"Einigt Euch im Vertrag!"

Zur Aktualisierung der Flachdachrichtlinie erschien Mitte November der neue Sachverständigenkommentar von Stefan Ibold. Im Interview spricht er über das Konkurrenzverhältnis von Fachregel und Norm, Nutzen und Grenzen einer Kommentierung und sagt, warum die Dokumentation jetzt noch wichtiger wird.

Stefan Ibold_Interview
Was will das Regelwerk an bestimmten Stellen eigentlich sagen? Der neue Kommentar von Stefan Ibold bietet die Lesart eines Sachverständigen, soll aber auch helfen, sich selbstständig mit der Flachdachrichtlinie auseinanderzusetzen. Fotos: DDH

Herr Ibold, die Flachdachrichtlinie ist in der Praxis angekommen und seit Mitte des Jahres gilt die novellierte Fassung der 18531. Was heißt das für die Praxis der Dachdecker?
Aktuell haben wir zwei regelgebende Werke, die sich in Teilen deutlich unterscheiden – allein schon durch die Anwendungskategorien, nun Anwendungsklassen, die die Norm beibehalten, die die Fachregel aber abgeschafft hat. In der Bewertung von Dacharbeiten werden wir als Sachverständige zukünftig unterscheiden müssen, nach welchen Regeln Dachdecker ausgeführt haben.

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Sie und der ZVDH empfehlen, die Fachregel als Grundlage des Werkvertrags zu verwenden. Lässt sich das in der Praxis überhaupt durchsetzen? Viele Planer haben doch eher einen Normenbezug.
Stimmt. Planer, die keinen handwerklichen Hintergrund besitzen, sind tendenziell viel normengläubiger, die lesen die Norm und setzen sie auch um. In den Vorbemerkungen von Werkverträgen finden wir häufig die Formulierung: „… gemäß der Fachregel des Deutschen Dachdeckerhandwerks und gemäß der einschlägig gültigen Norm“. In diesem Fall haben wir möglicherweise ein Problem. Wir haben die gleiche Situation auch zwischen den Fachregeln für Metallarbeiten im Dachdeckerhandwerk und den Klempnerfachregeln. Letztlich gibt es für den Dachdecker kaum eine Alternative dazu, das Gespräch mit dem Planer zu suchen, um zumindest eine Eindeutigkeit herzustellen, wonach gebaut werden soll.

Bei einer Konkurrenzsituation von Regelwerk und Norm kommt schnell die Frage nach dem Stellenwert auf. Wo verorten Sie die beiden Texte?
Nirgendwo sonst sind Ausführungen so detailliert und genau festgehalten, insofern ist die Fachregel aus meiner Sicht die oberste Richtschnur für Arbeiten am Dach. Die Fachregel sollte den Standard setzen, den die Industrie einzuhalten hat – und nicht andersherum. Das hat aber gleichzeitig zur Folge, dass das Regelwerk vergleichsweise umfangreich und komplex ist – das macht es unübersichtlicher.

G ibt es seitens der Dachdecker die Erwartung an die regelgebenden Akteure, sich auf einheitliche Inhalte zu einigen, damit sie es in der Praxis leichter haben?
Am Ende geht es immer ums Geld. Natürlich gefällt es Teilen der Industrie nicht, wenn Kaltselbstklebebahnen bei thermischer Bearbeitung 3,2 mm statt 2,8 mm Dicke aufweisen müssen. Das schmälert den Einsatzbereich dieser Bahnen und wird von Herstellerseite nicht mit Begeisterung aufgenommen. Aus meiner persönlichen Sicht haben sich diese Bahnen aber allenfalls unter Laborbedingungen bewährt, nicht in der Praxis. Die Norm wird letztlich vor allem durch die Industrie finanziert und der dortige Einfluss ist einfach größer als bei der Entstehung des Fachregelwerks. Das muss man ganz klar so sehen.

Wie schlagen sich aktuelle Änderungen in Fachregel und Normenlage in Ihrem Kommentar nieder?
Der Kommentar berücksichtigt die Konkretisierungen im Fachregelwerk Stand November 2017 und die Normenlage rund um die neue DIN 18531. Das beinhaltet natürlich neue Begrifflichkeiten in der Norm wie die Anwendungsklassen. Auch ist der absolute Zwang zum Gefälle bei fertiger Leistung im K2-Dach so nicht mehr gegeben. Hier gibt es also eine leichte Abschwächung und damit bereits wieder eine zarte Tendenz der Annäherung zwischen Norm und Fachregel.
Generell habe ich mir erlaubt, an der einen oder anderen Stelle den Finger etwas mehr in die Wunde zu legen und etwas kritischer zu sein. Um zum Denken anzuregen, muss man manchmal eine Situation auch etwas zuspitzen. Letztlich ist ein Kommentar eine eigene Meinung, eine eigene Interpretation. Der Kommentar spiegelt aber auch die Erfahrung zum Thema wider, die ich in den acht Jahren seit Erscheinen der ersten Auflage gemacht habe. Nach meinem Eindruck sind einige der Kritikpunkte aus der ersten Auflage durchaus eingeflossen in das neue Fachregelwerk.

