Erste Pflicht: „Oben bleiben!“

Zeitmangel oder fehlende Anschlageinrichtungen sind häufig der Grund für unterlassene Sicherheitsvorkehrungen – eine Ausrede gibt es aber nicht. Wer bei der Absturzsicherung nachlässig ist, verstößt gegen verbindliche Vorschriften, gefährdet den Versicherungsschutz der Berufsgenossenschaft – und riskiert sein Leben.

Erste Pflicht: oben bleiben!
Die notwendige Schutzausrüstung zu beschaffen und sein Personal zu schulen – das ist Chefsache. Diese auch zu tragen liegt in der persönlichen Verantwortung jedes einzelnen Dachdeckers. Fotos: ABS Safety

Dacharbeiten kann man – gerade bei milden Wintern – fast das ganze Jahr hindurch beobachten. Was man jedoch leider deutlich seltener sieht, sind Dachdecker, die sich sorgfältig gegen Abstürze sichern. Gesetzgeber und Berufsgenossenschaften sind sich einig: Bei der Absturzsicherung hat Kollektivschutz Vorrang. So steht es unter anderem in der DIN EN 4426 „Einrichtungen zur Instandhaltung baulicher Anlagen“. Konkret heißt das, dass Arbeitsbereiche in der Höhe nach Möglichkeit mit einem Seitenschutz zu sichern sind, also etwa permanent mit einem Schutzgeländer oder mit einem Gerüst, wenn die Sicherung nur in der Bauphase erfolgen muss. Der Vorteil solcher kollektiv schützenden Maßnahmen liegt auf der Hand – sind Absturzkanten mit einem Seitenschutz gesichert, müssen sich die Beschäftigen in der Regel nicht mit zusätzlicher Persönlicher Schutzausrüstung gegen Absturz (PSAgA) sichern. Dadurch sinkt nicht nur der Arbeitsaufwand, sondern zugleich auch das Risiko einer Fehlbedienung. Dennoch ist Aufmerksamkeit das A und O bei der Arbeit des Dachdeckers; denn schon während der Installation der Absturzsicherung besteht ein Unfallrisiko. Und nach aktuellen Zahlen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin sterben immer noch jede Woche ein bis zwei Personen auf deutschen Baustellen infolge eines Absturzes (Unfallverhütungsbericht Arbeit 2013, baua).

Gefahrenbereich Absturzkante

In der Praxis ist Kollektivschutz nicht auf jedem Dach zu finden. Gerüste und Fangnetze gehören auf Baustellen zwar zum Standard; doch nicht selten ist der Auftrag des Dachdeckers zu überschaubar, um den Einsatz eines Gerüstbauers zu rechtfertigen. Fehlt ein Seitenschutz, sind besondere Aufmerksamkeit und Sachkenntnis vom Dachdecker gefragt. Gesetzgeber und Berufsgenossenschaften bieten hier verbindliche Richtlinien. Laut DGUV-Information 201-056 (vormals BGI 5164) etwa sind auf Dächern Wege, die näher als 2 m zur Absturzkante liegen (ab einer Gebäudeaußenkante von 3 m und höher), als absturzgefährdeter Bereich definiert, der zu sichern ist.

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Sicheres Arbeiten auf Spannung: Die integrierte Feder des abgebildeten Höhensicherungsgerätes hält das Seil oder Gurtband kontinuierlich leicht auf Spannung, es arretiert erst bei einem Sturz.

Dieser Hinweis findet sich auch in der ASR A2.1 „Schutz vor Absturz und herabfallenden Gegenständen, Betreten von Gefahrenbereichen“; ausgenommen sind hier allerdings Dächer bis zu einer Höhe von 3 m, wenn die Grundfläche nicht mehr als 50 Quadratmeter und die Dachneigung höchstens 22,5° beträgt. Diese und weitere Vorgaben zu beachten und eine entsprechende Schutzausrüstung zu tragen, liegt in der persönlichen Verantwortung jedes einzelnen Dachdeckers. Die notwendige Schutzausrüstung für den Dachdecker zu beschaffen und sein Personal zu schulen (oder schulen zu lassen), ist Chefsache.

