Die Last mit dem Schnee

Urteile im Zusammenhang mit Schäden durch herabfallende Schnee- oder Eisbrocken sind an der Tagesordnung. Regelmäßig beginnt dann der Streit, wer für solche Schäden haftet. Lesen Sie, wie der Dachdecker schon bei der Beratung zur Ausführung helfen kann.

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Mit Vorrichtungen zum Schutz gegen das Herabfallen von Schnee und Eis lassen sich Dachflächen sichern. Fotos: Werner
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Beim Einbau von Schneestoppern und/oder Schneefang-Vorrichtungen sind die vorhandenen Regelungen zu beachten.

Die zuständigen Ministerien in jedem Bundesland erstellen quasi als "Oberste Baubehörde" die jeweils geltende Landesbauordnung. Sie beinhaltet die zum Zeitpunkt der Bauantragstellung geltenden öffentlichen Vorschriften beziehungsweise die im Rahmen einer später durchgeführten Sanierung der Dachdeckung geltenden öffentlichen Vorschriften. In nahezu jeder Landesbauordnung ist eine Regelung über die Verkehrssicherheit enthalten, die in sehr allgemeiner Form und mit unterschiedlichem Wortlaut regelt, dass durch bauliche Anlagen die Sicherheit und Leichtigkeit des öffentlichen Verkehrs nicht gefährdet werden darf.

So wird die Schneelast ermittelt:

Im weiteren Verlauf der Landesbauordnung kann unter der entsprechenden Regelung für Dächer wie zum Beispiel im § 32 der Sächsischen Bauordnung (SächsBO) festgelegt werden, dass Dächer an Verkehrsflächen und über Eingängen Vorrichtungen zum Schutz gegen das Herabfallen von Schnee und Eis haben müssen, wenn die Verkehrssicherheit dies erfordert.

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Manche Bauordnungen wie die Bayerische Bauordnung (BayBO) enthalten sich weiterer Regelungen zu dem Thema Schneefang-Vorrichtungen. Sie stellen auf direkte Anfrage fest, dass die Regelung zur Verkehrssicherheit Maßnahmen gegen das Herabfallen von Schnee und Eis in ausreichender Form enthalte und damit keiner gesonderter Erwähnung bedarf. Für den Anwender, sei es nun der Planer einer Baumaßnahme oder der ausführende Betrieb, der gewohnt ist in Normen oder im Regelwerk für die erforderlichen Maßnahmen taugliche Vorschläge zu erhalten, stellt dies keine wirkliche Hilfe dar. Auch geben heutige Durchführungsverordnungen oder Vollzugshinweise zur jeweiligen Landesbauordnung überwiegend keine spezifischen Angaben über die geeigneten Maßnahmen wieder.

Regelungen von Städten, Gemeinden und Landkreise

Neben der Landesbauordnung der "Obersten Baubehörde" können die zuständigen Verwaltungsbehörden als "untere Bauaufsichtsbehörde" ergänzende Regelungen für Stadt, Gemeinde oder Landkreis treffen. Diese Vorgehensweise macht durchaus in den Bundesländern Sinn, in denen hinsichtlich der anzusetzenden Schneelast große Unterschiede bestehen. So haben besonders "untere Bauaufsichtsbehörden" in schneereiche Regionen, zum Beispiel in Bayern in Garmisch-Partenkirchen oder Reit im Winkl, ergänzende Regelungen für den Einbau von Schneefang-Vorrichtungen aufgestellt.

Mehr Infos zu Schneefangsystemen :

Die Möglichkeit der genaueren Interpretation der üblichen Schutzmaßnahmen im Zusammenhang mit Schnee und Eis ist auch in anderen Bundesländern möglich. Im Gegensatz zu der Landesbauordnung sind diese Vorschriften hinsichtlich der zu treffenden Maßnahme meist präziser. Sie können konkrete Angaben über die Art der Maßnahme wie Gitter, Rundhölzer, Rohranlagen sowie deren Ausgestaltung wie die Mindesthöhe der Gitter, dem Durchmesser von Rundhölzern und der Anzahl von Rohren machen. Auch über den Einbauort der Vorrichtung am Dachrand (was nach einem Urteil des Landgericht München II noch den Einbau in die dritte Ziegelreihe beinhaltet) und den zur eigentlichen Schneefang-Vorrichtung zusätzlichen Maßnahmen wie zum Beispiel dem flächigen Einbau von sogenannten Schneestoppern sind Regelungen bekannt. Für die Beratung des Kunden ist es daher besonders wichtig, über diese regionalen Besonderheiten Bescheid zu wissen, um dem Hausbesitzer Haftungsansprüche zu ersparen oder sich selbst vor vom Hausbesitzer durchgestellte Ansprüche Dritter zu schützen. Bei der zuständigen unteren Bauaufsichtsbehörde ist daher Auskunft über die geltenden örtlichen Bestimmungen einzuholen.

