Neubau eines Refektoriums: Azubis zeigen ihr Können

Auszubildende des Dachdeckerhandwerks zeigten beim Neubau eines Refektoriums in ­Lübeck ihr Können. Für alle Beteiligten ein ebenso lehrreiches wie einzigartiges Erlebnis, auch und weil sie sich außerhalb der Fachregeln bewegen mussten.

Neubau Geschichtserlebnisraum
Vadim Behring verdämmt eine Bleiwollefuge am Brustblech des Schornsteins. Fotos: Michael Heinze

Das Refektorium wird das Hauptgebäude einer Klosteranlage sein, die in Anlehnung an das 12. Jahrhundert in zwei Bauabschnitten realisiert wird. Und das Spannende für uns: Es soll eine nicht alltägliche Deckung aus Mönch und Nonne erhalten. Der Träger der Baumaßnahme fragte 2018 bei der Landesberufsschule des Dachdeckerhandwerks in Lübeck an, ob nicht Interesse bestünde, dieses einmalige Projekt mit Auszubildenden zu begleiten. Und klar, zu so einem ungewöhnlichen Projekt ließen sich die Beteiligten nicht zweimal bitten. Am 02. Oktober machten sich drei Auszubildende auf den Weg und verlegten die Trennschicht und erste Abdichtungslage – eine bituminöse Bahn, genagelt mit verschweißten Sicherheitsnähten – auf der Küche, um die darunter liegende Holzschalung zu schützen. Nach den Herbstferien, am 22. Oktober, fiel der Startschuss für die Hauptaufgabe für neun Auszubildende des 2. Ausbildungsjahres. In den 10 zur Verfügung stehenden Arbeitstagen war das priorisierte Ziel, das Hauptgebäude fertig einzudecken. Weitere Arbeiten am Sanitärtrakt und der Küche sollten vorerst die Kür bleiben.

Und das waren die Herausforderungen, vor denen die angehenden Dachdecker standen:

  • Eindecken des Refektoriums ohne Unterdach, mit Verwendung von Dachdeckermörtel und unter Beachtung der Windsogsicherheit
  • Montage einer Holzrinne mit handgeschmiedeten Rinnenhaltern
  • Einbinden des Schornsteins mit einer Bleiverwahrung
  • Ausführung einer 3-fach Deckung mit Holzschindeln auf dem Sanitärtrakt
  • Abdichtung des Küchengebäudes mit wasserdichtem Unterdach

Die Aufgaben waren beileibe nichts für Anfänger, aber unsere Auszubildenden machten sich beherzt an die Arbeit.

Neubau Geschichtserlebnisraum 2
Die Macher: Miguel Melgar, Finn Meise, Malte Sack, Nickels Hägermann, Swerre Kühl, Kjell Pelzer, Fabian Singer, Vadim Behring, Michael Heinze (v.r.n.l.)

Erst einmal einlatten

Die Einteilung der Sparren sollte kein allzu großes Problem werden, da die Ziegel kein Spiel zulassen. Das Lattmaß steht mit 36,5 cm fest. Da die Sparren jedoch nicht auf dieses Lattmaß zugeschnitten worden waren, wurde das Dach von der Firstlatte (LAF 0,5 cm bei 40/60 Lattung) zur Traufe eingeteilt. Für die 1. Latte ergab sich das Maß (25,5 cm; UK Trauflatte bis OK 1. Latte) durch einen ausreichenden Traufüberstand (ca. 13 cm) und die Nase der Nonnen, die wir für die Windsogsicherung brauchten. Beides war am Modell ausprobiert worden, und so mussten an beiden Traufen die Aufschieblinge gekürzt werden. Zur Sicherheit maßen wir aber doch oft nach. Für die Befestigung der Traglatten mit 80er Nägeln waren uns vom Hersteller zwei Schiesser und dazugehörige Magazine zu Verfügung gestellt worden. Durch die schlauchlose Nutzbarkeit waren sie sehr hilfreich.

Nonnen – ab auf die Mitte?

Für die Breiteneinteilung des Daches und die anschließende Eindeckung war es wichtig, dass die Mönch- und Nonnenziegel keine Verfalzung aufweisen, die dazu zwingt, das Dach von rechts nach links einzudecken. So konnte die Dachmitte zwischen den äußersten Sparrengebinden eingemessen werden, um dann von hier nach rechts und links zu den Ortgängen einzudecken.
Wichtig war nur noch die Frage, ob die erste Nonne mit ihrer Mittelachse auf der markierten Mitte liegen sollte, oder ob beiderseits der Mitte eine Nonne liegt. Für die Beantwortung der Frage teilten die Auszubildenden das Dach mit beiden Möglichkeiten ein. Dadurch ließ sich sehr gut sehen, mit welcher Option wir am dichtesten an den gewünschten Dachüberstand von max. 30 cm kommen würden.

Rinne mal ganz anders

Als nächstes lag das ungewohnte Anbringen der Holzrinne vor uns. Die jeweiligen Ablaufrichtungen waren uns von Roland Fenske, dem reisenden Gesellen des Rolandschachts und hiesigen Bauleiter, mitgeteilt worden.

Neubau Geschichtserlebnisraum 3
Nickels Hägermann und Finn Meise legen den Tiefpunkt der Rinne fest.

Da es kein Einhangblech geben würde, schnitten wir 10 cm von der Rinne ab, um es mit einem Rinnenhaken am Tiefpunkt so anzuhalten, dass das Regenwasser sicher in die Rinne gelangt. Die gleiche Vorgehensweise beschritten die Auszubildenden auch für den Hochpunkt und spannten anschließend Schnüre, an denen die anderen Rinnenhaken ausgerichtet wurden. Die Haken wurden seitlich an den Aufschieblingen befestigt. Es folgte der Zusammenbau der jeweils drei Rinnenelemente pro Traufe.



