Geheimnisse bei der Entwässerung?

Es gibt Dachabläufe, Notüberläufe, Notabläufe und eine große Menge an Eigenkreationen, was deren Bezeichnungen betrifft. Wir unterscheiden weiter zwischen der Freispiegel- und der Druckentwässerung.

Sita Abflusswächter
Abflusswächter: Je nach gewünschter Entschleunigung der Entwässerung verfügt SitaMore Retention über eine oder mehrere Perforationen. Foto: Sita

Bei der Anordnung ergibt sich aber immer noch eine deutlich geringere kreative Verantwortung. "Ja!", so die Antwort auf die Frage:"Sie wissen, dass hier zusätzliche Entwässerungssysteme auf dieser Dachfläche angeordnet werden müssen?" Schaut man dann allerdings genauer hin, erkennt man, dass die Umsetzung dieser Erkenntnis nicht dem entspricht, was die Normen und Fachregeln unmissverständlich fordern.

Konnte man vor der Novellierung der DIN 1986-100 ""Entwässerungsanlagen für Gebäude und Grundstücke - Bestimmungen in Verbindung mit DIN EN 752 und DIN EN 12056" noch grob überschlagen, dass bei einer Freispiegelentwässerung ca. 10m² Dachfläche pro Zentimeter Rohrdurchmesser entwässern, so gilt diese Überschlagsrechnung nicht mehr. Ursache oder Begründung ist der Umstand, dass die Berechnungsgrundlagen umfassend geändert wurden. Sie passen sich den Erwartungen und den Erfahrungen an die Regenspenden örtlich genau an. Schon hier erkennt man einen wesentlichen Unterschied. Die Regenspenden müssen regional, also objektbezogen, zugrunde gelegt werden. Für den Planer bedeutet das zunächst einen geringen Mehraufwand bei der Festlegung der Anzahl, Dimension und Anordnung der Dachabläufe. In den meisten Fällen muss im Fall einer Sanierung danach entweder die Anzahl oder die Dimension der Dachabläufe erhöht werden, was in Verbindung mit bestehenden Entwässerungsrohren nicht immer einfach ist, bzw. sich nicht immer mit wirtschaftlichen Mitteln lösen lässt.

Flachdachentwässerung einfach gemacht:

Hier schlägt die Stunde der Notüberläufe. Sie sollen die Menge Wasser sicher von den Dachflächen schaffen, die das vorhandene Entwässerungssystem kapazitätsmäßig nicht ableiten kann. Um die notwendige Anzahl und die erforderliche Dimensionierung der Notabläufe zu ermitteln, muss ebenfalls eine Berechnung erfolgen. Die einfache Anordnung von Billigrohren durch die Dachrandbereiche ist hier eindeutig unzureichend und als fahrlässig zu betrachten.

Wesentlicher Bestandteil der Betrachtungen und Berechnungen ist die Ablaufleistung der verschiedenen Ausführungen. Dazu ein Beispiel: Ein einfacher 50 mm Durchmesser Attikaablauf, bestehend aus einem Klebeflansch, von dem das Rohr waagerecht abgeht, hat eine maximale Ablaufleistung von 1,1 l/s wenn es an eine Fallleitung angeschlossen ist. Im Vergleich dazu hat ein Attikaablauf mit Los-/Festflansch und Ablauftopf, der zudem an eine 50 mm Fallleitung angeschlossen ist bei gleicher Anstauhöhe von 35 mm eine Ablaufleistung von bis zu 10,2 I/s.

Zum Themenfeld Flachdach-Praxis :

Betrachtet man diese Werte, kommt es einem unverständlich vor, dass trotzdem immer noch eine erheblich zu geringe Anzahl von dann auch noch fehlerhaften bzw. zu gering dimensionierten Notüberläufen eingebaut wird. So muss festgestellt werden, dass bei einer Dachfläche von ca. 160 m² 1 Stück Dachablauf DN 125 mm grenzwertig gering ist, ein zusätzlicher "Notüberlauf" mit Klebeflansch und waagerecht abgehenden Rohr - mit einem Durchmesser von 50 mm - als völlig unsinnig bezeichnet werden muss.

