Basteln verboten

Um luftdichte Anschlüsse zu erstellen, kleben Dachhandwerker an allen Ecken und Enden. Obwohl die Hersteller ihre Produkte ständig verbessern, gibt es immer noch Schwachstellen wir beschreiben warum.

anschluss1.jpg
Anschlussdetails sind und bleiben Knackpunkte bei der winddichten Verklebung. Foto: Dörken

Im Laufe der Jahre haben die Hersteller ihre Klebeprodukte verbessert Hightechprodukte versprechen kompromisslose Klebeverbindungen, Probleme gibt es dennoch. Denn wie soll der Dachdecker den Überblick über die vielfältigen Verwendungen behalten? Wolfgang Werner, Hauptgeschäftsleiter des Landesinnungsverband Bayerisches Dachdeckerhandwerk hierzu: "Die Anwender verwenden diese sehr sensiblen Produkte meist nicht mit dem nötigen Sachverstand. Temperatur, Feuchtigkeit, Staub, chemische Verträglichkeit sind wichtige Kriterien beim Einbau. Hinzu kommt, dass die Hersteller diese Bedingungen oft nicht ausreichend angeben. Das kommt vor allem im Bereich der Unterdeckplatten aus Weichfaserplatten vor."

Eine Einheit: Bremse und Band

Dass die Einsatzbereiche für Klebebänder sehr unterschiedlich sind, ist bekannt. Material und Klebstoff müssen exakt aufeinander abgestimmt sein, sonst sind Schwachstellen in der Verbindung vorprogrammiert. Die wichtigsten Eigenschaften: UV-stabil und regensicher, haftstark und alterungsbeständig sollten die Bänder zudem sein das versprechen jedoch alle Hersteller.

Wenn Dachdecker die Produkte dennoch fehlerhaft einbauen, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder die Produkte und die Beschreibungen sind zu kompliziert oder der Verarbeiter hat Nachholbedarf in Sachen Weiterbildung. Nicht jedem Dachhandwerker ist bewusst, welchen Schaden er bei falscher Anwendung von zum Beispiel falschen Klebebändern anrichtet die Folgeschäden zeigen sich oft erst nach Jahren. Beispiel Dachfenster: Der sichere Anschluss der Dampfbremse an den Falz im Fensterrahmen ist immer wieder ein kritischer Punkt. Leider experimentieren hier Dachhandwerker immer noch mit Dichtungsmassen. Obwohl sich Dichtungsbänder bewährt haben, wird bebastelt und geschmiert oder manchmal einfach Paketklebeband genommen.

Die Wärmeverluste zeigen sich oft erst später, nach aufwendigen Untersuchungen, zum Beispiel durch eine Blower-Door-Messung. Joachim Werner, Leiter Training Center Klöber: "Wer fährt schon im Winter eine verschneite Alpenstraße mit Sommerreifen? Ein kalter und rutschiger Untergrund, der zudem noch Feuchtigkeit aufweist, kann nur mit geeigneten Winterreifen oder einem angepassten Antriebskonzept, wie Allrad, bewältigt werden. Problematische Baustellensituationen sind analog zu betrachten, eine geeignete Kleber- und Dichtmittelauswahl, die passende Vorbereitung des Untergrundes oder mechanische Befestigungen, können nahezu alle kritischen Bedingungen bewältigen."

Schwarze-Peter-Spiel vermeiden

Die meisten Anbieter betonen, wie wichtig es ist, dass die Dachdecker alle Produkte aus dem jeweiligen Sortiment des Herstellers verwenden, Stichwort Systemgedanke. Doch hier fangen die Probleme spätestens an: Der eine Dachdecker schwört auf Siga-Klebebänder, der andere favorisiert Klöber, der dritte wiederum nimmt am liebsten Produkte von Dörken, Isover oder Knauf. Hinzu kommt auch: Oft wird die Materialzusammensetzung der Bahn geändert, die Komponenten werden laut Hersteller optimiert. Die Folge: Die Klebebänder des einen Herstellers passen dann nicht mehr zu der Bahn, obwohl beide Produkte verbessert sein sollen. Dirk Bollwerk, Vorsitzender des Dachdecker-Verbandes Nordrhein zum Thema: "Ich lege Wert darauf, sowohl Dampfbremsfolie als auch Klebeband vom gleichen Hersteller zu verarbeiten, um das Schwarze-Peter-Spielchen nachher zu vermeiden, dass der Klebebandhersteller den Fehler beim Folienhersteller sucht und umgekehrt. Im Vergleich zu den theoretisch möglichen immensen Schäden sind auch die paar Cent mehr für die Folie vom gleichen Hersteller wirklich Peanuts." Dachdeckermeister Markus Greiner sieht die Probleme allerdings auch bei seinen Kollegen: "Die meisten Handwerker können nicht mehr fachgerecht arbeiten, da wird dann eben gekittet, gepappt und geklebt, nach dem Motto: was die Handwerkskunst nicht ziert, wird mit Silikon verschmiert." Product Manager Jörg Wollnow von Siga, sieht die Sache grundsätzlich und empfiehlt im Zweifel Weiterbildung: "Die Kaufentscheidung für ein Klebeband ist Vertrauenssache. Nur Hersteller, die sich auf das Thema luft- und winddichte Gebäudehülle spezialisiert haben, können verarbeitergerechte und dauerhaft klebende Lösungen anbieten. Siga bietet verständliche Gebrauchsanleitungen, die ausführlich beschreiben, wie auch schwierige Anschlussdetails sicher hergestellt werden. Zudem werden regelmäßig Workshops vor Ort und in der Schweiz durchgeführt. Spätestens nach dem Besuch einer solchen Schulung ist keiner mehr mit der Verarbeitung überfordert."

anschluss2.jpg
Beim fachgerechten Anschluss von Bauteilen muss der Dachhandwerker die Herstellerangaben genau beachten. Foto: Klöber

Aufwendige Tests an der Praxis vorbei?