Das müssen Sie beim Schneeräumen beachten :

Betroffene Verkehrsflächen

Die öffentlichen Vorschriften beziehen sich natürlich nicht nur auf allgemein zugängliche Wege, Plätze und Straßen, sondern unter Umständen auch auf Privatwege. Dies ist zum Beispiel bei Reihenhäusern der Fall, wenn der Privatweg als Zugang zu den Eingängen genutzt werden muss, wie es beim Postboten häufig der Fall ist. Auch Wege zu Abfallcontainern und Wertstoffsammelstellen von Mehrfamilienhäusern sind natürlich für Mieter oder Personal der Abfallentsorgung zu schützen. Allerdings kann ein ausreichender Abstand des Weges vom Gebäude selbst in Abhängigkeit von der Anzahl der Geschosse und der Dachneigung genug Schutz bieten, so dass nur eine erforderliche Sicherungsmaßnahme über dem Eingang verbleibt. Ein Abstand des Weges von drei Metern zum Gebäude bei Gebäuden mit geringer Höhe hat sich in der Vergangenheit als ausreichender Schutz vor Dachlawinen erwiesen. Besonderes Augenmerk auf die Schutzmaßnahmen ist in Ballungsgebieten mit direkt angrenzenden Verkehrsflächen notwendig.

Von den öffentlichen Vorschriften nicht betroffen sind ausschließlich privat genutzte Flächen. So stellen Dachlawinen für spielende Kinder im Garten oder auf rückwärtigen Terrassen eine nicht zu unterschätzende Gefahr dar. Diese Nutzung kann jedoch im Gegensatz zu öffentlichen Verkehrsflächen wegen der drohenden Gefahr unterbunden werden. Natürlich kann auch die Anbringung von Vorrichtungen oberhalb von Loggien in der Dachfläche von Wohnhäusern eine sinnvolle Maßnahme sein; der Einbau wird jedoch nicht durch öffentliche Vorschriften gefordert.

Von Käufern von Reihenhäusern oder Dachwohnungen wird fälschlicherweise häufig der Einbau von Schneefang-Vorrichtungen über ausschließlich privat genutzten Flächen wie über den öffentlichen Verkehrsflächen erwartet. Es sollte daher in der Beratung darauf hingewiesen werden, dass zwar keine öffentliche Forderung zum Einbau besteht, dass aber der Einbau auch an diesen Dachrändern Sinn macht. Liegen nur allgemeine und wenig zielführende Regelungen in den oben genannten öffentlichen Vorschriften vor, sind diese natürlich interpretationsfähig und daher sehr häufig Anspruchsgrundlage der Geschädigten. Sind Sicherungsmaßnahmen am Dach vorhanden und kommt es trotzdem zu Schaden entbrennt der Streit über die Eignung der Maßnahmen zur Wahrung der Verkehrssicherungspflicht des Hausbesitzers.

Im Streitfall erfolgt die Klärung in aller Regel über die Einholung eines Gutachtens durch einen vom Gericht beauftragten öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen. In dieser Einzelfallbetrachtung wird nun die eingebaute Vorrichtung mit der Dachfläche zu analysieren sein. Leider ist in diesem Zusammenhang nicht immer nur Zutreffendes zu lesen. So hat zum Beispiel in München ein ö.b.u.v. Sachverständiger für Schäden an Gebäuden in dem vom Gericht beauftragten Gutachten vorgeschlagen, dass bei einem Tonnendach mit Doppelstehfalzdeckung die Dachfläche im Winter zu beheizen sei, da angeblich keine anderen wirkungsvollen Maßnahmen möglich wären.

Rechtlich auf der sicheren Seite: Zum Dachdeckerhandwerk Regelwerk

Bei einer ernsthaften Betrachtung der vielen unterschiedlichen Einflussparameter wird spätestens an dieser Stelle offenbar, dass die Komplexität geeigneter Vorrichtungen nicht in Form einer einfachen Festlegung zum Beispiel im Regelwerk des ZVDH gelöst werden kann. Aus Sicht des Verfassers ist es besonders erwähnenswert, dass keine Vorrichtung in der Lage ist, jegliches Herabfallen von Schnee und Eisstücken zu verhindern. Dies gilt insbesondere für das Durchrutschen kleiner Eismengen unter Rohranlagen bei Doppelstehfalzdeckungen in Verbindung mit dem Einbau von Eisstoppern zwischen dem unteren Rohr und der Deckung. Das Herabfallen von Schnee und Eis - trotz geeigneter ortsüblicher Vorrichtung - ist insbesondere bei starken Schneefällen möglich und liegt nach der ständigen Rechtsprechung im Verantwortungsbereich der Passanten.

