Der Wert der Fremde

"Lernaufenthalt im Ausland" das klingt unspektakulär und nach wenig Mehrwert für den Betrieb. Das Gegenteil ist richtig, weiß Dachdeckermeister Benno Tamsen. Die Auslandserfahrungen der Lehrlinge haben seinen Betrieb auf allen Ebenen verbessert.

1611--600 Aufm DSC_0035_Ausschnitt.jpg
Mitarbeiter langfristig entwickeln: Benno Tamsen (rechts) ermöglicht Auszubildenden wie Jannik Schröder Lernaufenthalte im Ausland. Fotos: DDH

Wer früher die Prüfung zum Meister ablegen wollte, musste vorher auf die Walz gehen. Gesellen sollten fern der Heimat neue Arbeitspraktiken, Lebenserfahrung und fremde Orte kennenlernen. Die Bedeutung der zeitintensiven Wanderjahre ist seit langem rückläufig. Während immer mehr Studenten Erfahrungen im Ausland sammeln, spielt sich die handwerkliche Ausbildung zwischen Betrieb und Schule ab, Azubis bleiben meist in der Heimatregion.

Bei Holzbau Tamsen in Stuhr bei Bremen ist das anders. Fast alle Mitarbeiter von Zimmerer- und Dachdeckermeister Benno Tamsen haben im Ausland gearbeitet, in Spanien, Lettland oder Norwegen. Zuletzt war Dachdeckerlehrling Jannik Schröder vier Monate im norwegischen Levanger, der bisher längste Lernaufenthalt eines Tamsen-Mitarbeiters. Gefördert werden die Lernaufenthalte durch europäische Gelder im Programm "Leonardo-da-Vinci", organisatorische Hilfe bietet die Europaschule Syke (siehe Infokasten). Dennoch muss Tamsen viel regeln, regelmäßig auf seine Azubis verzichten und währenddessen auch noch die Ausbildungsvergütung weiterzahlen. Da drängt sich die Frage auf: warum das Ganze?

Warum das Ganze?

Rückblick: Als Unternehmer der Stadt Stuhr Ende 2003 beschlossen, den Austausch mit lettischen Unternehmern zu verstärken, gab es bereits seit 25 Jahren eine Städtepartnerschaft. Nun sollte eine Gewerbeschau im folgenden Jahr den wirtschaftlichen Austausch vorantreiben. Tamsen, damals Obermeister der Zimmererinnung, wurde angesprochen und kümmerte sich um die lettischen Handwerker. Parallel dazu entstand erstmals auf europäischer Ebene die Möglichkeit im Rahmen einer Ausbildung ins Ausland zu gehen. Wegen seines Engagements wurde Tamsen vom EU-Koordinator Knut Hanker (siehe Interview) gefragt, ob er bereit wäre, den Austausch mit Lettland voranzutreiben. "Ich wollte als Verfechter des lebenslangen Lernens meinen Auszubildenden einfach diese Erfahrung ermöglichen", beschreibt Tamsen seine ursprünglichen Motive. Schnell machte er die Erfahrung, wie positiv sich die Lernaufenthalte auf die Entwicklung seiner Lehrlinge auswirkte. "Für den Betrieb hat sich dadurch ein ganzes Bündel an Vorteilen ergeben. Wenn die Jungs zurückkommen, sind sie offener, selbstbewusster und übernehmen mehr Verantwortung."

1611-600 Schröder DSC_0030_1.jpg
"Man lernt, ganz anders auf Menschen zuzugehen." Jannik Schröder hat in vier Monaten Norwegen viele Erfahrungen gesammelt und Kompetenzen erworben.

Leben aus einer anderen Perspektive

Der Auslandsaufenthalt von Dachdeckerlehrling Jannik Schröder, zurzeit im dritten Lehrjahr, ist das neunte und jüngste Beispiel für die inzwischen eingeübte Praxis bei Holzbau Tamsen. Der Aufenthalt hat sich gelohnt, sagt Schröder: "Mit der Zeit wird man viel lockerer und lernt ganz anders auf die Menschen zuzugehen. Am Anfang musste ich mich natürlich eingewöhnen, aber nach einer Weile lebt man richtig im Land und ist viel stärker integriert." Unterschiede zur Heimat konnte der Dachdeckerlehrling viele feststellen: Eine andere Mentalität, unterschiedliche Arbeitsweisen, das ausgeprägte Nationalbewusstsein und Gemeinschaftsgefühl der Norweger Schröder hat viele Erfahrungen gemacht und das Leben aus der norwegischen Perspektive kennengelernt.

Auch der Blick für die handwerkliche Qualität hat sich geschärft. In Norwegen wird etwa viel mit Fertigteilen gearbeitet, wegen der geringeren Dachneigung spielt der Dachausbau nahezu keine Rolle. "Das deutsche Handwerk ist im Vergleich anspruchsvoller, wir lernen noch, wie man ein Dach von Hand baut", weiß Jannik Schröder. Diese Erkenntnis stellt Benno Tamsen bei vielen seiner Lehrlinge fest, die im Ausland gearbeitet haben. "Wenn die jungen Leute wiederkommen, haben sie ein Qualitätsbewusstsein entwickelt, dass sich im betrieblichen Alltag fortsetzt."

Malte von Lüttichau

Den ausführlichen Artikel lesen Sie in Ausgabe DDH 16|2011.

Letzte Aktualisierung: 04.06.2013