Doppelmulde für Goldstein

DDM Jürgen Rohr übernahm die Sanierungsarbeiten an einem denkmalgeschützten Ausflugslokal im Wiesbadener Goldsteintal. Für ihn und seinen Sohn gehörten zahlreiche Kehlen, Grate und Dachdetails sowie umfangreiche statische Ertüchtigungsmaßnahmen des Holztragwerks zum Sanierungsprogramm. Dabei kam sogar historisches Hebewerkzeug des Vaters zum Einsatz.

Goldsteinhaus im Goldsteinthal
Das Goldsteinhaus im Goldsteinthal bei Wiesbaden erstrahlt nach einer rund 20-monatigen Sanierungsphase in neuem Glanz. Fotos: BMI Braas

Für Dachdeckermeister Jürgen Rohr aus Eltville und seinen Sohn war es ein besonderer Auftrag. Das alteingesessene und beliebte Schützenhaus, ein Ausflugsziel im Goldsteintal bei Wiesbaden sollte renoviert und als Restaurant der gehobenen Gastronomie wiedereröffnet werden. Das Fachwerkgebäude aus dem Jahre 1911 war in einem desolaten Zustand, nach mehreren Überschwemmungen war seine Zukunft unklar. Bis sich mit dem Unternehmer Michael Conradi, Gründer der Schuhmarke Buffalo, ein Käufer fand, der mit viel Freude die umfangreiche Sanierung in die Hand nahm. Mit dem bekannten Wiesbadener Gastronom Günter Gollner konnte ein Pächter gefunden werden, der das Restaurant betreibt und seine Gäste seit dem Frühjahr 2019 vor allem mit österreichischen Spezialitäten, asiatisch inspiriert, und feinen Weinen verzückt.

Pilzbefall und fehlerhafte Konstruktion

Nach langer Renovierungsphase wurde das Restaurant nach über 20-monatiger Umbau- und Renovierungsphase wiederöffnet. Die Neugebauer Architekten aus Wiesbaden planten in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege die Umbauarbeiten und verließen sich in vielen Fachfragen auf den erfahrenen Dachdeckermeister mit seinen Lösungsansätzen. Der besondere Sanierungsbedarf ergab sich auch aus der Analyse des bestehenden Kehlbalkentragwerks. Zahlreiche Streben und Sparren des Dachtragwerks waren in Folge von Durchfeuchtung und Pilzbefall geschädigt. In der Vergangenheit unfachmännisch abgetrennte Stuhlsäulen des liegenden Kehlbalkendaches veränderten über die Jahrzehnte die Statik des gesamten Gebäudes und führten unweigerlich zu Setzungen im Dachgeschoßbereich, die sich auch auf die Decken des geplanten großen Gastraumes auswirkten. Im Zuge der statischen Ertüchtigung des vielfach gefaltetem Dachtragwerks wurden so zahlreiche Fußschwellen, Binder und Stützen sowie Kehlbalken und Sparren fachgerecht erneuert oder ergänzt.

Neues Tragwerk: made by Dachdeckern

Besonders war es, dass in Folge der komplizierten Bauabläufe auch die Ertüchtigung des Dachtagwerks von den Dachdeckern übernommen wurde. Das Team von Jürgen Rohr, sein Sohn Leon, Geselle im Dachdeckerhandwerk, sowie in den Schulferien auch Sohn Luca doppelten in Abstimmung mit der Denkmalpflege sowie dem Statiker die Sparren unterseitig auf. Diese wurden so statisch ergänzt und das äußere Erscheinungsbild der Dachlandschaft nicht beeinträchtigt. Um das Dachgeschoss zu Übernachtungszwecken zu nutzen, nicht jeder Gast will nach einem kulinarischen Verwöhnmenu nach Hause fahren, konnte der durch die Aufdopplung entstehende zusätzliche Sparrenzwischenraum für den Einbau der mineralischen Wärmedämmung eingeplant werden. Für den regensichernden Schutz des Daches sowie der darunter liegenden Bauteilschichten ordneten die Dachdecker nach dem Abriss der alten Dachdeckung, bestehend aus alten Doppelmuldenfalzziegel inklusive Dachlatten, als Behelfsdeckung eine diffusionsoffene Unterdeckbahn an. Die Unterdeckbahn besteht aus einem robusten 4-lagigen Verbund mit Polyolefin-Film, -Gitter und -Spinnvliesen und erleichtert durch eine Doppelklebezone im Überlappungsbereich die wasser- und winddichte Verklebung. Die Bahn gilt mit einem sd-Wert von 0,03 als diffusionsoffen.

