Luftdicht ist nicht winddicht!?

Es ist erschreckend, wie diese Begriffe durcheinandergewirbelt und verwechselt werden. Leider und das ist besonders ärgerlich auch von öbuv Sachverständigen, die nicht nur aus dem Dachdeckerhandwerk kommen.

Durch diese Verwechselungen werden Forderungen aufgestellt, die weder nachvollziehbar noch inhaltlich den Anforderungen der DIN 4108 und/oder der Energieeinsparverordnung (EnEV) entsprechen. Um es nochmals ganz klar zu sagen: es gibt (bislang) keine Forderung, wonach ein Gebäude oder Bauteil per Regelung automatisch winddicht erstellt werden muss. Es gibt aber die Forderungen aus der DIN 4108 und der EnEV, die die Luftdichtheit von Gebäuden oder Bauteilen regeln.

Es ist wichtig, dass die unterschiedlichen Ziele der Forderung der Luftdichtheit erkannt werden. Die DIN 4108 beschreibt die Luftdichtheit bereits seit Jahrzehnten. Ziel ist das schadenfreie Bauen. Die EnEV hingegen beschäftigt sich überwiegend mit der Einsparung von Primäerenergie.

Würde ein Bauteil, etwa das geneigte Dach, ausschließlich winddicht erstellt und diese Winddichtheit wäre auf der "kalten" Seite der Wärmedämmung, würde es zu erheblichen Schäden durch Konvektion kommen. Wird das Bauteil raumseits der Wärmedämmung luftdicht erstellt, so sind Schäden durch Konvektion ausgeschlossen. Ob zusätzlich eine Winddichtheit auf der Außenseite der Wärmedämmung angeordnet wird oder nicht, ist irrelevant.

Die Winddichtheit soll zusätzlich, so die Argumentation, die Dämmwirkung der Wärmedämmstoffe verbessern, da diese nunmehr nicht mit kalter Luft umspült werden würden. Inwieweit tatsächlich eine Verbesserung eintritt, muss wissenschaftlich untersucht und ggfs. nachgewiesen werden. Die Winddichtheit ist dann von Bedeutung, wo bei Dachabdichtungen mit Kunststoffbahnen über die Dachränder bei Sturm zusätzlicher Druck von unten auf die Befestiger ausgeübt werden kann, die Bahnen sozusagen aufgeblasen werden. Für diese zusätzliche Belastung sind die Befestiger in der Regel nicht ausgelegt und versagen.

Die Luftdichtheit stellt eine Forderung mit gesetzescharkater dar, ist anerkannte Regel der Technik und muss somit automatisch berücksichtigt werden. Die Winddichtheit ist dagegen explizit zu vereinbaren und ist maximal Stand der Technik.

Kommentar

Sehr geehrter Herr Ibold, liebe Kollegen, so einfach wie Sie, Herr Ibold, das Thema Luft- und Winddichtheit angehen, ist es meines Erachtens ganz und gar nicht. Gerade solange die Prüfung der Luftdichtheit mit geeigneten Maßnahmen wie beispielsweise dem Blower Door Test mit dem Einsatz von Nebel oder dem Thermoanemometer nicht vorgeschrieben ist, sollte auch die Winddichtheit gefordert sein.

Ich möchte behaupten, dass insbesondere bei abgeschlossenen Sanierungen kein Dach im geneigten Bereich zu 100 % luftdicht ist, wenn eben nicht ein anerkannter Test vorgenommen wurde, mit dem Undichtigkeiten aufzufinden sind und anschließend ausgemerzt werden können. Ob zusätzlich eine Winddichtheit auf der Außenseite der Wärmedämmung angeordnet wird oder nicht, ist mit diesem Hintergrund dann nicht mehr irrelevant. Schon die kleinsten Undichtigkeiten in der innenseitigen Luftdichtheitsebene können verstärkt zu Konvektion führen, wenn obendrein keine Winddichtheit außen vorliegt.

