Sachverstand und Shattering

Eine lebhafte Podiumsdiskussion über Shattering-Schäden stand im Mittelpunkt der diesjährigen Sachverständigen-Tagung. Außerdem informierten sich 250 Sachverständige, Sachverständigen-Anwärter und Gäste am BBZ Mayen über Rechtsprechung, Widersprüchen in der DIN 68800-2 und praktische Tipps zur Gutachtenerstellung.

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Diskutierten in Mayen über Shattering: Von links: Veit Baudler, Herbert Gärtner, Josef Rühle, Günther Reese und vorne Wolfgang Reinders.

Wie wichtig die Sachverständigen-Tagung für die Branche ist, belegten die diesjährigen Besucherzahlen aufs Neue 250 Teilnehmer konnte das Berufsbildungswerk des Deutschen Dachdeckerhandwerks als Veranstalter am BBZ Mayen verbuchen. Manfred Schröder, Vorsitzender des Berufsbildungswerkes, eröffnete den dreitägigen Erfahrungsaustausch. Josef Rühle, Geschäftsführer Technik des ZVDH stellte das ausführliche und aktuelle Tagungsprogramm vor.

Eine DIN in der Kritik

Christian Anders, Technischer Berater des ZVDH, stellte den Weißdruck der DIN 68800-2 "Vorbeugende Maßnahmen im Hochbau" vor. Die Zuordnung von Holzbauteilen in die Gebrauchsklassen der Norm erfolgt auf Grundlage der Gefährdung, wobei die Holzfeuchte hierbei das wichtigste Kriterium ist. Wie bisher wird auch in der neuen Norm eine Holzfeuchte von 20 % bei Verzicht auf chemischen Holzschutz als Höchstwert definiert.

Manfred Gunkel stellte nach der Pause den Gelbdruck zum Merkblatt "Einbauteile bei Dachdeckungen" vor. Der Fokus lag auf den allgemeinen Berechnungsgrundlagen, dem Auswahlverfahren und der Anordnung diverserer Schneeschutzsysteme und Sicherheitsdachhaken. Unter anderem müssen Sicherheitsdachhaken zukünftig eine CE-Kennzeichnung haben, welche unlöschbar und sichtbar anzubringen ist. Sicherheitsdachhaken im Bestand, welche auf ihre Funktion nicht zu prüfen sind, dürfen künftig nicht mehr verwendet werden. Bei der Berechnung von Schneeschutzsystemen, dirigierte Gunkel gekonnt durch Schneelastzonen, Lastermittlungsverfahren, Bemessungsgrundlagen und Ausführungsvarianten.

Kontroverse Diskussion ums Flachdach

Damit waren die Teilnehmer auf einem Stand und warteten gespannt auf einen Höhepunkt des Tages: Der Podiumsdiskussion zum Thema. Es herrschte gespannte Stille in der Aula als Josef Löcherbach von Alwitra, Günther Reese von Wolfin, DDH Autor und Sachverständiger Herbert Gärtner, ZVDH-Justitiar Rechtsanwalt Wolfgang Reinders sowie Veit Baudler als Vorsitzender des ZVDH-Fachausschusses Abdichtungen die Bühne betraten. Günther Reese gab einen Schadensüberblick über die Schäden bei Wolfin. "Vor allem unverstärkte PVC Bahnen sind betroffen. Wir haben uns bei den Schäden professionell verhalten und jede Baustelle besichtigt".

Josef Löcherbach versuchte die Probleme zu relativieren und gab zu, dass die Industrie von den Schadensfällen überrascht worden ist. "Natürlich kann man Kunststoffdachbahnen bei niedrigen Temperaturen verarbeiten, auch EVA Bahnen. 2012 gab es sehr vereinzelt Fälle von Shattering-Schäden in Deutschland", so Löcherbach. Josef Rühle, der die sachlich geführte Diskussion leitete, stellte die Praxisübertragbarkeit vieler Prüf-Verfahren bei Dachprodukten in Frage.

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Unterhielt die Sachverständigen humorvoll: Professor Jürgen Ulrich. Fotos: DDH

Selbstverständlich kamen von den Sachverständigen zahlreiche Fragen, zum Beispiel von:

- Florian Geyer, der den fehlenden Dialog der Hersteller mit dem ZVDH bemängelte

- Eckard Hofmeister beklagte die geänderten Rezepturen der Dachbahnen

- Martin Weihsweiler stellte die Qualitätsanforderungen an PVC infrage

- Jürgen Heil und Klaus Hafer kritisierten die beiden Unternehmen für die fehlende Unterstützung bei Shattering-Schäden und mahnten konkrete Handlungsanweisung an. Leider blieb beiden Vertretern nicht genügend Zeit, auf die Vorwürfe öffentlich einzugehen.

Alle Hintergründe zum Shattering-Problem lesen Sie in DDH 08/2012 und

online.

So wichtig wie der Richter

In der Regel haben es Referenten nach so einem brisanten Thema schwer, die Zuhörer nach der Mittagspause wach zu halten. Kein Problem für Professor Jürgen Ulrich, der Tipps und Tricks für die Gutachten-Erstellung gab, zum Beispiel zum Thema Befangenheit. "Ein Sachverständiger kann aus denselben Gründen, die zur Ablehnung eines Richters berechtigen, abgelehnt werden. Sie haben sozusagen denselben Status wie ein Richter. Richter folgen zu 90 Prozent den Angaben der Sachverständigen, Sie sind also die entscheidende Person bei Verhandlungen", so Jürgen Ulrich. Amüsant und anekdotenreich erläuterte er, wie sich der Sachverständige vor Gericht und beim Ortstermin verhalten sollte. Generell gilt bei Verhandlungen: "Beantworten Sie nur die Fragen der Richter und sparen sich alle anderen Kommentare. Lassen Sie sich nicht von Tretminenanträgen der Anwälte provozieren, Sie sind die Eiche, Sie bleiben souverän."

Am letzten Tag referierte Josef Rühle in Vertretung für den erkrankten Kurt Michels, Obmann DIN 18195, über Aktuelles aus der Abdichtungstechnik. Er stellte den Überarbeitungsstand der Normenreihe DIN 18195 und der zukünftigen DIN 18531 vor und gab Ausblick auf die Fortschreibung der Abdichtungsnormen. Vertiefte Informationen hierzu lesen Sie in der zweiteiligen Serie von Autor Kurt Michels in DDH Ausgabe 19 und 21.

Den ausführlichen Beitrag lesen Sie in DDH 22/2012.

Johannes Messer, Michael Zenk

Weitere Bilder der Veranstaltung finden Sie auf unserer

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Letzte Aktualisierung: 07.11.2012