Immer dabei: die richtige Ausrüstung

Dachdecker sollten immer eine vollständige, gut gepflegte Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz (PSAgA) zur Hand haben. Dazu zählen in erster Linie ein gut sitzender Auffanggurt (zertifiziert und gekennzeichnet nach DIN EN 361), ein oder mehrere Verbindungsmittel (nach DIN EN 362) und ein Schutzhelm mit Kinnriemen (nach DIN EN 397). Diese Schutzausrüstung stellt der Betrieb den Angestellten. Außerdem schreibt die DGUV-Regel 112-198 (vormals BGR 198) vor, dass die Ausrüstung mindesten alle 12  Monate von einem Sachkundigen für PSAgA geprüft werden muss. Der kontrolliert die Schutzausrüstung auf Abnutzung und Korrosion, beschädigte Nähte oder defekte Verschlüsse und weitere Mängel .

Michael Podschadel

Normen und Regeln

Sicherheit ist oberstes Gebot

Eine der wichtigsten Grundlagen im Bereich der Absturzsicherung lautet: Ab einer Gebäudeaußenkante von 3 m (Dächer bis 150 m²)/2 m (Dächer ab 150 m²) und höher gilt es sich laut ASR 2.1 gegen Absturz zu sichern. Der Gefahrenbereich zur Absturzkante beträgt dabei 2 m. Auf keinen Fall darf in Vergessenheit geraten, dass es diesen Gefahrenbereich auch um Lichtkuppeln und Lichtbänder gibt. Eine professionelle Planung sollte man deshalb immer in die Hände von Fachpersonal legen, beispielsweise produzierenden und vertreibenden Firmen für Absturzsicherung.

Was gehört zu einer vollständigen PSAgA für Dachdecker?

Auffanggurt nach EN361
Ganz gleich ob regelmäßig oder nur teilweise genutzt, man sollte einen Auffanggurt auch immer auf die Handhabung prüfen, d.h. ob ein Gurt einfach und selbsterklärend anzulegen ist.

Verbindungsmittel nach EN362
Ein wichtiges Auswahlkriterium ist hier die horizontale und vertikale Zulassung (Scharfkantentest).

Anschlagseil nach EN795 B+C
Ein temporäres horizontales Anschlagseil bietet die schnelle Möglichkeit an vormontierten Anschlagpunkten eine Absturzsicherung einzurichten.

Bandschlinge nach EN795 B
Eine Bandschlinge mit Kantenschutz bietet die Möglichkeit der schnellen und temporären Absturzsicherung, zum Beispiel an Stahlträgern, Masten etc.

Schutzhelm mit Kinnriemen nach EN397
Ein stoßfester Schutzhelm mag auf den ersten Blick bei Arbeiten auf dem Dach als störend empfunden werden, jedoch ist die Sicherung des Kopfes für den Fall der Fälle ein absolutes Muss.

Transport und Aufbewahrung
Leider gerät der Transport und die Aufbewahrung der PSAgA oftmals in Vergessenheit. Eine Transporttasche birgt aber folgende Vorteile: Zum Ersten hat man seine PSAgA an einem Ort und mit einem Griff zur Hand, zum Zweiten bietet die Tasche Schutz, zum Beispiel vor UV-Strahlung, Luftfaktoren wie Seeluft (Salz) etc.

Wie wichtig ist die einmal im Jahr vorgeschriebene Überprüfung der PSA?

Die jährliche Überprüfung darf auf keinen Fall unterschätzt werden, denn sie kann Leben retten. Sachkundige für PSAgA sind speziell darauf geschult auf typische Mängel wie Abnutzung, Korrosion, beschädigte Nähte und mehr zu achten. Nachweislich nicht geprüfte PSA kann und wird von der BG der Bauwirtschaft aus dem Verkehr gezogen, was, aus Sicht eines Dachdeckers, erst einmal zur Einstellung der Dacharbeiten führt.

Den ausführlichen Beitrag lesen Sie in DDH 04.2015

Letzte Aktualisierung: 14.04.2015