Ungesunder Materialmix

Schlank sein hat ja was. Aber wir wissen alle, dass zu schlank ungesund ist. Was im Realleben Geltung hat, kann man auch manchmal auf das Dach beziehen.

Worum geht es?

In der jüngeren Zeit häufen sich Probleme bei Dächern mit einer bituminösen Abdichtung. Nicht etwa bei älteren Abdichtungen, nein, bei neu erstellten. Und das unabhängig bei Neubauten oder beim Bauen im Bestand.

Zunächst fällt das Schadenbild nur geringfügig auf. Es verändert sich aber nach einem heißen Sommer. Nach einem solchen tauchen plötzlich Dachgräben in der Abdichtungsfläche auf. Zu Beginn noch nicht sehr ausgeprägt erscheinen sie sehr häufig dort, wo die Unterlage ihre Überlappungen hat.

Was ist hier passiert?

Gemäß Tabelle 7 unseres Produktdatenblatts für Bitumenbahnen dürfen Unterlagsbahnen eine Dicke von nur 2,8 mm aufweisen. Diese sogenannten Kaltselbstklebebahnen werden einfach auf das vorhandene Polystyrol aufgebracht, die Naht- und Stoßverbindung eben mit der Rolle angedrückt, fertig ist die erste Lage. Schnell und dicht.

Der Morgen danach bringt in den Sommermonaten sehr häufig Tauwasser und im Winter Raureif auf der Oberseite der ersten Lage. Die Mengen sind dabei unterschiedlich. Ein Teil kann mit dem Gummischieber beseitigt werden, ein anderer Teil verbleibt hartnäckig. Aus Wirtschaftlichkeitsgründen wird hier nicht lang gefackelt und der Schweißbrenner ausgepackt. Die Oberfläche der Bahnen wird erhitzt, das Wasser soll verdunsten. Um nicht zuviel Zeit zu verlieren, wird die Oberlage gleich hinterhergezogen. Wie jeder Auszubildende gelernt hat, muss dabei immer eine kleine Bitumenwulst vor der Rolle anstehen, um eine hohlraumfreie Verklebung der Lagen zu erreichen. Wie gewohnt wird der Schweißbrenner dabei in das Dreieck zwischen Oberseite erste Lage und der Unterseite der Oberlage gehalten. Das Bitumen auf beiden Seiten schmilzt leicht an, die Rolle wird vorgetrieben.

Verdeckt geschieht dabei etwas sehr Unschönes. Die Unterseite der Unterlagsbahn wird durch die Flamme ebenfalls erhitzt. Das Bitumen dort muss, um sich mit dem Untergrund ausreichend schnell und sicher zu verkleben, schon bei recht geringen Temperaturen anschmelzen. Wird eine erhöhte Temperatur zugeführt, beginnt das Klebebitumen auf der Unterseite abzutropfen. Dabei zerstört es das Polystyrol der Wärmedämmung. Dieses schmilzt schon bei relativ geringer Temperaturzufuhr.

Insbesondere im Überlappungsbereich der Unterlage hält sich die eingebrachte Temperatur offensichtlich länger als in der restlichen Fläche. Nur so ist es zu erklären, dass die Verbrennungserscheinungen überwiegend hier und parallel zu einander auftreten.

In der kühleren Jahreszeit muss mehr Temperatur erzeugt werden, damit die Oberlagen vollflächig aufgebracht werden können. Die Folge: auch hier treten die Verbrennungserscheinungen auf. Durch die Steifigkeit der Bahn fallen die Gräben aber zunächst nicht auf. Das geschieht häufig erst dann, wenn die Bahnen durch die Erhöhung der Temperatur durch Sonneneinstrahlung wieder geschmeidiger werden und sich in den Gräben absenken. Aber auch bei Wind wird die Flamme des Schweißbrenners oftmals unkontrolliert in Bereiche gelenkt, die bereits ausreichend mit Temperatur versehen waren.

Wenig nachvollziehbar sind in diesem Zusammenhang Abdichtungsaufbauten, bei denen die erste Lage der Abdichtung polyelastische (PYE) Eigenschaften hat, die zweite Lage aber plastomere (PYP). Auf Grund der höheren Standfestigkeit der Plastomerbahnen wird auch oftmals die Unterseite der Bahnen in der Art erhitzt, dass Abtropferscheinungen bei der Unterlagsbahn auftreten. Weshalb werden hier Bahnen mit vollkommen unterschiedlichen Standfestigkeiten und physikalischen Eigenschaften gemixt?

Insgesamt stellt der Autor fest, dass die Qualitäten der dünnen Unterlagsbahnen für den Bereich der Längs- und Querzugkräfte vollkommen ausreichend sind. Aber die angegebene Wärmestandfestigkeit von + 100 °C bzw. 130 °C darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gegebenheiten auf einer Baustelle nicht denen eines Labors entsprechen. Auf Grund der geringeren Dicke des oberseitigen Bitumens und der Trägereinlagen im Vergleich zu den bekannten 4 mm dicken Unterlagsbahnen, wird die Temperatur viel zu rasch an die Unterseite der Bahnen geleitet. Die ständige Temperaturzufuhr von der Oberseite auf der einen und die Wärmedämmung auf der anderen Seite verhindern, eine ausreichend schnelles Abkühlen des Bitumens.

Letzte Aktualisierung: 29.11.2010