Bunte Biber für Hilfsprojekt

Mit 25 Tonnen Material im LKW und 5 Dachdecker-Azubis im Bus, machte sich Dachdeckermeister Rainer Groß, auf den Weg nach Rumänien. Das Ziel: die Sanierung eines historischen Kirchendaches in Metis.

mittelalterliche Kirche von Martinsdorf, Hilfsprojekt
Die ursprüngliche mittelalterliche Kirche von Martinsdorf wurde im 19. Jahrhundert abgetragen und bis auf den Westturm neu aufgebaut. Beim aktuelln Hilfsprojekt wurden die maroden Ziegel durch Potsdamer Biber, in den Farben Naturrot, Sinterrot und Ofenbunt ersetzt. Fotos: Rainer Groß / Verein Handwerkerschule Martinsdorf e.V.

Mit einfachen Arbeitsmitteln, gespendeten Materialien wie Unterdeckbahn und speziellen Biberschwanzziegeln, ging das Team ans Werk. Neben dem prächtigen Ergebnis, war es insbesondere das Erlebnis, was die Dachdecker bei dem Hilfsprojekt zusammenschweißte.

Die Baufachschule München hat in Zusammenarbeit mit der Bauinnung im Jahr 2010 begonnen, im Rahmen eines EU-Projektes eine Kirchenburg vom Bestand her zu sichern und zu restaurieren. Ab 2014 hat die Maler- und Lackiererinnung München im Rahmen eines eigenen EU-Projektes die Weiterführung der Restaurierung und Sanierung übernommen und dabei weitere Gewerke hinzugezogen. Der Projektpartner in Rumänien ist seitdem das zuständige Bezirkskonsistorium der Evangelischen Kirche AB in Medias. Heute ist der Projektträger die Handwerkskammer München/Oberbayern. Für die Projektdurchführung hat sich mittlerweile ein Verein gegründet, Handwerkerschule Martinsdorf e.V..

„Dieses Hilfsprojekt ist wirklich etwas Besonderes, im menschlichen wie im handwerklichen Sinne“, meint Rainer Groß, Lehrer an der Berufsschule Waldkirchen, der bereits mehrmals als Betreuer dabei war. „Die jungen Handwerker wachsen an ihren Aufgaben und sie helfen sich gegenseitig. Am Ende sind sie alle stolz auf das, was sie geschaffen haben.“

Reiner Groß Waldkirchen
DDM Rainer Groß betreute das deutsche Dachdeckerazubi-Team in Martinsdorf.

„Bereue keine Minute!“

Rainer Groß, Dachdeckermeister und Fachlehrer zum Projekt:

„Als ich 2016 gefragt wurde, ob ich an diesem Projekt teilnehmen möchte, zögerte ich nicht lange und sagte zu. Meine Mutter ist in Siebenbürgen geboren und ich wollte das Land und die Leute kennenlernen. Der erste Projektdurchgang war für mich sehr prägend. Die Kameradschaft der Lehrlinge und der Betreuer war und ist bis heute unbeschreiblich. Unter dem Motto ‚Wir suchen keine Probleme, wir finden Lösungen‘ wurden so manche Aufgaben in kurzer Zeit gelöst. Jedoch war für mich beim ersten Mal nicht alles perfekt. Wir haben im ersten Bauabschnitt wieder die alten Biber auf das Dach gedeckt. Da beim Abdecken schon viele kaputtgegangen sind, haben wir von anderen Gebäuden wiederum alte Ziegel geholt und auf das neu eingelattete Pfarrhaus gedeckt.

Für mich war dies nicht nachhaltig und ich suchte nach einer Lösung, die dauerhaft die Denkmalschutzanforderungen erfüllt. Mit der Firma Erlus fand ich einen Partner, der das Projekt nicht nur fachlich, sondern auch materiell unterstützt. Der Potsdamer Biber in den verschiedenen Farben hat auch die rumänische Denkmalschutzbehörde davon überzeugt, dass Qualität und Denkmalschutz gut im Einklang stehen können.

