Neue Grenzwerte: Bitumen im Fokus der MAK-Kommission

Arbeitssicherheit: Im Sommer 2018 hat die MAK-Kommission Bitumen neu eingestuft. Zudem hat sie einen Grenzwert für Dämpfe und Aerosole aus Bitumen festgelegt. Wer ist die MAK-Kommission, was bedeuten diese Entscheidungen für die Dachdecker und ist mit staatlichen Regelungen zu rechnen?

Bitumen Grenzwert
Beim vollflächigen Schweißen von Bitumenbahnen entstehen Dämpfe und Aerosole aus Bitumen, die von den Dachdeckern eingeatmet werden können. Foto: BG BAU

Dachdecker setzen Bitumen bzw. bitumenhaltige Produkte sowohl kalt als auch heiß ein. Bitumenvoranstriche werden lösemittelhaltig bzw. als Emulsion zur Haftverbesserung vor dem Aufbringen von Bitumenbahnen aufgetragen, Bitumenkaltkleber zum Verkleben von Dachbahnen, Dämmstoffplatten, usw. verwendet. Bei diesen Kaltanwendungen von Bitumen entstehen keine Dämpfe und Aerosole aus Bitumen.

Werden lösemittelhaltige Bitumenvoranstriche in Räumen oder beengten Verhältnissen eingesetzt, ereignen sich beim anschließenden Schweißen von Bitumenbahnen immer wieder Verpuffungen, zum Teil mit Todesfolge. Selbstverständlich sollte es auch in den Betrieben bekannt sein, dass der Einsatz lösemittelhaltiger Produkte in Hallen und Räumen, generell in beengten Verhältnissen, nicht zulässig ist. Noch offensichtlicher ist, dass anschließend nicht mit einer offenen Flamme wie dem Brenner in diese Räume gegangen werden darf.

Beim vollflächigen Schweißen von Bitumenbahnen wird die Rolle kontinuierlich mit dem Gasbrenner erhitzt und auf dem dabei entstehenden flüssigen Bitumen abgerollt. Neben großflächigen Arbeiten sind an Ecken, aufgehenden Bauteilen, bei Entlüftungsschächten, Lichtkuppeln, Gullys usw. auch Klein- und Teilarbeiten nötig. Dabei wird die Bitumenbahn auf das notwendige Maß zugeschnitten, erhitzt, ggf. in der Fläche thermisch aktiviert und im Nahtbereich verschweißt. Hierbei entstehen Dämpfe und Aerosole aus Bitumen, die von den Arbeitern eingeatmet werden können.

Verschiedene Sorten von Bitumen

In der Raffinerie wird aus Rohöl durch unterschiedliche Prozesse Bitumen hergestellt. Das Grundprodukt wird als Destillationsbitumen oder „straight-run Bitumen“ bezeichnet. Es kann weiterverarbeitet werden, indem bei hohen Temperaturen unter kontrollierten Bedingungen Luft eingeblasen wird. Dabei oxidiert das Bitumen und es entstehen Air-Rectified Bitumen (angeblasenes Bitumen) bzw. Oxidationsbitumen (geblasenes Bitumen).

Staatliche Regelungen zu Bitumen

Bis 2005 gab es in Deutschland einen technisch begründeten staatlichen Luftgrenzwert von 10 mg/m³ für Dämpfe und Aerosole aus Bitumen. Wie viele andere Luftgrenzwerte wurde dieser Wert damals zurückgezogen. Seither gibt es keinen Arbeitsplatzgrenzwert, also keinen staatlichen Grenzwert. Bitumen bzw. Dämpfe und Aerosole aus Bitumen sind derzeit in Deutschland nicht als krebsverdächtig bzw. krebserzeugend eingestuft.

Die MAK-Kommission

Die ständige Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe der Deutschen Forschungsgemeinschaft (die MAK-Kommission) ist ein wissenschaftliches Gremium, das Stoffe hinsichtlich ihrer krebserzeugenden Wirkung einstuft und Grenzwerte festlegt, die MAK-Werte. Die weltweit beachteten Entscheidungen der MAK-Kommission werden jährlich im Sommer in der MAK- und BAT-Werte-Liste veröffentlicht ( www.dfg.de/dfg_profil/gremien/senat/arbeitsstoffe/ ).

