Vom Entsorgungsnotstand zur Übergangslösung

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Wohin mit dem Dämmstoff-Müll? DDM Dirk Sindermann lagerte seinen Styropor-Müll übergangsweise in Garagen. Seit dem 16. Dezember kann der Stoff wieder regulär der Entsorgung zugeführt werden.
Foto: Dachdecker Innung Dortmund.

Nach langem hin und her brachte letzten Freitag ein Antrag aus Nordrhein-Westfalen den Durchbruch im Bundesrat. HBCD wird demnach zurückgestuft und gilt nicht mehr als gefährlicher Abfall nach AVV - vorerst. Dennoch nervte es besonders Betriebe, die Flachdächer ausführen wollen und seit Monaten nicht wussten, wohin mit dem Dämmstoff-Müll.

Dachdeckermeister Michael Weitzsch aus Boppard ist sauer – und zwar richtig: „Ich habe die aktuellen Kosten von meinem Entsorger bekommen: 4000,– Euro ohne MwSt. die Tonne! Das heißt im Klartext: bei einem 1.000 m² Flachdach mit durchfeuchteter Wärmedämmung die eventuell ausgebaut und entsorgt werden muss, bei einer Stärke von 12 cm und einem Wassergehalt von 250 kg komme ich auf die Summe von 157.080 Euro. Am liebsten würde ich das ganze Zeug in den Rhein schmeißen!“

So wie Michael Weitzsch ging es landauf landab vielen Dachdeckern, die ihrer Arbeit nicht nachgehen konnten, weil der Entsorgungsnotstand beim Polystyrol Betriebe regelrecht lahmlegte. Dabei ist die Situation nicht neu: Bereits im Spätsommer schlugen der Zentralverband und die Landesverbände Alarm, dass in vielen Kommunen keine Entsorgung möglich sei.

Ende November trug die Pressearbeit des ZVDH Früchte. Nach einem Artikel in „Bild“ nahm das Thema bundesweit richtig Fahrt auf. FAZ, Tagesthemen, ZDF – alle großen Medien berichteten. ZDVH-Pressesprecherin Claudia Büttner: „Schon seit Wochen steht das Telefon nicht still. Zahlreiche Medienvertreter konnten wir mit fachlichem Hintergrundwissen versorgen und ihnen Dachdeckerbetriebe für Interviews vermitteln“.

Entsorgung teurer als die Sanierung?

Auch die Konferenz der Umweltminister Anfang Dezember brachte nicht den erhofften Durchbruch für eine bundesweite Lösung. Für das gerade stattgefundene Treffen des Bundesrates am 16. Dezember wollte sich eine Länder-Initiative formieren, um noch vor Jahresende eine einheitliche Regelung auf den Weg zu bringen. ZVDH-Hauptgeschäftsführer Ulrich Marx zur Umweltministerkonferenz: „Ein äußerst enttäuschendes Ergebnis. Viele Dachdecker bleiben auf den Dämmstoffen und auf den zum Teil immens hohen Kosten für die Entsorgung sitzen. Erste Entlassungen, Kurzarbeit, zahlreiche Baustopps sind die Folgen. Die Industrie meldet erste Umsatzeinbußen und auf Mieter werden höhere Kosten zukommen. Die klimapolitischen Ziele der Bundesregierung werden konterkariert, da die energetische Sanierung mehr oder weniger brachliegt. Und dies ohne Not, denn von der EU ist eine Einordnung des HBCD als gefährlicher Stoff nicht vorgegeben: Dies ist allein dem vorauseilendem Gehorsam einiger Bundesländer geschuldet, die diesen Antrag in den Bundesrat eingebracht haben.“

Dämmstoffe in der Garage

In der Tat ist das Problem vor allem hausgemacht. Aus der POP-Verordnung der EU folgt nicht zwingend, HBCD-haltige Polystyrol-Platten als gefährlichen Abfall zu deklarieren. HBCD wurde dort nur als persistenter organischer Schadstoff deklariert. Erst die Novellierung der deutschen Abfallverzeichnis-Verordnung machte sie zu gefährlichen Abfällen. Reichlich spät fiel auf, dass einige Verbrennungsanlagen überhaupt nicht über die Genehmigungen oder technischen Voraussetzungen zur Verbrennung verfügen. Somit gleicht die Situation, je nach Ausstattung der Müllverbrennungsanlagen und dem jeweiligen Umgang von Land und Kommune mit der neuen AVV, einem Entsorgungs-Flickenteppich. Die Bundesregierung weist Kritik an den Zuständen unterdessen von sich. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) macht die Länder für das Problem verantwortlich – eine Mehrheit von ihnen hatte im vergangenen Jahr die Abfallkennzeichnungsverordnung per Bundesratsbeschluss geändert, gegen den Willen der Umweltministerin. Eine nicht-repräsentative Erhebung des ZVDH unter seinen Mitgliedsbetrieben hat ergeben, dass rund zwei Drittel der Betriebe ihr Polystyrol überhaupt nicht entsorgen können.

