Stürmische Zeiten

Die neue Windlastnorm DIN 1055-4 wird für die Fachregeln Veränderungen im Bereich der Windsogsicherung von Dachziegeln und Dachsteinen bringen. Lesen Sie, worauf Sie bereits jetzt achten müssen und welche Chancen sich für das Dachdeckerhandwerk ergeben.

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In der nächsten Ausgabe der Fachregeln wird auch die Traufe als eigenständiger Dachbereich gelten. Foto: Koramic

Es waren vor allem die Versicherungsgesellschaften, die massiv auf die Notwendigkeit der Neufassung der DIN 1055-4, Einwirkungen auf Tragwerke, Teil 4: Windlasten, hingewiesen haben. Die Norm vom August 1986 wurde durch die Fassung vom März 2005 abgelöst. Fehler in der alten Norm wurden eliminiert sowie genauere und realitätsnähere Windlastmodelle eingearbeitet.In der Normenausgabe von 1986 wurde auf das Konzept der Ausgabe von 1938 zurückgegriffen und für den gesamten Geltungsbereich also Deutschland einheitliche Windgeschwindigkeiten angenommen. Das führte regional zu sehr unterschiedlichen Sicherheitsstandards: Während die angesetzte Windgeschwindigkeit in Süddeutschland einmal alle fünfzig Jahre auftritt, ereignet sie sich in Norddeutschland alle zehn Jahre. Einen wichtigen Beitrag zur realitätsnahen Betrachtung haben die Fachregeln des Deutschen Dachdeckerhandwerks geliefert. Bereits in der derzeit gültigen Ausgabe der Fachregeln für Dachdeckungen mit Dachziegeln und Dachsteinen von 1997 ist eine Karte integriert, die Deutschland in vier Windzonen unterschiedlich starker Beanspruchung unterteilt. Diese Karte wiederum war die Basis für die Einarbeitung in die DIN 1055-4 vom März 2005. Die Fachregel-Karte wurde den neuesten Erkenntnissen entsprechend überarbeitet und als bedeutender Bestandteil für die Lastermittlung in die neue Norm integriert.

Statiker in Lauerstellung

Für Dächer mit Abdichtungen ist die neue Windlastnorm bereits in die Fachregeln eingeflossen. Für großformatige Deckungen erfolgt die Befestigung gemäß allgemeiner bauaufsichtlicher Zulassung unter Berücksichtigung der Windlastnorm. Für kleinformatige Deckungen also Dachziegel und Dachsteine zeigt sich eine besondere Situation, hier lässt die Windlastnorm abweichende Regeln zu. Dieser Passus bietet dem ZVDH die Möglichkeit, handwerkliche Erfahrungen in die Neuregelung der Windsogsicherung einfließen zu lassen. In der Anfangsphase der Ausschussarbeit hörte man Kritik, nach dem Motto: "Hier sind der Willkür Tür und Tor geöffnet." Besonders die Statiker sitzen in Lauerstellung, da sie hier gerade in einem etwas schwächeren Gesamtmarkt neue Umsätze wittern. Bisher hatte sie das Dach ab Oberkante der Sparren nicht interessiert.

Allein dieses Beispiel zeigt, wie sensibel der ZVDH die Neuregelung handhaben muss. Von Willkür kann jedoch keine Rede sein. Als Basis der Fachregel muss die Windlastnorm dienen. Eines ist klar: Bei einer uneingeschränkten Übertragung der Norm in die Fachregeln würden Dachziegel in Deutschland nicht mehr flächendeckend einsetzbar sein. Die meisten Formate mit einem Bedarf von weiniger als 12 Stück pro Quadratmeter könnten bereits in der Windzone 2 nicht mehr verarbeitet werden. Die einzigen Ausnahmen wären einige Ziegelmodelle mit einem zusätzlichen Befestigungssystem. Völlig unabhängig von der Größe können derart ausgerüstete Produkte auch noch auf den Nordseeinseln problemlos gedeckt werden. Derzeit gibt es etwa zehn Modelle mit dieser leistungsfähigen Befestigung.

Gegen die Notwendigkeit der uneingeschränkten Übernahme spricht die Tatsache, dass die Sturmschäden in den letzten Jahren nach den Statistiken der Sachversicherer zwar zugenommen haben. Aber bereits die Windsogregelung in den Fachregeln von 1997 hat die Wirkung gezeigt, dass die Schäden am Dach weniger stark zugenommen haben, als in anderen Bereichen. Das Ziel des ZVDH ist es, einen sinnvollen Kompromiss zwischen Windlastnorm und derzeit gültiger Fachregel zu finden. Und dieser muss zur Zufriedenheit aller Interessensgruppen logisch und möglichst wissenschaftlich begründet werden.

