Diskussionen im Bereich des Gefälles

Gut zwei Jahre nach der Novellierung der Fachregel für Abdichtungen Flachdachrichtline kommt zunehmend eine alte/neue Diskussion zum Gefälle bei nicht genutzten und genutzten Dachflächen auf. Unterschiedlicher können die Meinungen kaum sein.

.Das Gefährliche dabei ist, dass Fehlinterpretationen des bestehenden Regelwerks und der Aussagen in der DIN 18195 (Bauwerksabdichtungen) zu Falschgutachten und damit zu erheblichen wirtschaftlichen Schäden führen können. Sehr oft werden statt sachlicher Auslegung der Regeln private Meinungen als das Maß der Dinge und als Muss bei der Ausführung angegeben. Insbesondere bei vielen allgemein vereidigten Sachverständigen ohne ein erhöhtes Detailwissen rund um den Bereich des Dachs und der Abdichtung werden Gutachten verfasst, die diese Fehlinterpretationen beinhalten. Grundlage der Fehlinterpretation ist die Deutung der modalen Hilfsverben, die Bestandteil der Grundregel des Dachdeckerhandwerks sind. Schon im nachfolgenden Beispiel wird deutlich, wie wichtig diese richtige Deutung tatsächlich ist.

2.3.1 Dachneigung und Gefälle

(1) Flächen, die für eine Auflage einer Dachabdichtung und/oder der damit zusammenhängenden Schichten vorgesehen sind, sollen für die Ableitung des Niederschlagswassers mit Gefälle von mindestens von 2% geplant werden.

(2) ... Für Dachabdichtungen der Anwendungskategorie K2 ist ein Gefälle von mindestens 2% in der Abdichtungsebene ... einzuhalten.

Wird also bei Absatz (1) noch eine Ausnahme (sollen) zugelassen, so gibt es bei dem zweiten Absatz eine solche Ausnahme nicht mehr.

[Quelle: Flachdachrichtlinie: Kommentare eines Sachverständigen, Rudolf Müller Verlag]

Es gibt durchaus begründete Fälle, in denen auch bei einem Neubau auf ein Gefälle verzichtet werden kann. Dieses kann z. B. eine aus einer Not heraus gegebenen ungünstigen Gebäudegeometrie resultieren, auch wenn sich möglicherweise der Planer eines solchen Gebäudes eine Fehlplanung wird vorwerfen lassen müssen. Es können aber auch unter Umständen wirtschaftliche Aspekte dazu führen, auf ein Gefälle < 2% ausweichen zu müssen.

Dächer ohne Gefälle sind grundsätzlich in die Anwendungskategorie K1 einzuordnen. Die Stoffauswahl hat in diesen Fällen allerdings nach Anwendungskategorie K2 zu erfolgen. Es wird immer wieder behauptet, dass sich hier die neue Fachregel enorm von der alten entfernt habe. Dieses stimmt nicht! Auch wenn es den Begriff der "Sonderkonstruktion" in dem neuen Regelwerk nicht mehr gibt, so sind aber die erhöhten Anforderungen an die Qualität der Werkstoffe geblieben oder teilweise, z. B. im Bereich der Kunststoffbahnen oder der Flüssigkunststoff-Abdichtungen, weiter erhöht worden.

Die Erfordernisse, die eingehalten werden müssen, werden in der Anwendungskategorie K2 eindeutig beschrieben.

Bei den genutzten Dachflächen, also den Bauwerksabdichtungen, kann die Problematik allerdings über einen anderen, dem Dachdecker manchmal fremden, Weg kommen. Gemeint ist hier der Belag. Soll der Belag z. B. in einem Mörtelbett verlegt werden, so sind an ein Gefälle unter Umständen wieder erhöhte Anforderungen zu stellen und das obwohl die DIN 18195 keine Vorgaben (Prozentangaben) für ein Gefälle macht. Der Dachdecker muss wesentliche Aufgaben wahrnehmen. Ist er beim Bauen im Bestand gleichzeitig der Planer, so muss er mit dem Bauherren auch die Frage des Oberflächenbelags klären. Er muss ihm gegenüber dann Bedenken anmelden, wenn ein Dach ohne Gefälle geplant wurde, aber ein Belag zur Ausführung kommen soll, der ein Gefälle benötigt, wie es bei Natursteinbelägen sehr oft der Fall ist. Ist er nicht Planer und dieser hat ein gefälleloses Dach ausgeschrieben, so muss der Dachdecker den Planer nach der Art des geplanten Belages befragen und ggfs. Bedenken anmelden.

Es gibt juristische Meinungen, die definieren die Funktionalität einer Bauwerksabdichtung über den gesamten Aufbau, also auch den Belag. Funktioniert dieser nicht, weil es z. B. zu deutlich erkennbaren Verfärbungen in Teilbereichen des Belags kommt, wird der Dachdecker als Auftragnehmer der Abdichtung in die Haftung genommen, auch wenn er den Belag nicht aufbringt, es aber versäumt hat, rechtzeitig Bedenken anzumelden. Plant der Dachdecker seinerseits Dach mit einem Gefälle < 2% so muss er den Bauherren über die Risiken aufklären und sich die geplanten Ausführungen freizeichnen lassen.

Fazit: Die Fachregel für Abdichtungen und die DIN 18195 lassen Dachkonstruktionen mit einem Gefälle < 2% nach wie vor zu. Eine unbedingte Forderung nach einem Gefälle gibt es nicht. Allerdings sind die erhöhten Anforderungen an solche Konstruktionen über eine bessere Werkstoffqualität auszugleichen.

Letzte Aktualisierung: 22.12.2010