Wärmedämmen mit Verstand

Blinder Aktionismus war noch nie gut. Wärmedämmen unter der Prämisse "die neue EnEV 20XX kommt, ich muss dringend und sofort etwas tun" ist auch nicht gut. Dieses insbesondere dann nicht, wenn vermeindlich Zeitdruck besteht.

Knappe Geldbeutel, schlechte Beratung und fehlerhafte Verarbeitung führen dann oftmals ins vollkommende Chaos. Hersteller werben mit billigen aber dennoch (angeblich) normgerechten Aufbauten, Verarbeiter bieten diese dem ahnungslosen Verbraucher als technische Innovationen an.

Gerade im Bereich der Bauphysik sind aber die Grundbedingungen für eine funktionale Konstruktion unbedingt einzuhalten. Ohne umfangreiche Berechnungen anstellen zu müssen, sollten die nachfolgenden Parameter unbedingt beachtet werden:

- Der Schichtenaufbau soll von innen nach außen einen geringer werdenden Sperrwert aufweisen,

- Die Luftdichtschicht soll raumseits der Wärmedämmung angeordnet sein

Schon der erste Punkt wird von verschiedenen Herstellern bei Systemaufbauten gnadenlos ignoriert. Beim Bauen im Bestand kann das fatale Folgen haben.

Es kann nicht den physikalischen Grundsätzen entsprechen, dass als innere Bekleidungen Paneele oder Nut- und Federbretter angeordnet ist/sind und auf der Außenseite eine Aluminium kaschierte Glaswolle folgt auf deren Oberseite dann eine Unterspannbahn oder Dampfsperre als Luftdichtschicht angeordnet wird und im weiteren Aufbau EPS- oder PUR-Dämmstoffe eingebaut werden.

In dem Merkblatt "Wärmeschutz bei Dach und Wand" wird im Abschnitt 3 "Anforderungen" im Satz 3.1(3) ausgeführt: Bei Dächern mit Wärmedämmungen soll die Luftdichtheitsschicht auf der Raumseite der Wärmedämmung angeordnet werden.

In dem Abschnitt "Begriffe" wird im Satz (16 )die Luftdichtheit beschrieben: Luftdichtheit im Sinne dieses Merkblatts bedeutet die Einhaltung bestimmter Luftwechselraten gemäß eines normierten Verfahrens zur Verringerung von Luftströmungen von innen nach außen.

Würde man die Definition der Luftdichtheit isoliert betrachten, so könnte man auf den Gedanken kommen, dass die Lage der Luftdichtheitsschicht bauphysikalisch betrachtet zunächst irrelevant ist. Im Grunde ist es danach egal, ob die Luftdichtheit auf der Außenseite des Dachpakets liegt oder innen. In beiden Fällen wird sie die Luftströmungen zuverlässig verringern oder verhindern. Das Ziel der Energieeinsparverordnung, Energieverluste durch derartige Luftströmungen zu verhindern, wird erreicht. Nur entspricht das auch dem schadenfreien Bauen, wie es u. a. in der DIN 4108 Wärmeschutz im Hochbau gefordert wird?

Gleichzeitig muss noch ein Hinweis aus dem Merkblatt Berücksichtigung finden. In den Planungshinweisen wird im Satz (9) aufgezeigt: Werden Dächer ausgeführt, für die kein rechnerischer Tauwassernachweis erforderlich ist (siehe Abschnitt 3.2.2), darf der Wärmedurchlasswiderstand der Bauteilschichten unterhalb der Dampfsperre höchstens 20% des Gesamtwärmedurchlasswiderstandes betragen.

Diese Aussage beinhaltet Gefahren. Weshalb soll sie sich ausschließlich auf Konstruktionen beschränken, bei denen kein rechnerischer Nachweis erforderlich ist?

Die Einhaltung der 20%-Regel soll doch verhindern, dass in die Konstruktion eindringende Luftfeuchtigkeit unterhalb der Dampfsperre nicht soweit abkühlen kann, dass sie als Tauwasser ausfällt. Dabei bezieht sich diese Aussage auf den Bereich der Diffusion, da nur diese berechenbar ist. Konvektionsströmungen sind nicht berechenbar und bleiben trotz des erheblich größeren Gefahrenpotentials unberücksichtigt.

Ein Werkstoff, der Luftströmungen verhindern soll, stellt doch immer eine Schicht dar, die unabhängig von ihrem Sperrwert als Widerstand zu betrachten ist. Wird diese Schicht durch Tauwasserausfall aufgefeuchtet, so erhöht sich der Sperrwert, der Widerstand wird größer.

Es kann doch also nur folgerichtig sein, die Luftdichtschicht raumseits der Wärmedämmungen anzuordnen und damit der bedingten Forderung des Abschnitts 3 Genüge zu tun.

Und weiter kann es doch nur folgerichtig sein, einen Werkstoffwechsel innerhalb des Schichtenpakets zu vermeiden. So sollte eine Kombination aus einer Vollsparren- und einer Aufsparrendämmung aus dem gleichen Werkstoff bestehen. Am Beispiel einer mineralischen Wärmedämmung kann man zeigen, dass sich der Sperrwert nicht negativ verändert. Wird hingegen die Vollsparrendämmung mineralisch und die Aufsparrendämmung z. B. aus EPS oder PUR/PIR (letztere möglicher Weise auch noch mit Aluminium-Folien kaschiert) ausgeführt, entstehen an den Werkstoffgrenzen Schichten, die eine dampfsperrende Wirkung aufweisen.

Fazit:

Unabhängig von den Ausführungen in dem Merkblatt sollte jeder Dachaufbau auf seine bauphysikalische Funktionalität untersucht werden. Dabei ist ein Schönrechnen kritischer Aufbauten zu vermeiden.

Sollen aus welchen Gründen auch immer Aufbauten erstellt werden, die nicht den Grundsätzen der Fachregeln und der Bauphysik entsprechen, muss der Auftraggeber über diesen Umstand und der möglichen Risiken aufgeklärt werden. Der Auftragnehmer sollte sich schriftlich vom Auftraggeber bescheinigen lassen, dass der Hinweis und die Aufklärung erfolgt sind und er sich der Risiken bewußt ist.

Letzte Aktualisierung: 24.08.2011