Toleranz aus Tradition

Seit September beschäftigt Ralf Winn einen Flüchtling aus Afghanistan – bisher ein Glücksgriff. Shamshad A. ist motiviert, pünktlich – und ein Händchen für Dacharbeiten hat er auch.

DDM Ralf Winn mit Shamshad A
Meist entspannt, immer engagiert: DDM Ralf Winn mit Shamshad A. an der Abkantbank in seinem Betrieb in Neuwied. Foto: Winn

„Mir geht es um den Menschen. Da kamen und kommen viele Hilfsbedürftige aus Ländern, in denen Krieg herrscht. Und natürlich müssen wir denen helfen“, sagt Dachdeckermeister Ralf Winn. Seit August 2016 beschäftigt der Dachdeckermeister aus Neuwied einen Flüchtling aus Afghanistan. Shamshad A. flüchtete letztes Jahr aus seinem Heimatland und „landete“ auf Umwegen bei Ralf Winn. Das war vor gut einem Jahr. Damals war er 16 Jahre und hatte nur eine Tasche mit seinen Sachen in der Hand. Doch zum Glück für Shamshad landete er bei Dachdeckermeister Winn. Winn fühlt sich neben seinem Beruf und der bald 81-jährigen Firmengeschichte auch der Tradition seines Heimatorts verpflichtet. „Neuwied gilt als tolerante Stadt und das passt gut zu meinem Selbstverständnis“. So erfährt man auf der offiziellen Website der Stadt: „Seit der Stadtgründung 1653 wurde den unterschiedlichen Religionsgemeinschaften durch die Grafen von Neuwied die freie Ausübung ihrer Konfession zugesichert. Dies bewog viele verschiedene Glaubensgemeinschaften dazu, sich in der Deichstadt anzusiedeln. Den toleranten Geist jedoch hat die Stadt bis heute beibehalten: Nicht umsonst zieren die Worte „Tolerant. Lebendig“ das Logo Neuwieds “.

Gute Zusammenarbeit mit den Behörden

Und so ist es kein Zufall, dass in Neuwied die Integration schon Tradition ist. Zumindest waren die örtlichen Behören in Neuwied gut auf den damaligen Flüchtlingsstrom vorbereitet. Seit einem Jahr gibt es eine Initiative der Kreishandwerkerschaften Rhein-Westerwald und der Handwerkskammer Koblenz. Gemeinsam mit der Jugend- und Familienhilfe „Igel“ besorgen die Mitarbeiter den Flüchtlingen eine Unterkunft in Wohnheimen, koordinieren die Deutsch-Kurse und suchen Handwerksbetriebe, die bereit sind, Flüchtlinge zu beschäftigen. Ralf Winn ist in seiner Stadt gut vernetz. Als die Anfrage kam, hob er sofort die Hand und bot – neben anderen regionalen Handwerksbetrieben – seine Hilfe an. Das alles geschieht bei Winn ohne großes Aufheben. Die große Geste ist nicht sein Stil. Eher beharrlich und zuweilen hartnäckig setzt er sich für die Belange des Dachdeckerhandwerks ein, zum Beispiel im Landesverband und in diversen Gremien zur Aus- und Weiterbildung des ZVDH. Erfahrungen mit Flüchtlingen hat er schon einige gemacht. Er ist fast schon eine Art Flüchtlingsspezialist. „Ob Pole, Syrer oder Afghane – das ist mir egal. Ich biete meine Hilfe an und versuche die Mitarbeiter gleich zu behandeln“.

„Für mich ist klar: Da flüchten Menschen aus zerbombten Häusern, aus kaputten Städten – die brauchen unsere Hilfe. Und das möglichst schnell“, sagt Winn. Zuerst beschäftigte er einen Flüchtling aus Eritrea, dann kam ein junger Mensch aus Syrien. Der Flüchtling aus Syrien begann bei Winn ein Praktikum, um sich nach 4 Wochen wieder zu verabschieden. Amazon, mit einem Standort in Koblenz, lockte mit einem Job als Aushilfe und bot mehr Geld als die rund 300 Euro im Rahmen der üblichen Einstiegsqualifikation. Doch daraus wurde dann nichts. Jedenfalls war der Flüchtling wieder weg. Doch der Innungsobermeister ließ sich nicht entmutigen und wurde für seine Geduld belohnt. Mit Shamshad A. aus Afghanistan. Der mittlerweile 17-jährige Jugendliche hat die einjährige Einstiegsqualifikation begonnen, „und zieht das auch durch“. Da ist sich Winn sicher. „Der Junge ist motiviert und reinigt morgens um halb sieben schon die Firmenfahrzeuge, obwohl er das bei uns gar nicht müsste“, berichtet der Dachdecker.

Johannes Messer

Den ausführlichen Beitrag lesen Sie in DDH 22.2106.

Letzte Aktualisierung: 17.11.2016