Nicht ganz grün

Spricht der Dachdecker mit seinem Kunden offen über mögliche Fehlerquellen, kann er einen Imageverlust vermeiden und schlimmstenfalls einen Regressanspruch abwenden. Ein Sachverständiger schildert alltägliche Fälle aus seiner Praxis und fordert mehr Aufklärungsarbeit.

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Bei den üblichen Musterständern (es handelt sich in aller Regel um handverlesene Ziegel) werden übliche Kleinmängel verschleiert, so geben sie kein realistisches Bild.Foto: Walter Holzapfel

Dachdeckermeister und Kunde sitzen zusammen und beraten die Art des Ziegeldaches. Der Meister hat Hochglanzprospekte und einige Musterziegel mitgebracht. Frau Kundin mischt sich in das Gespräch und entscheidet über die Farbe des Dachziegels. Der Dachdeckermeister ist froh über den neuen Auftrag und verabschiedet sich mit der Zusicherung ordentlicher und fristgerechter Ausführung. Herr Kunde und Frau begeben sich tags darauf zum Baustoffhändler und betrachten in froher Erwartung die verschiedenen Musterständer; insbesondere die mit dem ausgewählten Ziegeltyp - so oder ähnlich werden Ziegeldächer verkauft.

Vier Ursachen - vier Schäden

- Bauablauf 1: Das neue Ziegeldach ist fertig. Herr und Frau Kunde betrachten das Dach von allen Seiten. Nach näherer Inaugenscheinnahme aus einem Dachfenster klingelt beim Dachdeckermeister das Telefon. Das neue Dach wird bemängelt, denn die Dachziegel sind zerkratzt und angeschlagen - das Dach wird so nicht abgenommen.

- Bauablauf 2: Das Dach mit den glasierten Dachziegeln glänzt in der Sonne. Verwandten und Bekannten wird es stolz vorgeführt. Ein Besucher stellt die Frage: "Habt ihr nicht grüne Ziegel bestellt, die auf dem Dach sehen ganz blau aus." Tatsächlich muss Herr Kunde zugeben, dass die Dachziegel nicht so grün sind wie bestellt. Beim Dachdeckermeister klingelt noch am selben Tag das Telefon.

- Bauablauf 3: Mängelanruf des Kunden: "Wenn die Sonne von Südosten scheint, sieht man bei den blauen Dachziegeln rote Ränder, und die Kehlen sehen dort, wo die Ziegel geschnitten sind, auch rot aus."

- Bauablauf 4: Die Dachziegel sind angeliefert und entsprechen dem ausgesuchten Ziegelmuster. Aber etliche Ziegel sind mit farbigen Flecken verunziert. Herr Kunde beschwert sich sofort. Der Dachdeckermeister ist ebenfalls erschreckt, reklamiert die Lieferung beim Ziegelwerk und sagt dem Kunden "umgehende Neulieferung mit fleckenfreien Ziegeln" zu.

Das Ziegelwerk hat aber seine Produktion nicht im Griff. Offensichtlich tritt beim Auftrag des Glasurschlickers eine Entmischung ein, die leider erst nach dem Brand kreis- oder fleckenförmig sichtbar wird. Die Ersatzlieferung enthält ebenfalls die schon beanstandeten Flecken. Der Dachdecker - nun in Zeitnot - lässt die Dachziegel trotzdem verlegen und weist seine Gesellen an, Ziegel mit großen Flecken auszusortieren; nochmalige Ersatzlieferung ist bestellt. Der Kunde fühlt sich überfahren, kündigt den Auftrag und lässt einen anderen Dachdeckermeister das Dach mit anderen Ziegeln neu decken.

Der Streit ist vorprogrammiert

In allen Fällen (die in dieser Form tatsächlich so abgelaufen sind) ist "König" Kunde erst einmal erbost oder mindestens nicht freundlich, wird zuweilen von wohlmeinenden Nachbarn in seiner Ablehnung unterstützt und nicht selten auch von seiner Ehefrau und ihrem höheren Schönheitssinn. Kunde und Dachdeckermeister treffen sich am Ort des Geschehens. Aus dem ursprünglich vertrauenswürdigen Dachdeckermeister ist plötzlich ein Mensch geworden, der dem Kunden für dessen gutes Geld eine mindere Leistung verkaufen will - das wird "König" Kunde nicht hinnehmen. Der Dachdeckermeister verweist auf DIN-Vorschrift-Regelwerk-Nummer-soundso-und-soweiter. Das will der Kunde alles gar nicht hören, für ihn ist das Dach nicht akzeptabel.

Was ist falsch gelaufen? Versetzen wir uns in ein Autohaus und stellen uns folgende Situation vor: Kunde Autokäufer lässt sich vom Verkäufer des Autohauses beraten. Der preist in Hochglanzprospekten seine Autotypen an. Dann zeigt er dem Kunden Musterständer mit Autotüren, Rückspiegeln, Nummernschildern, Autovergasern und Auspufftöpfen - aber kein komplettes Auto. Der Kunde betrachtet wohlwollend die ausgestellten Musterteile und bestellt danach das Auto.

Ist eine solche Vorstellung realistisch? Unterschreibt jemand einen Kaufvertrag ohne das fertige Auto gesehen zu haben? Seltsamerweise mutet der Dachdecker seinem Kunden gerade das zu. Der Kunde bekommt ein paar Musterziegel zu sehen, möglicherweise auch einen Musterständer und ein Glanzfoto; weiß aber nicht, wie sein fertiges Dach aussehen wird. Und er weiß insbesondere nicht, dass auf dem Dach verlegte Ziegel anders aussehen können als auf dem Musterständer.

Dass Dachziegel Absplitterungen und Scheuerspuren haben können, gewisse Formabweichungen und Krümmungen aufweisen und dass absolute Farbtreue und Farbgleichheit (Monochromie) praktisch nicht herstellbar sind weiß er auch nicht. Niemand sagt ihm wie Kehlen und Anschlüsse fertig aussehen und dass Anschnitte und Andeckungen vom Ursprungsbild abweichen. So gerät der Dachdeckermeister in einen Konflikt und möglicherweise aufwendigen Rechtsstreit mit meist vorhersehbarem Ergebnis. Zumindest verliert der Dachdeckermeister viel seines ursprünglichen Renommés.

- Im ersten Fall musste ein Sachverständiger beurteilen, ob technische oder optische Mängel vorlagen. Im Ergebnis wurde eine aufwendige Nachbesserung notwendig mit Kostenübernahmen für Gericht, Anwälte und Sachverständigen.

- Im zweiten Fall berechnete der Sachverständige einen Minderwert in vierstelliger Höhe.

- Im dritten Fall ermittelte ein Sachverständiger zwar keine Mängel, ein Oberlandesgericht urteilte (in zweiter Instanz) dennoch, dass der Dachdecker das Ziegeldach zu erneuern habe.

- Der vierte Fall endete für den Dachdeckermeister (in zweiter Instanz) ebenfalls höchst ungünstig. Weil er seinem Kunden eine Neulieferung mit fleckenfreien Ziegeln zugesagt hatte, spielten Größe und Sichtbarkeit (oder Nichtsichtbarkeit) der Flecken keine Rolle. Der Dachdeckermeister musste den Schaden tragen.

Den ausführlichen Beitrag lesen Sie in DDH 09/2010.

Walter Holzapfel

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Letzte Aktualisierung: 05.05.2010