DDM Jürgen Rohr
Stark im Team: DDM Jürgen Rohr (links) und Sohn Leon

Das „Goldstein“ war nach Ihrer Aussage für alle Beteiligten ein besonderes Objekt. Wie kommt man an so einen Auftrag?

DDM Jürgen Rohr: Wir haben schon lange eine enge Beziehung zum Bauherrn und konnten mit unseren Erfahrungen bereits viele Projekte gemeinsam realisieren. Wir pflegen diese Beziehungen. Dabei spielt das gegenseitige Vertrauen eine wichtige Rolle.

Wie kommt es eigentlich dazu, dass ein Dachdeckermeister auch mit den umfangreichen Sanierungsarbeiten eines Dachstuhls beauftragt wird?

DDM Jürgen Rohr: Ich bin auf Baustellen und mit Holz groß geworden. Bereits in der Werkstatt meines Opas, er war Kirchenschreiner, habe ich als Kind schon mit dem Material gearbeitet. Aus Zeitgründen habe ich damals nach meiner bestandenen Prüfung als Dachdeckermeister den Zimmerermeister, aber auch den Spenglermeister nicht mehr gemacht. Ich hatte einfach so viel Arbeit. Aber ich habe mir immer alles abgeschaut und vor allem viel darüber nachgedacht, wie ich es besser machen kann. Wir machen also alle Arbeiten, nicht nur Schiefer und Dachziegel, sondern alle Holzarbeiten und auch Kirchtürme mit Metalldeckung. Dazu haben wir uns vor einigen Jahren auch ein 6-m-Abkantbank zugelegt. Die gibt es in unserer Region nicht so oft.

Was war das Besondere auf der Baustelle des Hauses „Goldstein“?

Geselle im Dachdeckerhandwerk, Leon Rohr: Der Zustand des Gebäudes war desolat. Die Gauben waren eingesackt und führten zu Feuchteschäden.

In der Vergangenheit wurden wichtige statische Holzbauteile des Dachstuhls unfachmännisch entfernt. Das führte dazu, dass die Decke über dem Gastraum um 18 cm durchhing. Hier sollte die Decke wieder hochgedrückt und neue Träger eingebaut werden. Die Architekten haben meinen Vater gefragt: Wer kann das machen?

DDM Jürgen Rohr: Wir haben dann wie die alten Ägypter die mächtigen neuen Stahlträger auf Eisenrohren in das Gebäude gerollt und im Gastraum gedreht.

Mit einer alten Stockwinde konnten wir dann die Decke wieder hochdrücken und die neuen Stahlträger einsetzen. Das war allerdings wegen der Kappendecken im Keller nicht ganz unproblematisch. Hier mussten wir ein sicheres statisch bemessenes Widerlager aufsetzen, um die Kellerdecke nicht zu beschädigen und durchzubrechen.

Wie kalkuliert man eigentlich die vielen Kehlen, Grate und Dachverschnitte auf so einem Dach?

DDM Jürgen Rohr: Da braucht es bei so einem Objekt schon viel Erfahrung. Bei der Vielzahl von Schnitten und bei den großen Sparrenlängen ist das nicht immer wirtschaftlich zu lösen. Die Einteilung der Dachflächen für die Dachziegel war wegen des großen Verschiebespiels unproblematisch. Das Schneiden an den vielen Graten und Kehlen war aber eine Quälerei. Aber es soll auf alle Fälle immer schön werden. Wir machen „schöne Dächer“. Dabei lernt mein Sohn auch immer dazu und es zeigt sich: Wissen kann man übertragen, Erfahrungen muss man selber machen.

Wie gehen Sie und Ihr Team mit dem Thema Corona um?

DDM Jürgen Rohr: Wir halten uns da an die wichtigen AHA-Regeln. Gott sei dank müssen wir auf dem Dach keine Fenster zum Lüften aufmachen. Aber grundsätzlich gilt für alle aus unserem Betrieb, dass wir uns nicht nur auf der Baustelle, sondern vor allem auch im Privaten an die gängigen Regeln halten. Und das bedeutet für meine Jungs auch, dass es augenblicklich leider keinen Sinn macht, „Party“ zu feiern. Wir können uns auch gar keinen Ausfall leisten, denn es gibt Arbeit ohne Ende.

Hanns-Christoph Zebe

Den ausführlichen Beitrag lesen Sie in DDH 21/2020.

Letzte Aktualisierung: 06.11.2020