Neuerscheinung: Klempnerdetails für Dach & Fassade

Die praxisnahe Detailsammlung von Klaus Siepenkort zur Planung und Ausführung von Metallarbeiten ist endlich da! Als Buch mit Downloadangebot und als E-Book.

Rund 225 Zeichnungen zu Metalldachanschlüssen sowie zur Dachentwässerung mit Erläuterungen und praxisnahe Tipps zur korrekten Ausführung.

Übersichtlich dargestellt und sachverständig erläutert!


Ziegel drauf!

Nun konnte mit der Eindeckung begonnen werden. Eine ungewohnte Arbeit, da im Norden nur noch selten Ziegel mit Dachdeckermörtel verlegt werden. So musste zuerst ausprobiert werden, welche Konsistenz der Mörtel haben sollte, um ihn sicher auftragen zu können. Er sollte geschmeidig, aber nicht zu breiig sein und durch Aufschlagen am Ziegel anhaften. Für die benötigten Mörtelmengen war uns der Mischer, dessen Anschaffung der Schulträger 2019 ermöglicht hatte, eine große Hilfe. Das Mörteln erforderte dann auch etwas Training, bis die richtige Menge auf der Kelle war und mit einer Bewegung aus dem Handgelenk auf der richtigen Stelle des Ziegels landete – ohne nachzustreichen! Die Nonnen wurden in maximal zwei Gängen zum First gelegt. Jede zweite Nonne wurde dabei in der Fläche mit einer Kopfklammer gesichert.

Neubau Geschichtserlebnisraum 4
Ein Azubi legt die Nonnen, einer schlägt den Mörtel auf und ein dritter legt die Mönche.

Im Bereich der Traufen, des Firstes und der Ortgänge wurden alle Nonnen geschraubt. Anschließend erfolgten der Mörtelauftrag und das Setzen der Mönche ins Mörtelbett. Jeder Mönch wurde dabei mit einer Sturmklammer versehen, die durch den Andruck gleichzeitig die Nonnen mit fixierte. Lagen die Mönche über den Sparren, wurden sie gedrahtet. An den Traufen sicherten wir darüber hinaus alle Ziegel mechanisch mit Draht.

Blei – ganz schön kniffelig

Eine weitere Herausforderung war der Anschluss des Kamins. Es war eine Bleischürze geplant, die ohne Silikon auskommen sollte. Das „Handbuch für die Verarbeitung von Blei“ half uns hier oft weiter. Alle vier Bleche (2,0 mm) wurden in 2 cm tief ausgeschnittene Mörtelfugen eingelassen und mit Bleiklötzen verkeilt. Dabei war das Brustblech (traufseitig) das einfachste Detail. Die Geometrie der seitlichen Anschlüsse kostete nach der Vermessung des Schornsteins und der Fugenlagen mehrere Stunden am Rechner, bis die Schnitt- und Kantlinien so festgelegt waren, dass sich ein harmonisches Bild ergab. Dann aber ging es gut voran. Brust- und Seitenbleche wurden über eine Verfalzung verbunden. Das Kehlblech wurde als letztes Bauteil realisiert. Hierbei war uns klar, dass uns die nötige Übung beim Bleitreiben fehlte. Wir entschieden uns deshalb für einen Zuschnitt, in den rechts und links jeweils zwei Zwickel eingeschweißt werden.


Regeln für Metallarbeiten im Dachdeckerhandwerk

Stand Mai 2018: Die aktuelle Fachregel für Metallarbeiten im Dachdeckerhandwerk sowie die Hinweise und Merkblätter, die für die Ausführung von Metallarbeiten an Dach und Fassade relevant sind.

Fast fertig, viel gelernt

In den insgesamt 15 Arbeitstagen, die zur Verfügung standen, konnte leider nicht alles fertiggestellt werden. Trotzdem war es für alle Beteiligten eine Erfahrung, die sie positiv und als einmalige Chance bewerteten. Es gab Arbeiten, die neu oder ungewohnt waren und Arbeiten, die sonst nur von den Altgesellen gemacht werden. Darüber hinaus war auch das Interesse der Kindergartengruppen und der Anwohner und die Freude und Dankbarkeit des Bauträgers immer wieder spürbar. So macht arbeiten Spaß. Und wohl jeder – auch ich – hat wieder viel dazu gelernt, was ohne die Unterstützung von außen nicht möglich gewesen wäre. Stellvertretend möchte ich mich dafür bei meinem Kollegium, das mich im Unterricht vertreten hat, bei Frau Fick, der Schulsekretärin, die manches Telefonat führte, bei Michael Flohr, technischer Berater Wienerberger und bei Frau Struck und Frau Fuhrmann, DEG Lübeck herzlich bedanken

Michael Heinze

Den gesamten Artikel mit allen Details und einem Interview mit zwei der Azubis lesen Sie in DDH 03/20 - jetzt abonnieren



Aufgaben & Lösungen für die Ausbildung im Dachdeckerhandwerk

Die 2. Auflage des Aufgabenbuchs umfasst rund 1.000 Aufgaben und Lösungen zu den 17 Lernfeldern aus dem aktuellen Rahmenlehrplan für die 3 Ausbildungsjahre. Darüber hinaus enthält das Buch komplexe Zusatzaufgaben zur Dach- und Flächenberechnung.

Letzte Aktualisierung: 05.02.2020