Wenn die Dachdeckung fertiggestellt ist, weiß ich, dass diese in den nächsten Jahrzehnten nicht mehr repariert werden muss und dauerhaft das Gebäude schützt. Wir haben alle gemeinsam ein Gebäude aus dem 14. Jahrhundert teilweise mit Handwerkstechniken aus dem letzten Jahrhundert und mit modernsten Materialien von heute ertüchtigt, noch viele Jahre zu bestehen. Ich habe bisher keine Minute bereut, an diesem Projekt mitzuarbeiten. Man erkennt schnell, wie einfach das Leben auch funktionieren kann. Die persönlichen Erfahrungen, nicht nur die der Lehrlinge, sind es jedes Mal wert, all die Entbehrungen unseres gewohnten Lebens auf sich zu nehmen. Auch das Vermitteln von Wissen und Fertigkeiten, welche heute nicht mehr in einem Lehrbuch stehen, ist für mich ein Grund, auch weiter dabei zu sein.“ //

Wichtig dabei ist ebenfalls die Einbeziehung der örtlichen Bevölkerung bei der Restaurierung ihrer Kulturdenkmäler, um ihr eine neue Identifikation mit ihrer eigenen Kultur und Kulturlandschaft zu ermöglichen. Das Projekt wird vom Verein Handwerkerschule Martinsdorf organisiert, Träger ist heute die Handwerkskammer München-Oberbayern. Der Dachziegelhersteller Erlus aus Neufahrn unterstützte das Projekt mit Potsdamer Biberziegeln.

Planung und Persönlichkeitsentwicklung im Einklang

Bereits bei den ersten Planungstreffen wurde immer darauf geachtet, die künftigen Arbeitsaufträge so auszurichten, dass eine enge Zusammenarbeit der Schüler aus den unterschiedlichen Gewerken gewährleistet ist.

Jeder soll dem anderen über die Schulter schauen können, um dabei Lernerfahrungen zu machen, die zum einen die Notwendigkeit einer vernünftigen Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Gewerken aufzeigt und zum anderen in die artverwandten Gewerke hinein das Erlernen von Fertigkeiten und Kenntnissen ermöglicht. Das Ganze soll als Abbildung einer beruflichen Realität zu sehen sein, wie sie auf den unterschiedlichsten Baustellen die Tagesordnung bestimmt.

Die Teilnahme an solchen Projekten wirkt sich fachlich und insbesondere persönlichkeitsfördernd für den Lebensweg der Schüler, Lehrlinge und Ausbilder aus.

Ein weiteres mit dem Projekt verbundenes Ziel ist es, mittelfristig die Attraktivität Siebenbürgens mit seinen einzigartigen Kulturdenkmälern zu erhalten und auszubauen, um den Boden für einen sanften Tourismus zu bereiten und damit wieder Leben in die Dörfer zu bringen und nicht zuletzt Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten für die ortsansässige Bevölkerung zu schaffen.

Gewerkübergreifendes Arbeiten und Lernen

Nach den bestandserhaltenden Arbeiten der Vorgängergruppen sollten die begonnenen Arbeiten an den Projektbaustellen umfassend weitergeführt werden, erklärt Groß.

Dabei wurde sehr schnell deutlich, dass bei der weiteren Restaurierung und Sanierung der Objekte die Zusammenarbeit der verschiedenen Gewerke eine wichtige Vorrausetzung für eine fachgerechte und nachhaltige Fortführung der Projektarbeit ist.

Bianca Marklstorfer, Paul Zielinski

Den ausführlichen Beitrag lesen Sie in DDH 19/2020.


Baustoffe für Dach und Wand

Das Standardwerk behandelt Herkunft, Herstellung, Eigenschaften und Anwendungsmöglichkeiten der verschiedenen Werkstoffe. Insbesondere im Bereich der Aus- und Weiterbildung ist der Titel ein unentbehrliches Hilfsmittel und entspricht dem aktuellen Rahmenlehrplan des Dachdeckerhandwerks.

Letzte Aktualisierung: 05.10.2020