Außen winddicht - innen luftdicht?

Von außen kommender Wind durchströmt offenporige Dämmstoffe und reduziert so die Wirkung des eingebauten Wärmeschutzes im Winter - diese These ist nachweislich falsch! Der Dachdecker sollte wissen warum.

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Die Verlegung der Unterspannbahn erfolgt direkt auf dem Dämmstoff. Fotos: Isover

Das wärmegedämmte, belüftete Steildach manifestierte sich in den siebziger Jahren in den Fachregeln. Bei dieser Konstruktion wird der Luftstrom gezielt über den nicht abgedeckten Dämmstoff geführt. Dabei gilt:

- der Belüftungsquerschnitt in den Sparrenfeldern muss zwischen Dämmstoff und Unterdeckung mindestens zwanzig Millimeter betragen

- im Bereich der Traufe muss ein definierter Zulufteintritt/-austritt zu diesen Belüftungsquerschnitten möglich sein

- zusätzlich müssen definierte Belüftungsmöglichkeiten durch Öffnung der Unterdeckung im Bereich der Firstpfette vorhanden sein.

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Belüftetes Dach: Deutlich ist der freie Lüftungsraum zwischen Dämmstoff und Unterspannbahn zu erkennen.

Diese Maßnahmen wurden zum Beispiel beim Satteldach für beide Dachseiten vorgeschrieben. Dadurch konnte sich bei Windangriff eine Durchströmung des Daches mit Außenluft direkt über der nicht abgedeckten Wärmedämmung ausbilden. Diese Durchströmung wurde durch die bei Wind entstehende Druck- und Sogseite des angeströmten Daches - je nach Windrichtung - gefördert. Untersuchungen zeigten, dass der Belüftungsquerschnitt bei Steildächern mit Außenluft durchströmt wurde, insbesondere bei Windanströmung quer zum First. Dabei stellte sich die Strömung in diesen Fällen auf der Wind zugewanden Seite von Traufe zum First und Wind abgewandt vom First zur Traufe ein. Damit entstand im Winter zweifelsohne eine besondere Belastung für den Wärmeschutz.

Einfluss der höheren Dichte

Aus diesem Grund wurden Untersuchungen zur Klärung durchgeführt, ob denn der wirksame Querschnitt eines Dämmstoffes durch Eintauchen der Außenluftströme im Belüftungsquerschnitt reduziert werden könne. Die erhaltenen Ergebnisse zeigten: Dämmstoffe der (damals noch üblichen) WLG 050 und WLG 045 können tatsächlich zu einem Teil der Dämmdicke durchströmt werden. Die Luftströmung kann aus dem Belüftungsquerschnitt auch in die oberen Schichten der Wärmedämmung eintauchen und damit den wärmedämmenden Querschnitt reduzieren. Da die Verbesserung der Wärmeleitfähigkeit, zum Beispiel von WLG 045 zu 040, überwiegend durch eine höhere Dichte der Faserpackung erzielt wird lag es nahe, den Effekt der eintauchenden Strömung auch bei WLG 040 zu untersuchen. Dabei wurde festgestellt, dass das Eintreten der Strömung bei belüfteten Bauteilen in Dämmstoffe der WLG 040 nicht stattfand. Die höhere Dichte dieser Dämmstoffe hat bereits einen so hohen Strömungswiderstand, dass die Außenluft im Belüftungsquerschnitt strömt, ohne in die Wärmedämmung eintauchen zu können - also ohne deren Wirkquerschnitt zu verringern. Deshalb wurde zum Beispiel der Dachdämmstoff Rollisol für belüftete Steildächer mit Beginn der achtziger Jahre nur noch in WLG 040 angeboten. Eine zweite Wärmeleitgruppe für belüftete Bauteile kam Mitte der achtziger Jahre durch die Entwicklung der Dämmstoffe mit WLG 035 hinzu. Diese Wärmeleitgruppe kann nur durch weitere Anhebung der Packungsdichte erreicht werden, also durch eine weitere Steigerung des Strömungswiderstands. Die Gefahr einer Durchströmung ist deshalb bei WLG 035 noch unrealistischer. Die Erkenntnisse bei WLG 045 und WLG 050 wurden später auch in DIN 18165-1 Faserdämmstoffe für das Bauwesen vom März 1987 umgesetzt. Unter 6.6 Wärmeleitfähigkeit stand in Tabelle 4: Wärmeleitgruppen folgende Fußnote für die Wärmeleitgruppen 045 und 050: Nicht zulässig für den Anwendungstyp WL wegen möglicher zusätzlicher Wärmeverluste infolge Durchströmung des Faserdämmstoffes bei Belüftung im Dach. Anwendungstyp WL galt für Wärmedämmstoffe, nicht druckbelastbar, zum Beispiel für Dämmung zwischen Sparren- und Balkenlagen. Bedenkt man nun die heutige Bauweise des wärmegedämmten Daches mit Sparrenvolldämmung und einer außen aufgelegten Abdeckung auf dem Dämmstoff, so ist eine Durchströmung völlig ausgeschlossen. Dachkonstruktionen wie das belüftete Dach, bei denen ein Außenluftstrom gezielt über nicht abgedeckte Dämmstoffoberflächen geführt ist, werden praktisch nicht mehr gebaut. Aber der längenbezogene Strömungswiderstand, bei dem unter diesen verhältnismäßig ungünstigen Voraussetzungen eine Reduktion der Dämmwirkung vermieden wird, ist bekannt und wird noch heute vorgeschrieben und eingehalten.

