gerüstlage für den Horizontaltransport von Gerüstbauteilen bei durchgehender Gerüstflucht mindestens ein einteiliger Seitenschutz oder ein Montagesicherungsgeländer zu verwenden, sofern nicht bauliche Gegebenheiten, beispielsweise Balkone, Erker, oder besondere Gerüstbauarten, wie zum Beispiel Hänge- oder Raumgerüste, diese Maßnahme der Absturzsicherung nicht ermöglichen. Dabei gilt es zu beachten, dass auch auf der Innenseite von Gerüsten Absturzgefahren bestehen können – zum Beispiel bei Skelettbauten. Umsetzen lassen sich diese Anforderungen mit temporären Montagesicherungsgeländern (MSG) oder mit integrierten Lösungen wie dem I-Geländer für das im Fassadengerüstbau verwendete Blitz Gerüst.

Individueller Gefahrenschutz

Ergibt die Gefährdungsbeurteilung, dass die Verwendung eines Montagesicherungsgeländers aufgrund baulicher Gegebenheiten, wie Balkone oder Erker, beziehungsweise der Gerüstbauart nicht möglich ist und eine Auffangeinrichtung als technische Schutzmaßnahme ebenfalls nicht in Frage kommt, ist eine geeignete persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz (PSAgA) als personenbezogene Schutzmaßnahme zu verwenden. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn nach Länge und Höhe keine durchgehende Gerüstflucht ohne Vor- und Rücksprünge vorhanden ist – oder bei Raumgerüsten, Gerüsttreppen und Treppentürmen, Überbrückungskonstruktionen, auskragenden Gerüstbauteilen oder bei Hängegerüsten. Die Standardausführung einer PSAgA besteht aus einem Auffanggurt nach EN 361 und einem flexiblen Verbindungsmittel mit integriertem Bandfalldämpfer und Rohrhaken. Alle Einzelkomponenten der Schutzausrüstung müssen EG-Baumuster-geprüft sein und die CE-Kennzeichnung tragen.

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Dr.-Ing. Rolf Sontheimer


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Letzte Aktualisierung: 19.11.2019