Große Probleme verursachen in diesem Zusammenhang nachträglich aufgeständerte Sonnenkollektoren, die in einem Abstand von 10 bis 15 Zentimeter über der Dachdeckung möglichst bis zur Schneefangvorrichtung eingebaut werden. Die Verkehrssicherheit von ehemals geeigneten Vorrichtungen ist in diesem Fall nicht mehr gegeben und Schäden an Dritten vorprogrammiert. Der Dachdecker sollte in solchen Fällen beratend tätig werden.

Bauprodukte für Schneefangvorrichtungen

Insbesondere bei Versagen von Bauprodukten für Schneefang-Vorrichtungen stellt sich mitunter die Frage nach deren Eignung beziehungsweise deren Übereinstimmung mit geltenden Normen. Schneefang-Vorrichtungen sind in der Bauregelliste C enthalten. Dies bedeutet, dass es sich dabei um keine geregelten (genormten) Bauprodukte handelt und diese daher kein Übereinstimmungszeichen (Ü-Zeichen oder CE-Zeichen) führen dürfen. Das heißt nicht, dass damit auch alle Produkte für jeden Anwendungszweck geeignet sind. Über die durch die jeweilige Landesbauordnung als technische Baubestimmungen eingeführten Normen, zum Beispiel die DIN 1055-5, lassen sich die durch Schnee und Eis auf die Vorrichtung einwirkende Kraft berechnen. Es kann daher den Stützen anhand der Dachfläche und der Anzahl der Stützen eine konkret einwirkende Kraft zugeordnet werden. Dringend erforderlich sind daher Angaben der Hersteller von System- und Einbauteilen zur aufnehmbaren Kraft der Stützen, wie sie von einigen bereits gemacht werden.

Gleiches gilt natürlich für die Befestigung, die da üblicherweise aus Nägel oder Schrauben in Holz nach DIN 1052 berechnet werden kann. Wünschenswert wären daher für die Anwender neben der aufnehmbaren Kraft der Stütze auch die erforderlichen Angaben zu den Befestigungsmitteln. Diese Angaben sollten die maximal aufnehmbare Kraft der Stütze einschließlich der erforderlichen Befestigungsmittel unter Angabe der dafür erforderlichen Mindestholzquerschnitte umfassen. Speziell bei den Systemteilen, die üblicherweise in Dachlatten befestigt werden, ist der weitere Kräftetransport über Konterlatte in die tragenden Bauteile anzugeben. Bei Systemteilen ist aufgrund der dort verwendeten kleinen Holzquerschnitte in der Regel nur von geringen möglichen Kräften auszugehen. Die Systemteile werden im Zusammenhang mit Schneefang-Vorrichtungen hinsichtlich der aufnehmbaren Kräfte oft überschätzt. Eine Kombination mit in der Dachfläche regelmäßig eingebauten Schneestoppern zum flächigen Halt der abscherenden Schneelast oder der Einbau von zusätzlichen Reihen entspricht bei ausdrücklichem Wunsch des Auftraggebers nach solchen Systemen einer sinnvollen Lösung.

Faktoren Schneefang Vorrichtungen:

Wichtige Faktoren für die Feststellung der Eignung von Schneefang-Vorrichtungen gemäß der allgemeinen Verkehrssicherungspflicht sind unter anderem:

die zu erwartende durchschnittliche Schneelast nach DIN 1055-5

die tatsächlich vorhandene Schneemenge anhand den Angaben des Deutschen Wetterdienstes und den bei Schadenseintritt vorhandenen Witterungsverhältnissen

die Gliederung der Dachfläche und einer eventuellen Anhäufung von Schnee in Teilbereichen wie zwischen Gauben, Kehlen usw.

die Anordnung der Vorrichtung in der Dachfläche und gegebenenfalls der vorhandenen Gauben

die Sicherung bei geknickten Dachflächen an jedem Dachrand

dem Rückhaltevermögen der gewählten Vorrichtung und deren Angemessenheit hinsichtlich der dahinterliegenden Dachfläche

der Eignung der verwendeten Befestigungsmittel von System- und Einbauteilen bei abgerutschten Vorrichtungen

die fehlende ausreichende Weitergabe der abscherenden Schneelast in tragende Bauteile des Dachstuhls insbesondere bei Dachdeckungsprodukten mit integrierten Stützen für Vorrichtungen

die Eignung der verwendeten Produkte in Anbetracht der zu erwartenden La

Wolfgang Werner

Den ausführlichen Beitrag lesen Sie in DDH 04/2010

Wie Winterdienste arbeiten auf sz.de

Letzte Aktualisierung: 22.01.2019

Die Last mit dem Schnee

Auseinandersetzungen nach Schäden durch herabfallende Schnee- oder Eisbrocken sind an der Tagesordnung. Regelmäßig beginnt dann der Streit,wer für solche Schäden haftet. Lesen Sie, wie der Dachdecker schon bei der Beratung helfen kann.

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