Seit rund zehn Jahren setzen sich in der Praxis vermehrt Klebebänder und Klebemassen auf Basis von Acrylaten durch, die geringe Mengen an Lösungsmittel enthalten. In aufwendigen Prüfverfahren untersuchen Hersteller und Institute Produkte nach Schwachstellen. Als Ergebnis lässt sich festhalten: Es gibt unterschiedliche Leistungsfähigkeiten der angebotenen Produktkombinationen. Die schwächste Verklebung versagte bereits innerhalb von 2,5 Minuten, die beste zeigte nach rund sechs Stunden noch keine Ermüdungserscheinungen. Der Nachteil an den Tests im Labor: Sie basieren oft auf theoretischen Vorgaben und berücksichtigen selten die Unwägbarkeiten des Baualltags wie: Konvektion, Feuchtigkeit oder Unebenheiten wie Staub und Dreck auf Untergründen. "Entfettet, sauber, staubfrei das sind absolut realitätsferne, weltfremde Vorstellungen und in der Praxis nicht umsetzbar. Da die Hersteller verkaufen wollen, werden teilweise Versprechungen gemacht, die nie im Leben eingehalten werden können, weil die Voraussetzungen nicht gegeben sind", sagt Dachdeckermeister Markus Greiner.

Die Diskussion der vorliegenden Resultate mit den Herstellern von Klebebändern und Klebemassen sowie den betroffenen Fachkreisen hat dazu geführt, dass die Notwendigkeit und Möglichkeit der Normung dieser Produkte erkannt wurde. Deshalb wird gegenwärtig im Normenausschuss NA-005-56-93 "Luftdichtheit" eine Prüf- und Kennzeichnungsvorschrift für Klebebänder und Klebemassen mit dem "griffigen" Arbeitstitel DIN 4108-11 "Mindestanforderungen an die Dauerhaftigkeit von Klebeverbindungen mit Klebebändern und Klebemassen zur Herstellung von luftdichten Schichten" erarbeitet. Häufige Verarbeitungsfehler sind: Die Bahnen sind noch feucht von der Witterung, hier haftet das beste Klebeband schlecht. Oder: Dachhandwerker haben die Rolle in der Hand, kleben, ziehen die Rolle auf, drücken mit der anderen Hand das Band fest und berücksichtigen nicht, dass die verlegte Bahn nicht straff gespannt ist. So bleiben immer wieder Lücken im System Verklebung. Oben auf dem Speicher macht sich die Luftfeuchtigkeit erst später bemerkbar. Warmluft zieht raus, kondensiert Konvektionsschäden sind vorprogrammiert. Ulrich Löttgen, technischer Geschäftsführer vom Dachdecker Verband Nordrhein, kennt die Problematik mit den Klebebändern aus der Praxis: "Die Anwender unterschätzen oft den erheblichen Zeitaufwand bei einer fachgerechten Verklebung." Aus Sicherheits- und rechtlichen Gründen sollte der Dachdecker auf eine mechanische Fixierung bei den Anschlüssen nicht verzichten, eine Klebeverbindung sei sie noch so stark kann keine Befestigung ersetzen.

Keine akutelle Norm in Sicht?

Die DIN 4108-7 enthält Planungsempfehlungen und Prinzipskizzen für Überlappungen, Anschlüsse, Durchdringungen und Stöße. Doch diese Empfehlungen helfen dem Dachdecker auch nicht weiter. Bei Fragen nach der Gewährleistung bzw. Dauerhaftigkeit ist Dirk Bollwerk skeptisch: "Die DIN 4108-7 sagt, dass die Klebeverbindung dauerhaft sein muss. Kein Mensch weiß aber so genau, wie lange denn nun dauerhaft ist." Leider sind DIN-Normen juristisch betrachtet keine Rechtsnormen, sondern nur technische Regeln mit Empfehlungscharakter. Bezüglich der Aktualität der Norm kündigen sich Verbesserungen an: Immer wieder gab es Bestrebungen, die Kleb- und Alterungseigenschaften von Klebemitteln zur Herstellung der Luftdichtheit zu normen, bisher vergeblich. Arbeitskreise und Ausschüsse beraten zurzeit über verbindliche Regeln für Planer und Handwerker. Heinz Peter Raidt, Leiter Anwendungstechnik Dörken: "Auch ein weiterer Diskussionspunkt wird in Kürze geregelt sein. Die ewige Frage, ob bei einer Verklebung der Luftdichtheitsschicht mit einer Putzoberfläche noch eine Anpresslatte erforderlich ist. Die Norm DIN 4108-7 wird noch in diesem Jahr im Gelbdruck erscheinen und beide Ausführungsvarianten, mit oder ohne mechanische Sicherung, gleichberechtigt nebeneinander nennen."

Johannes Messer

Letzte Aktualisierung: 16.07.2020