Selbst dann, wenn die Wärmedämmung formschlüssig verlegt ist. Solange der Luftdichtheitstest nicht Gesetz ist, und er aufgrund von anfallenden Kosten in der Regel nicht angewandt wird, bleibt das Problem der Konvektion bestehen und verstärkt sich mit einer nicht vorhandenen Winddichtheit auf der Außenseite, da Öffnung innen und Öffnung außen meistens zu einer Luftzirkulation führt. Tritt dieser Worst Case ein, wird in relativ kurzer Zeit der mit Feuchtigkeit und Schimmel angereicherte Filter in Form von Dämmung und Unterdeckbahn ausgetauscht werden müssen, um die Funktion des Dachschichtenaufbaus und ein gesundes und behagliches Wohnklima wieder herzustellen.

Aber selbst wenn die Winddichtheit wie die Luftdichtheit Gesetz werden würde, wäre dass Problem noch nicht gebannt, solange nicht auch die Prüfung der Luft- und Winddichtheitsschicht mit anerkannten Prüfmethoden Gesetz würde. Kein Mensch kann bei einem nicht aufgeblasenen Fahrradschlauch sagen, ob dieser undicht ist oder nicht. Wie soll dies bei einem Dach funktionieren, selbst wenn augenscheinlich alles in Ordnung ist? Es geht einfach nicht.

Stellen Sie sich vor, eine Fußbodenheizung oder Heizungsanlage generell würden ohne Dichtheitsprüfung der Rohre oder Leitungen in Betrieb genommen werden. Unvorstellbar!

Im Dachdeckerhandwerk sind solche Absurditäten gang und gäbe. Traurig aber wahr.

Claus Wöbken, Dachdeckermeister und Sachverständiger, Köln

Antwort

Sehr geehrter Kollege Wöbken,

ich muss Ihnen leider vehement widersprechen. Begründung:

Grundvoraussetzung für das Funktionieren einer Konstruktion ist die Luftdichtheit raumseits der/einer Wärmedämmung.

Die von Ihnen beschriebene Konvektion geschieht auch dann, wenn die Winddichtheit theoretisch vorhanden wäre. Der Dampfdruck und damit die Feuchtigkeit, verteilt sich gleichmäßig in der gesamten Konstruktion und das mit oder ohne Winddichtheit auf der Außenseite der Wärmedämmung. Die Winddichtheit auf der Außenseite hat überhaupt keinen Einfluss auf das Konvektionsverhalten wenn raumseits der WD eine Leckage in der Luftdichtheitsschicht vorhanden ist.

Die feucht-warme Luft strömt von der Raumseite in die Konstruktion und wird durch die Unterdeckung im wahrsten Sinne des Wortes ausgebremst, kühlt ab und fällt als Tauwasser aus. Den einzigen Einfluss, den die Winddichtheit auf der Außenseite haben könnte, ist der geringere Verbrauch von Primärenergie, wobei ich selbst das stark bezweifle. Für das schadenfreie Bauen ist sie jedoch ohne Bedeutung (von Konstruktionen mit Photovoltaikanlagen und der damit verbundenen Umkehrdiffusion mal abgesehen, wobei hier grundsätzlich andere Überlegungen und Bahnen ins Spiel kommen müssen).

Vielleicht können sich ja weitere Kolleginnen oder Kollegen melden, die die Erfahrung vom Kollegen Wöbken und/oder mir unterstüten wollen.

Grüße stefan ibold

Antwort

Sehr geehrter Herr Ibold,

Sie haben vollkommen Recht damit, dass die Grundvoraussetzung für das Funktionieren einer Konstruktion die Luftdichtheit raumseits der Wärmedämmung ist. Das ist auch meine Auffassung und selbstverständlich.

Ich wollte nur zum Ausdruck bringen, dass ich eine fehlende Winddichtheit als einen Beschleunigungsfaktor ansehe, der sich zusätzlich negativ auf die Auswirkungen niederschlagen kann, die durch Konvektion bei Undichtigkeiten in der raumseitigen Luftdichtheitsebene entstehen. Ob mit oder ohne Winddichtheit von außen ist es daher wichtig, und da wiederhole ich mich gerne, dass zum Gesetz der raumseitigen Luftdichtheit zusätzlich eine Bestimmung verabschiedet werden sollte, die eine Überprüfung der Luftdichtheit mit einem anerkannten Test wie beispielsweise dem Blower Door Test vorschreibt. Das wäre eine sinnvolle und präventive Maßnahme gegen Schäden durch Konvektion.

Claus Wöbken, Dachdeckermeister und Sachverständiger, Köln

Letzte Aktualisierung: 15.07.2010