In ihrer MAK- und BAT-Werte-Liste 2018 wird ein MAK-Wert von 1,5 mg/m³ für Dämpfe und Aerosole aus Destillationsbitumen bzw. Air-Rectified-Bitumen aufgeführt.
Dieser Wert bezieht sich auf eine Kalibrierung des Analyseverfahrens mit Bitumenkondensat. Die vom Gesprächskreis BITUMEN in zahlreichen Veröffentlichungen dokumentierten Expositionsdaten beziehen sich auf einen Mineralöl-Standard. Die Umrechnung erfolgt mit einem Faktor von 1,47, sodass in Bezug auf die im Folgenden diskutierten Messwerte ein MAK-Wert von 1,0 mg/m³ heranzuziehen ist.

Bitumen Schichtwert
Schichtbeurteilung anhand der tätigkeitsbezogenen Expositionswerte für einen Dachdecker, der morgens das Material auf eine Baustelle bringt, anschließend Bitumenbahnen auf dem Flachdach schweißt und Einbauteile (zum Beispiel Belichtungselemente) einbaut. Vor dem Feierabend wird aufgeräumt und Brandwache gehalten. Grafik: BG BAU

Bei der Gefährdungsbeurteilung sind MAK-Werte dann zur Beurteilung von Expositionen der Beschäftigten heranzuziehen, wenn kein staatlicher Grenzwert existiert (5.4.2 der TRGS 402 „Ist kein verbindlicher Grenzwert oder sind keine Beurteilungsmaßstäbe nach Nummer 5.3 bzw. 5.4.1 Absatz 2 vorhanden, kann der Arbeitgeber nach entsprechend fachkundiger Bewertung u.a. folgende Beurteilungsmaßstäbe zur Bewertung der Exposition heranziehen“: 1. MAK-Werte, 2. EU-Grenzwerte, 3. …).
Damit wird deutlich: MAK-Werte sind die erste Wahl, wenn Arbeitsplatzgrenzwerte nicht vorliegen. Arbeitsplatzgrenzwerte (AGW) sind einzuhalten – ein MAK-Wert ist bei der Gefährdungsbeurteilung zu berücksichtigen, das heißt, der Unternehmer muss bei einer Überschreitung erläutern, warum er seine Beschäftigten vorübergehend einer Belastung über dem MAK-Wert aussetzt und wie er die Exposition in Zukunft senken wird.
Die MAK-Kommission hat Dämpfe und Aerosole aus Bitumen auch neu eingestuft. Bisher waren in der MAK-Liste nur Dämpfe und Aerosole aus Bitumen aufgeführt, in der Kategorie 2 der krebserzeugenden Stoffe. Jetzt wurden Destillationsbitumen und Air-Rectified Bitumen als krebsverdächtig eingestuft (Kategorie 3), also weniger scharf wie bisher. Oxidationsbitumen ist in Kategorie 2 geblieben. Da die MAK-Kommission für krebserzeugende Stoffe der Kategorie 2 keine Grenzwerte festsetzt, gilt der MAK-Wert nicht für Oxidationsbitumen.

Fazit: Gefährdung durch Dämpfe ausgeschlossen

Beim Schweißen von Bitumenbahnen liegt die Exposition tätigkeitsbezogen bei 2,7 mg/m³. Da bei diesen Arbeiten ein langjähriger Trend zu niedrigeren Expositionen zu beobachten ist, ist damit zu rechnen, dass tätigkeitsbezogen die Expositionen um 2 mg/m³, unter Berücksichtigung expositionsfreier Arbeiten schichtbezogen um 1 mg/m³ liegen. Das bedeutet, dass die heutige Exposition bei einem Zehntel des früher gültigen Luftgrenzwertes liegt und damit sicher im Bereich des MAK-Wertes. Eine Gefährdung der Dachdecker durch Dämpfe und Aerosole aus Bitumen ist somit auszuschließen.

Den kompletten Beitrag lesen Sie in DDH 15.2019 .

Josef Rühle, Reinhold Rühl

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Letzte Aktualisierung: 02.08.2019