Dient der Kommentar als Einstieg in die Fachregeln? Hilft das Buch dabei, sich überhaupt eingehender mit der Materie zu befassen? Es soll ja auch Regelwerke geben, die im Regal verstauben.
Grundsätzlich ja. Ein Vorteil des Kommentars ist, dass er sich flüssiger lesen lässt, weil man die Möglichkeit hat, eine andere Sprache und ein leichter zugängliches Vokabular zu benutzen. Das heißt andersherum: Ein Kommentar kann die Fachregel gar nicht ersetzen. Die Fachregel ist das, was gilt. Ich kann nur umreißen, was man daraus lernen kann, und beschreiben, was funktioniert. Der Kommentar soll dabei helfen, die hinter den neutral formulierten Texten stehenden Meinungen, Tendenzen, Auffassungen und Richtungen zu betonen und damit sichtbarer zu machen. Im Kommentar kann ich auf Basis meiner Interpretation die Frage beantworten: Was will die Fachregel an einer bestimmten Stelle eigentlich sagen? Im Idealfall rege ich die Leser damit zum Nachdenken an und sie stellen sich die Frage: Was will ich selbst denn eigentlich?

Ibold Schikorra_Interview
Buchautor Stefan Ibold im Gespräch mit Ute Schikorra, Produktmanagerin bei Rudolf Müller.



Welche Rolle spielt die Dokumentation eigener Arbeiten?
Juristisch eine große: Auf Kundenseite verbreitet sich zunehmend eine Sichtweise, nach der der Dachdecker von vornherein nachweisen muss, dass er eine mangelfreie Arbeit abgeliefert hat. Das funktioniert überhaupt nur mit einer guten Dokumentation. Auch Versicherer sichern sich bei Bauvorhaben seit einiger Zeit wieder verstärkt finanziell ab, was dazu führt, dass unter dem Strich mehr geklagt wird. Deshalb kann ich jedem nur empfehlen: das, was vereinbart ist, rechtswirksam dokumentieren und unterzeichnen lassen. Auch bei vermeintlich kleineren Sachen: generell gegenzeichnen lassen, damit man weiß: „Ja, hat er verstanden.“ Das gilt natürlich besonders für Vereinbarungen, die sich auf Wunsch des Kunden außerhalb von Regelwerk und Norm bewegen. Hier muss der Dachdecker auch nachweisen, dass der Auftraggeber verstanden hat, welche Nachteile sich aus der vereinbarten Lösung ergeben können. Dabei muss der Dachdecker auch darauf achten, sich nicht selbst in für ihn nachteilige Situationen zu manövrieren. Bestenfalls ergänzen sich Kenntnis der Fachregel und selbstständiges Denken, um rechtzeitig rechtswirksam Bedenken beim Bauherrn und möglicherweise zusätzlich beim Architekten anzumelden.

Stefan Ibolds Praxistipps



Transportiert der Kommentar zentrale Botschaften?
Die zentrale Botschaft ist – gerade auch weil Fachregel und Norm inhaltlich voneinander abweichen: Einigt euch im Vertrag! Beschreibt das, was ihr und der Bauherr möchtet, und lasst es gegenzeichnen! Das ist aufwendig, gibt aber eine Menge an Rechtssicherheit. Man darf sich als Dachdecker nicht stoisch auf sein Regelwerk verlassen, man muss es auch zum Bauherrn transportieren.
Letztlich wollen wir nur dieses eine Regelwerk haben. Wenn wir gut ausgebildete Leute haben wollen, brauchen wir ein Werk als zentralen Orientierungspunkt, nach dem wir verfahren und das als anerkannte Regel der Technik gilt. Der Kommentar soll dabei helfen, die Fachregel in der Praxis mit noch mehr Leben zu füllen, damit im besten Fall Planer und Verarbeiter eine Sprache sprechen und Arbeiten von Sachverständigen nachvollziehbar begutachtet werden können. 

Malte von Lüttichau

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Letzte Aktualisierung: 03.11.2017

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