Niedrige Wärmeleitgruppe hoher Strömungswiderstand

Die mittlerweile bei Mineralwolle zum effizienten Wärmeschutz überwiegend eingesetzte WLG 035 weist einen rund sechzig bis siebzig Prozent höheren längenbezogenen Strömungswiderstand auf, als die Produkte mit WLG 040. Die neue Generation 032 liegt nochmals darüber. Die vorhandene Sicherheit gegen Durchströmung hat durch den heute weit verbreiteten Einsatz niedrigerer Wärmeleitgruppen also noch weiter zugenommen. Dennoch konnte man in jüngsten Veröffentlichungen lesen, dass der Begriff "winddicht" in DIN 4108-7 erscheinen wird, zumindest im bisher veröffentlichen Gelbdruck zu lesen war. "Winddicht" solle die äußere Abdeckung von Dämmstoffen ausgeführt werden. Dies ist aus folgenden Gründen eine fragwürdige Entscheidung: - Dem Begriff "winddicht" liegt keine technische Definition zugrunde; bedeutet er zum Beispiel mehr oder weniger als luftdicht? "Luftdicht" ist durch die Grenzwerte der Luftwechselrate ein definierter Begriff, der zudem durch das genormte Prüfverfahren kontrolliert werden kann. Der Begriff "winddicht" ist dagegen für Techniker mangels Definition nicht fassbar. - Nicht definierte Begriffe (in der Norm) führen zwangsläufig zu Kontroversen zwischen ausführendem Handwerk und Bauaufsicht, da sich die Auslegung des Begriffs "winddicht" zwischen Bauaufsicht und Handwerker leicht unterscheiden kann. Hier entsteht erhebliches Konfliktpotential durch den neuen Begriff in DIN 4108-7. - Geht die Auslegung des Begriffs "winddicht" so weit, dass die Anforderungen an die Luftdichte vorgeschrieben wären, entstünde ein spürbarer Mehraufwand beim Verlegen einer Unterdeckung. Bisher sind die Verarbeiter lediglich darauf spezialisiert, Unterdeckungen regensicher und in seltenen Fällen ein Unterdach auch wasserdicht auszuführen. "Luftdicht" wäre noch schärfer, insbesondere im Bereich der Dachränder und Anschlüsse entstünde zusätzlicher Aufwand. - Es fehlen Untersuchungen die zeigen, dass der außen auf Bauteile auftreffende Wind in der Ebene der Wärmedämmung noch solche Druckdifferenzen zu erzeugen vermag, dass sich eine Durchströmung mit Außenluft parallel zur Deckung einstellen kann. Die Vielzahl der Untersuchungen und Reklamationen wegen undichter Bauteile betreffen allesamt nur die Situation des windinduzierten Luftdurchgangs von außen in den Innenraum oder umgekehrt also Fehler bei der luftdichten Schicht. Es soll In diesem Zusammenhang an die tatsächlichen Aufgaben der Unterdeckung erinnert werden. Viele Handwerker sprechen auch heute noch von der "Vordeckung" und weisen damit auf eine der wichtigsten Aufgaben der Unterdeckung beim Steildach hin: Schneller Wetterschutz beim Um- und Neudecken eines Daches, der bei den heutigen Bauabläufen nicht mehr weg zu denken ist. Ein weiterer Schutz bietet die Sicherheit einer Unterdeckung gegen Schäden beziehungsweise Versagen im Bereich der Deckung, die bei Dachanschlüssen im Laufe vieler Jahre oder bei außergewöhnlichen Wettersituationen auftreten können. Hierfür gibt es bewährte Fachregeln, die für das komfortable, korrekt wärmedämmende und langlebige Dach ausreichen.

Thomas Gaisbauer

Letzte Aktualisierung: 09.03.2016