„Tarif und Realität in Einklang bringen“

Die schwierigen Tarifverhandlungen, Studienabbrecher als Dachdecker und Vorurteile gegenüber der Verbandsarbeit: Im großen Interview mit DDH bezieht ZVDH-Präsident Karl-Heinz Schneider Stellung.

Karl-Heinz Schneider
ZVDH-Präsident Karl-Heinz Schneider: „Die bürokratische Schlinge zieht sich immer enger zu und es besteht die Gefahr, dass Betriebe nicht mehr Schritt halten können.“ Fotos: DDH

Herr Schneider, wie geht es dem Dachdeckerhandwerk nach der ersten Jahreshälfte 2016?

Nach Schulnoten und unseren Umfragefrageergebnissen zwischen zwei und drei, mit Tendenz zur zwei. Die Auftragslage ist gut, in einigen Bereichen sogar sehr gut – aber die Ertragslage ist nur befriedigend, am Ende des Tages bleibt weniger übrig als geplant. Besonders im Öffentlichen Bereich ist die Konkurrenz größer denn je. Traditionell bewegen wir uns dort mit Bautenschützern und Abdichtern im Markt, aktuell kommen aber auch Solo-Selbstständige und verstärkt Klempnerbetriebe hinzu. Große Schwierigkeiten bereiten uns Betriebe, die weit unter Preis anbieten und die Arbeiten von meist osteuropäischen Kolonnen ausführen lassen. Die dürfen zwar regulär hier arbeiten, unterbieten aber unser Preisniveau zum Teil beträchtlich. Die Situation ist insgesamt schwieriger geworden, auch durch ständig steigende Personalkosten – bei gleichbleibenden Verkaufspreisen. Das macht das Bauen insgesamt nicht erfolgreicher und schöner.

Wie ist die Position des ZVDH zur Lohnentwicklung?

Das Lohngefüge stimmt nicht mehr. Viele Innungen signalisieren uns, dass die Lohnentwicklung deutlich über die Marktentwicklung hinausgegangen ist, über die Inflationsrate sowieso. Es gibt den dringenden Wunsch der Betriebe, Tarif und Realität wieder in Einklang zu bringen. Wir haben der Gewerkschaft in den Tarifverhandlungen deutlich gemacht, dass die geforderten 5,6 % nicht möglich sein werden. Wir können uns unterhalten über Einkommensverbesserungen im allgemeinverbindlichen Teil des Tarifvertrages, so dass alle, die Dacharbeiten ausführen, diese tragen müssen. Die Gewerkschaftsseite geht aber davon aus, dass in Deutschland der große Bauboom ausgebrochen ist und wir natürlich daran teilhaben. Das beruht jedoch auf einer Fehleinschätzung. Es ist nachweisbar, dass wir vom Boom im Neubau weniger profitieren. Ein Grund ist der Trend zum Mehrfamilienhausbau – dort wird entsprechend weniger Dachfläche pro Wohneinheit verbaut. Wir sind von einer Einigung mit der Gewerkschaft weit entfernt, aber noch im Gespräch.

Was treibt Sie als Präsidenten der Dachdecker zurzeit am meisten um?

Vor allem die Frage des Nachwuchses. Inzwischen studieren 52 % aller Schulabgänger, damit bleibt für die „-Handwerks“ -Berufe einfach weniger übrig als früher. Wir unterstützen daher unsere Betriebe mit einem umfangreichen Instrumentarium für die Nachwuchswerbung, vom Pixi-Buch für Kindergartenkinder bis zum neuen Online-Bewerbungsportal, mit dem wir im Herbst starten. Wir wollen aber auch gezielt junge Menschen erreichen, die noch „wackeln“, ob sie studieren oder direkt in den Beruf gehen sollen. Verstärkt kümmern wir uns um potenzielle Studienaussteiger. In unserem Betrieb beispielsweise arbeiten zwei ehemalige Studenten sehr erfolgreich als Projektleiter im Fassadenbereich. Für Azubis wie für Fachkräfte gilt: Wir müssen aus allen Schichten der Arbeitswilligen Mitarbeiter rekrutieren, und wir haben die Hoffnung, dass irgendwann auch Flüchtlinge mit langfristiger Bleibeperspektive dafür in Frage kommen. Die aktuelle Erfahrung ist eher, dass sie weniger eine Ausbildung als vielmehr direkt Geld verdienen wollen, um ihre Familien zu finanzieren. Ich gehe davon aus, dass die nächste Generation der deutschen Wirtschaft mehr helfen wird. Insgesamt bleibt es aber dabei: Es ist schwierig, einen ganz normalen Auszubildenden zu finden. Leider machen viele Jugendliche direkt vor Ausbildungsbeginn oder in Laufe des ersten Lehrjahres einen Rückzieher und kommen plötzlich nicht mehr.

Malte von Lüttichau und Karl-Heinz Schneider
Malte von Lüttichau und Karl-Heinz Schneider beim großen Sommer-Interview.

Malte von Lüttichau

Das ausführliche Interview lesen Sie in DDH 17.2016.

Letzte Aktualisierung: 07.09.2016

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