Druckausgleich bringt Lagesicherheit

Die Handwerkserfahrung zeigt, dass sich Dachdeckung mit Dachziegeln und Dachsteinen im Sturm wesentlich gutmütiger verhalten als großformatige Deckungen. Zurückgeführt wird das auf einen für kleinformatige Deckwerkstoffe spezifischen Druckausgleich. Bei Windsog herrscht auf der Außenseite des Daches ein niedrigerer Druck als im Hinterlüftungsraum. Wird die Differenz zu groß, erfolgt ein Abheben des Dachziegels, also im Extremfall ein Sturmschaden. Aber genau dieses leichte Anheben des Ziegels durch den Überdruck innen bewirkt einen Druckausgleich und dadurch eine Zurückfallen des Ziegels in die Ursprungsposition. Einige wenige Filmaufnahmen ungeklammerter Ziegeldeckungen bei Sturm scheinen das zu belegen, auch Freilandversuche nicht ganz wissenschaftlich aufgebaut deuten auf dieses Phänomen hin. Auf dieser Basis wird derzeit argumentiert. Die Anforderungen der Norm sollen in den Fachregeln abgemindert werden. Der ZVDH spricht bereits konkret von einem Faktor von 0,5. Vereinfacht ausgedrückt bedeutet das: Bei Ziegel- und Dachsteindeckungen hat der Wind nur die halbe Kraft.

Die Höhe des erforderlichen Anhebens der Ziegel für den Effekt des Druckausgleichs wird in der Windlastnorm an anderer Stelle klar festgelegt.

In diesem Zusammenhang kann auch ein Gegenargument der Statiker entkräftet werden, die behaupten, dass gerade die Befestigungsmittel den Druckausgleich verhindern, da sie dem Anheben der Ziegel entgegenwirken. Alle derzeit am Markt befindlichen Befestigungssysteme lassen ein Mehrfaches des in der Norm geforderten Maßes zu auch die leistungsstärksten. Gerade die Systeme mit großer Rückhaltekraft bieten in diesem Zusammenhang noch einen Vorteil. Es müssen wesentlich weniger Ziegel geklammert werden. Dort wo mit anderen Klammern jeder Ziegel befestigt werden muss, reicht damit meist die Klammerung jedes dritten Ziegels aus. Die nicht geklammerten Ziegel gewährleisten damit umso besser einen Druckausgleich.

Auch der Widerstand ändert sich

150 Newton ist die Bemessungslast, die für den Einsatz der Windsogtabellen in den derzeit gültigen Fachregeln mindestens gefordert wird. Die Zahl entstammt einer Analyse der Prüfergebnisse nach alter, nicht mehr gültiger nationaler Prüfnorm. Nach neuer europäischer Prüfung sind die Ergebnisse durchgängig schlechter. Aus diesem Grund werden in den neuen Regeln mehrere Klammergruppen unterschieden. Eine konkrete Aussage gibt es bereits: K I = 125 N, K II = 175 N und K III = 250 N. Möglicherweise wird es eine vierte Gruppe mit einer noch höheren Bemessungslast geben. Die Systeme, die wesentlich mehr bringen, als 250 Newton sind am Markt vorhanden.

Das bedeutet beispielsweise, dass ein System mit 125 Newton Bemessungslast in Frankfurt zur Windsogsicherung absolut tauglich ist, am gleichen Gebäude in Hannover gerade noch so die Anforderungen erfüllt und in Flensburg nicht mehr eingesetzt werden darf. Genau an dieser Stelle gilt es noch ein Problem zu lösen. Dass der ZVDH seine Neutralität wahren will und in seinem Regelwerk keine Angaben zu einzelnen Produkten oder Herstellern machen will, ist verständlich hier sind die Hersteller gefordert. Die Informationen zu den Ziegel-Klammerkombinationen müssen in den Herstellerangaben leicht auffindbar und nachvollziehbar sein. Berechnungstools wären zusätzlich hilfreich.

Problemfeld Dachbereiche

Alles andere als handwerks- und baustellentauglich ist die Einteilung der Dachbereiche in der Windlastnorm. Kommen wir bisher in den Fachregeln mit den drei Bereichen Normalbereich, Randbereich und Eckbereich aus, fordert die Norm beim Walmdach die Betrachtung von acht unterschiedlichen Dachbereichen. Der ZVDH ist gefordert, die Handhabung zu vereinfachen. Die ersten wichtigen Schritte sind getan. Die Anzahl der Bereiche wurde bereits reduziert und überschaubarer gemacht. Klar scheint zu sein, dass die Traufe und der Grat in Zukunft in der Windsogbemessung als zusätzliche Bereiche betrachtet werden müssen.

Horst Ruscheinsky

Letzte Aktualisierung: 09.06.2016