Viele beteiligt – keiner schuld

Eingeschlossene Baufeuchte im oben und unten dichten Flachdach produziert extrem teure Schadensfälle. Für Dachdecker ein heikles Terrain – auch weil durch viele Beteiligte nicht nachvollziehbar ist, wer verantwortlich war. Rechtsanwalt Wolfgang Reinders kennt ein sicheres Vorgehen.

Dachdeckermeister Friedrich Dörnhöfer: Man hört im Kollegenkreis hin und wieder wahre Horrorgeschichten über von oben dichte, gleichwohl vollgeschimmelte und geradezu weggefaulte Flachdächer mit enormen Schadensummen. Ist da was dran aus Ihrer Sicht?
Rechtsanwalt Wolfgang Reinders: Ich habe allein in den letzten 2 Jahren 4 Dachdecker durch komplizierte Beweissicherungsverfahren und Bauprozesse begleitet, bei denen es um eine Schadensumme zwischen 90.000 und 250.000 Euro ging. Die Ausgangslage war immer die gleiche: eingeschlossene Baufeuchtigkeit im Dämmpaket und Dachgebälk und dazu oben und unten hoch diffusionsdichte Dampfbremsen oder Abdichtungsbahnen. Leicht unterschiedlich waren zwar die Wege, wie die Feuchtigkeit letztlich ins Dachpaket gelangt ist. Das Ergebnis war in allen 3 Fällen aber das Gleiche: Holzzerstörende Pilze hatten die gesamte Flachdachkonstruktion „latent zerstört“, sodass im Endeffekt das Dach abgerissen werden musste.

Dornhöfer: Was macht die Sache für den DDM so gefährlich?
Reinders: Erst einmal sind meistens mehrere Beteiligte dabei: der von oben abdichtende Dachdecker, der planende und schlecht überwachende Architekt oder Bauleiter, der Zimmermann, der das zu feuchte Schalholz einbaut (und manchmal auch die feuchten Dämmstoffe), der Maurer, dessen feuchte Wände in die Dachkonstruktion hineinragen und der Trockenbauer/Maler, der das Dach von unten oder innen mit einer Dampfbremse mit hohem sd-Wert endgültig dicht macht. Oder, wenn Letzterer keine perfekten dampfdichten Anschlüsse hinbekommt, über die Schwachstellen noch mehr warme, feuchte Luft einwandert. Das häufige Resultat: Viele Köche verderben den Brei. Da sind die Verantwortlichkeiten, wer was falsch geplant oder ausgeführt hat und wer gegen welche Restfeuchtigkeit des Vorgewerks keine Bedenken angemeldet hat, sehr schwer nachzuvollziehen. Das führt oft zu jahrelangen Auseinandersetzungen mit nicht prognostizierbaren Ergebnissen. Die Haftungsquoten der Beteiligten ähneln Zufallsergebnissen. Erschwerend kommt noch hinzu, dass hinter den Beteiligten die jeweiligen Haftpflichtversicherer stecken, die sinnvollen Vergleichsregelungen meist auch noch im Wege stehen.

Dornhöfer: Worauf muss ich besonders achten?
Reinders: Wenn ein solches kritisches Warmdach ohne konstruktive Lüftungsebenen ansteht, muss vor allem meine „Schnittstelle“ sicher sein. Das heißt in erster Linie, dass mindestens einmal die Schalung, „auf die ich draufgehe“, trocken sein muss. Macht der Dachdecker auch andere Schichten des Dachpakets wie Dämmung oder Dampfbremse müssen natürlich auch weitere Abschnitte trocken sein. In einer total nassen (30 % Holzfeuchte, dann ist die Fasersättigung erreicht) 24 mm starken Schalung stecken bei einem Flachdach von nur 200 m2 rund 300 l mehr Wasser, als wenn das Holz mit einer Einbaufeuchte von 18 bis 20 % eingebaut worden wäre. Das ist genügend Potenzial für eine „furchtbare“ Dachzerstörung.

Dornhöfer: Was ist denn „trocken“?
Reinders: Unsere Fachregeln sagen dazu: in den „Hinweisen Holz und Holzwerkstoffe“ (Ausgabe September 2005), dass mit Ausnahme von Trag- und Konterlatten von Dachkonstruktionen sowie Grundhölzern bei hinterlüfteten Außenwandbekleidungen mit einer mittleren Holzfeuchte von höchstens 20 % einzubauen sind. Auch das Merkblatt „Wärmeschutz bei Dach und Wand“ (Ausgabe September 2004) gibt den Hinweis, dass bei außenseitigen sd-Werten größer 2 m erhöhte Baufeuchte oder später eingedrungene Feuchte nur schlecht oder gar nicht austrocknen kann.

Dornhöfer: Und wie kann ich bei einem Streit mit 5 benachbarten Handwerken beweisen, dass meine Schnittstelle o. K. war?
Reinders: Da gibt es leider nur eins, und das machen unsere Betriebe leider in der Praxis gar nicht oder fast gar nicht: Holzfeuchtemessung inklusive deren gleichzeitige Dokumentation mit einem Foto vom Messwert auf der Baustelle. Ansonsten stochert der Gutachter im späteren Prozess in der Ursachenkette herum und man findet Sätze im Gutachten wie: „… das Schalholz muss nass gewesen sein, sonst ließe sich das Ausmaß der Schädigung nicht erklären.“

Dornhöfer: Manche Kollegen sagen: ich baue nur noch belüftete Dächer.
Reinders: Das ist zumindest die sichere Variante.

Letzte Aktualisierung: 10.10.2014