Die Gefahren bestehen in der Belastung der Unterkonstruktion. Nur der Statiker oder Tragwerksplaner kann vorgeben, wie hoch eine mögliche Anstauhöhe auf der Dachfläche sein darf, ohne dass die Tragfähigkeit der Konstruktion versagt. Daraus ergibt sich weiter, in welcher Höhe der Notüberlauf oberhalb des "normalen" Dachablaufs angeordnet sein darf. Das Merkblatt zur Bemessung von Entwässerungen im Rahmen der Fachregeln des Deutschen Dachdeckerhandwerks, empfiehlt an dieser Stelle, im Normalfall die Einbauhöhe der Notüber- oder abläufe nicht oberhalb der vorgegebenen Anstauhöhe (vergl. Tabelle AII.15 aus dem Merkblatt) vorzunehmen. Begründet wird dieses mit einer möglichen Verringerung des Innendrucks der Fallleitungen, was zu einer Überlastung der Fall- und der Grundleitungen führen kann.

Immer wieder sieht man aber Einbauhöhen von mehr als 100 mm. Versagt in diesen Fällen das eigentliche Entwässerungssystem, so entstehen enorme Lasten im System aber auch auf den Dachflächen.

Ergibt sich bei einer Anstauhöhe von 100 mm bei reinem Wasser noch eine Last von "nur" 100 Kg pro m², so sind das bei einer Fläche von 10 m² bereits 1.000 Kg Gesamtlast; eine Menge, die bei z. B. Konstruktionen mit Tragschalen aus Stahltrapezprofilen oder Holzwerkstoffplatten sehr schnell zum Versagen führt.

Der Statiker oder Tragwerksplaner muss in Verbindung mit dem Bauherren weiterhin noch abstimmen, welche grundsätzliche Funktion das zusätzliche Entwässerungssystem erfüllen muss. Grob vereinfacht sind das zwei Funktionen:

1. Das sichere Ableiten der zusätzlichen Regenmenge, die bei einem Regenereignis entsteht, das ca. alle 100 Jahre eintreten kann.

2. Das sichere Ableiten der gesamten Regenmenge, die bei einem Regenereignis entsteht, das ca. alle 100 Jahre eintreten kann.

Das Ableiten der Gesamtmenge eines Jahrhundertregens ist immer dann empfohlen, wenn es sich um ein besonders schützenwertes Gebäude handelt. Als Beispiel: Krankenhäuser und/oder Museen.

Darf im Rahmen der Freispiegelentwässerung die Anstauhöhe bei begründeten Ausnahmen (Modales Hilfsverb "soll") von der DIN 1986-100 abweichen, so sind die vorgegebenen Anstauhöhen aus der DIN 1986-100 bei einem Druckentwässerungssystem einzuhalten (Modales Hilfsverb "muss").

In allen Fällen gilt jedoch, dass die Notentwässerungen frei über schadlos überflutbare Grundstücksflächen geführt werden müssen und nicht in das Grundleitungssystem geleitet werden dürfen. Diese Forderung stellt Planer und Landschaftsgärtner regelmäßig vor große Probleme. Hintergrund ist, dass gerade bei großen Dachflächen im Industriebau in sehr vielen Fällen die dem Gebäude naheliegenden Hofflächen versiegelt sind und damit separat entwässert werden müssen. Diese Entwässerung wird aber ebenfalls in Grundleitungen abgeleitet.

Zum aktuellen Fachbuch von Stefan Ibold "Flachdachrichtlinie"

Fazit:

Insbesondere bei Sanierungen von Dachflächen, bei denen der Dachdecker eine planerische Funktion übernimmt, muss er sich der Probleme und Gefahren bei der Entwässerung besonders bewusst sein. Im Zweifel soll und muss ein Sonderfachmann hinzugezogen werden, um eine fach- und normgerechte Ausführung zu erstellen. Dann wird es auch keine Geheimnisse bei der Entwässerung geben.

Letzte Aktualisierung: 21.09.2018