In Nordrhein-Westfalen etwa dürfen die Betriebe die Dämmstoffe selbst zur Müllverbrennungsanlage transportieren, aber entweder weigern sich die Entsorger den Müll zu verbrennen oder sie nehmen so hohe Gebühren, dass die Unternehmen sich erpresst fühlen. Das trifft nicht nur die Unternehmer, sondern alle beteiligten Gewerke und den Bauherrn. Besonders ärgerlich: Im Jahresausklang, wenn viele Bauherren Angebote haben möchten, können die Dachdecker keine verlässlichen Angebote abgeben.

Polystyrol Container
Gemischter Bauschutt wartet im Container auf die fachgerechte Entsorgung.
Foto: Schröder Bedachungen

 

Lagen die Kosten vor dem 01.10. bei rund 150 Euro/t, sind sie mit 2.000 bis 6.000 Euro/t bei vielen Objekten inzwischen in Summe höher als die der eigentlichen Sanierung. Da gilt es zu improvisieren, wie zum Beispiel Dirk Sindermann: „Ich habe zwei Garagen angemietet, wo ich meinen Styropor-Müll zwischenlagere“, sagt der Obermeister der Innung Dortmund. Doch nicht jeder Handwerker ist so umwelt- und verantwortungsbewusst. Auf vielen Flachdächern türmen sich die Dämmstoffe. „Stand heute dürfen wir 25 % dem normalen Bauabfall beimischen. Das ist für Handwerker nicht praktikabel! Für Mono-Chargen haben wir derzeit immer noch keine Lösung. Derzeit haben wir 25 m3 eingelagert. Bei einer aktuellen Baustelle verbleibt das Material beim Auftraggeber und der wird das als Privatmann nach und nach zum Werkstoffhof schaffen“, sagt Sindermann. Der Obermeister hofft, dass man zur alten Ausganglage zurückkehrt.

Christoph Wierig aus Siegburg berichtet von einer Sanierung im Raum Stuttgart mit einer Dachflächengröße von 2.100 m²: „Zu entsorgen waren circa 168 m³ EPS. Im Angebotsstadium August hatten wir einen Entsorgungspreis von 280 Euro/t. Bei 168 m³ bedeutet dies circa 5 t und 1.400 Euro Deponiekosten. Nun müssen wir Preise von 4.280 Euro/t bezahlen. Daraus entsteht ein wirtschaftlicher Schaden von über 20.000 Euro. Das geschilderte Beispiel betrifft eher eine mittlere Dachflächengröße. Häufig sind die von uns auszuführenden Objekte auch deutlich größer (bis circa 15.000,00 m²).Noch dramatischer wird der finanzielle Schaden für uns, wenn das abzureißende EPS-Material Bitumenanhaftungen aufweist, zum Beispiel, wenn oberhalb des EPS-Materials eine bituminöse Abdichtung als Oberlage vorhanden ist. Da eine vollständige Trennung zwischen dem EPS- und Bitumenmaterial nicht möglich ist, muss das vom Gewicht her deutlich schwerere Bitumenmaterial zum Preis des EPS entsorgt werden. Dies wird in den nächsten Wochen zu einem Umsatzrückgang führen, der, sollte er nicht anderweitig kompensiert werden, auf Kurzarbeit hinausläuft “,sagt Wierig, dessen Unternehmen schwerpunktmäßig auf dem Flachdach agiert.

