"Wir drehen den Spieß jetzt um"

Vorsprung für Dach-Haie das ist noch Alltag in Deutschlands Dachdecker-Innungen. Bayerns Dachdecker haben beschlossen, den Spieß umzudrehen. In einem Netzwerk versorgen sie Behörden, Beteiligte und Polizei frühzeitig mit Informationen. Ergebnis: Der Vorsprung schmilzt.

Aktion Dach-Haie
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Gemeinsam gegen Dach-Haie: Die bayerischen Dachdecker haben ein effektives Netz gegen die Arbeit unseriöser Dachhandwerker geknüpft dank der Zusammenarbeit werden Behörden zügig informiert und die Öffentlichkeit rechtzeitig gewarnt. Foto: Harald Friedrich

Dach-Haie machen den seriösen Dachdeckerbetrieben das Leben schwer. Tauchen sie irgendwo auf, erfährt die örtliche Dachdecker-Innung häufig zu spät davon. Innungen bemühen sich zwar, die zuständigen Stellen zu informieren, müssen aber in vielen Fällen die Zuständigkeit erst einmal abklären. Nächster Schritt ist oft, die mühsam gefundenen Ansprechpartner über das Phänomen Dach-Haie aufzuklären. Erst dann wird die Innung entsprechende Meldungen an die lokale Presse schicken. Diese wiederum erscheinen wenn überhaupt oft erst Tage später. Vorsprung für Haie. Das ist Alltag in Deutschlands Dachdecker-Innungen.

Angeregt durch eine Gesprächsrunde des Landesverbandes Baden-Württemberg kam der auf das Dachdeckerhandwerk spezialisierte PR-Mann und Kontaktbeauftragte des Landesinnungsverbandes Bayern auf die Idee, den Spieß mal umzudrehen. Mit anderen Worten: Den Vorsprung sollte künftig das Dachdeckerhandwerk haben und damit mal umgekehrt den Dach-Haien das Leben schwer machen. In Abstimmung mit dem Vorstand des LIV Bayern wurde in allen Innungsbezirken, die besonders unter den Aktivitäten der Unseriösen leiden, zum Informationsgespräch eingeladen. Die Besetzung wurde so gewählt, wie es dubiosen Handwerkern gebührt: Eingeladen wurde die regionale Polizeidirektion, die Finanzbehörden, die Gewerbeaufsicht des jeweiligen Regierungsbezirks, die Verbraucherberatung vor Ort, der Zoll, die BAU BG und die zuständige Handwerkskammer.

Großes Interesse bei den zuständigen Stellen

Diese im ersten Augenblick sehr "offene" Einladung wurde von den zuständigen Stellen intern mit großem Interesse angenommen und an deren Spezialisten weitergegeben. So entsendet die Polizeidirektion zu diesen Gesprächen ihre Experten für Ermittlungen in Betrugssachen sowie meist noch einen Vertreter der Streifenpolizei. Besonders hochkarätig war die Besetzung des ersten Dach-Hai-Gesprächs bei der Innung München-Oberbayern. Hier nahm zusätzlich ein Beamter des Landeskriminalamtes teil. Von Seiten des Zolls wurden die Bereichsleiter FKS (Finanzkontrolle Schwarzarbeit) zu den Gesprächsrunden angemeldet. Bei den Finanzbehörden stießen die Einladungen besonders bei den Bereichen Betriebsprüfung und Steuerfahndung auf reges Interesse.

Die Gesprächsrunden verfolgten drei Hauptziele:

1. Persönliches Kennenlernen der einzelnen Handlungsbereiche

2. Sensibilisierung für das Thema Dach-Haie

3. Bildung lokaler Netzwerke in den einzelnen Innungsbereichen

Das persönliche Kennenlernen und die Sensibilisierung sind wichtig, um unter dem Zeitdruck einer Dach-Hai-Aktivität schnell handeln zu können, ohne wie bisher so oft erst einmal den richtigen Ansprechpartner zu finden und ihn mühsam über den Sachverhalt aufzuklären. Die lokalen Netzwerke verfolgen ein Ziel: Jeder Teilnehmer an diesen Netzwerken wird aktuell über akute Tätigkeiten der Dach-Haie per E-Mail informiert und kann dann selbst entscheiden, ob und wo er seinen "Hebel" ansetzt. Darüber hinaus werden die Netzwerke innungsübergreifend informiert, wenn neue Methoden oder neue "Schwarze Schafe" auf dem Markt auftauchen.