In Bremen hingegen hat man eine Zwischenlösung gefunden. Als er von dem Problem erfuhr, organisierte Obermeister Rudolf Behr eine Podiumsdiskussion, bei der sich alle Beteiligten versammelten – und sich am Ende tatsächlich darauf einigten, bis auf weiteres den alten Zustand wiederherzustellen. Seit dem 29.10. läuft nun alles wieder, sagt Behr. „Alle haben sehr konstruktiv gehandelt.“ Doch der Obermeister warnt: „Wenn die Landesregierung die Übergangslösung nicht mehr vertreten kann, schweben die Auswirkungen der POP-Verordnung immer noch über uns. An der Thematik hat sich im Grund nichts geändert. Wir geben weiterhin Mono-Chargen bei den Recyclinganlagen ab und die mischen den Bauschutt zusammen“. Inzwischen haben nach Angaben des Bundesverbands der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE) fast alle Bundesländer die Entsorgung von HBCD-haltigem Styropor erleichtert, allerdings überall mit unterschiedlichen Regelungen. Also faktisch eine Duldung des Zustands. Und der BDE fordert die Länder auf, die Regelung im Bundesrat rückgängig zu machen. Es dürfe nicht bei einem „gesetzgeberischen Flickenteppich“ bleiben. Dass hoffen auch die Mitglieder des Dachdecker-Verbands Nordrhein in ihrem Newsletter an die Mitglieder: „Da der jetzige Entsorgungszustand unsäglich und eigentlich kein Zustand sondern Stillstand ist, bedarf es der Rückgängigmachung des Bundesratsbeschlusses vom 12.08.2015, der dazu geführt hat, dass HBCD-haltiges Polystyrol seit dem 30.09.2016 als gefährlicher Abfall eingestuft wird. Zur angespannten Situation, die bei vielen Unternehmen bis zur Kurzarbeit reicht, kommt noch ein erheblicher Image-Schaden. Die hohen Entsorgungskosten verteuern die energetische Sanierung und stellen die energie- und klimapolitischen Ziele der Bundesregierung und der Regierungen der Bundesländer in Frage.

Zeitstrahl der Ereignisse:

Zeitstrahl Polystyrol
Das Problem "HBCD" ist nicht neu, schon Anfang 2015 ploppte die Entsorgungsproblematik auf und spitzte sich im Verlauf immer weiter zu. Erst Ende 2016 wurde eine Lösung gefunden - zumindest vorläufig.

Entsorgung von "gefährlichem" Polystyrol vorerst "ungefährlich"

Die Nachricht kam am späten Freitagnachmittag: Der Bundesrat hat dem Antrag der Nordrhein-Westfälischen Landesregierung stattgegeben und die Einstufung von Polystyrol als Gefahrstoff ausgesetzt. Die vereinfachte Entsorgungsregel für Polystyrol ist jetzt auch vom Bundeskabinett bestätigt worden! Bundesumwelt- und Bauministerin Barbara Hendricks: "Für die in den letzten Monaten zum Teil sehr hohen Preisaufschläge bei der Dämmplatten-Entsorgung sehe ich nun keine Grundlage mehr." Somit folgt das Bundeskabinett dem Vorschlag des Bundesrates vom 16. Dezember.

Ab dem 01.01.2018 ist das Dämmaterial dann wieder als "gefährlich" einzustufen, was sich in den Entsorgungskosten widerspiegeln wird. ZVDH-Präsident Karl-Heinz Schneider sieht die kurzfristige Lösung ebenfalls mit gemischten Gefühlen: „Auch wenn aus unserer Sicht der Antrag aus dem Saarland die bessere Variante darstellt, da wir den Entsorgungsnotstand dauerhaft vom Tisch gehabt hätten, begrüßen wir, dass der Bundesrat sich [...] auf die NRW-Variante einigen konnte. Wenn sich die Entsorgungssituation wieder normalisiert und die Preise für die Entsorgung wieder auf Normalmaß kommen, können wir dem Gesetzgeber nachweisen, dass die Vorgaben der EU-POP-Verordnung auch ohne Einstufung von HBCD als gefährlicher Abfall funktioniert. Sollten allerdings die Preise trotz Rückstufung von HBCD weiter hoch bleiben, können die Verwerter nicht mehr mit der aktuellen Rechtslage argumentieren.“

Im besten Fall verschafft die Lösung den Beteiligten jetzt ein Jahr Zeit, die Problematik ein für allemal aus dem Weg zu schaffen. Im schlechtesten Fall sitzen die Dachdecker in einem Jahr wieder auf einem Berg von Sondermüll.

Redaktion DDH

Letzte Aktualisierung: 19.12.2016