Vorbehalte ausgeräumt

Zwei Vorbehalte kristallisierten sich bei den eingeladenen Stellen im Vorfeld stets heraus. Zum einen verwies man auf die Schweigepflicht und das Dienstgeheimnis der Innung oder dem Landesinnungsverband dürften als Veranstalter der Gesprächsrunden keine eigenen Erkenntnisse mitgeteilt werden. Dies wurde damit entkräftet, dass im Namen der einladenden Innung stets darauf hingewiesen wurde, man solle dies nicht als Informationsaustausch, sondern als Informationsgespräch ansehen, bei dem das Dachdeckerhandwerk seine Erkenntnisse und Erfahrungen weitergibt.

Vorbehalt Nummer zwei kam in vielen Fällen von den Finanzbehörden. Selbst wenn Rechnungskopien vorlägen, die bar bezahlt wurden, könnten diese erst oft Jahre später bei einer Betriebsprüfung unter die Lupe genommen werden. Schnell fand man aber zu einem Konsens mit der Steuerfahndung. Sie ist dankbar für jeden Hinweis auch wenn dieser nicht von dem Betroffenen selbst, dem geprellten Hausbesitzer, kommt. Wichtiger sei es, eine Kopie einer Rechnung in den Händen zu halten, die wohl bar bezahlt wurde. Denn Bargeschäfte haben für Steuerfahnder fast immer den "Geruch" von Schwarzgeld. Und was dann folgt, ist meist nicht mehr nur als "Steuerprüfung" zu bezeichnen.

Checkliste für Streifenpolizisten

Erfreulich und erfolgreich zeigt sich auch die Zusammenarbeit mit der Polizei. In Zusammenarbeit mit dem LKA Bayern arbeitete Dach-Hai-Experte Friedrich eine Checkliste für Streifenpolizisten aus, anhand derer die zu Hilfe gerufene Streifenbesatzung sehr schnell überprüfen kann, ob der Verdacht eines unseriösen Geschäfts vorliegt. Zudem wurde eine Zusammenfassung zum Thema Dach-Haie erarbeitet, die inzwischen ein eigenes Kapitel im "Handbuch Prävention" der Polizei in Bayern einnimmt. Außerdem wurden alle bayerischen Polizeidienststellen über diesen Bereich der Wirtschaftskriminalität eingehend informiert. Im Falle eines Dach-Hai-Verdachts so die Empfehlung der Polizei Bayern sollte über die Notrufnummer die nächste Polizeidienststelle benachrichtigt werden.

Erfolge dieser Strategie des Bayerischen Landesinnungsverbandes haben sich schon bald eingestellt. So sagte zum Beispiel ein Gewerbeaufsichtsamt zu, an jedem Punkt seines Regierungsbezirks in einem Zeitfenster von nur zwei Stunden einen Kontrollbeamten vor Ort zu haben, sofern es die bestätigte und vorab überprüfte Meldung eines Dach-Hai-Falles gibt. Auf diesem Weg wurden bereits Baustellen innerhalb nur eines halben Tages nach Beginn der Arbeiten stillgelegt und die Hausbesitzer meist Senioren konnten vor großem Schaden bewahrt werden. In einem weiteren Fall schaltete sich zusätzlich der Zoll ein und landete einen Volltreffer. Durch die zentrale Betreuung der Netzwerke konnte ebenfalls ein "alter Bekannter" aus dem Bereich der Schattenwirtschaft dabei ertappt werden, wie er trotz Abmahnung weiter seinen dubiosen Geschäften nachging. Diesmal dürfte es teuer für ihn geworden sein.

Voraussetzung für den Erfolg ist allerdings, dass Informationen über die Schwarzen Schafe zentral gesammelt und ausgewertet werden. Diese Informationen sind umgehend an die Netzwerke weiterzuleiten. Ebenso wichtig ist es, dass auch seitens der Innungen Fälle mit einem Anfangsverdacht sofort an die zentrale Netzwerkbetreuung weitergegeben werden, damit diese entsprechend reagieren kann. Zur entsprechenden Reaktion gehört auch, die Vorabprüfung, ob es sich tatsächlich um einen Dach-Hai handeln könnte. In einigen wenigen Fällen zeigte sich, dass es offenbar nur ums Anschwärzen eines auswärtigen Mitbewerbers ging. Die Vermeidung eines falschen Alarms ist die Gewähr dafür, dass die einzelnen Netzwerkteilnehmer auch weiter sensibilisiert sind. Erhärtet oder bestätigt sich ein Verdacht, werden sofort die Medien in der Region informiert. PR-Mann Friedrich hat sich hierfür selbst ein hohes Ziel gesetzt: "Nach Überprüfung und Bestätigung des Einzelfalles sind wir fast immer in der Lage, binnen zwei Stunden alle Redaktionen in der betreffenden Region mit einer entsprechenden Pressemeldung versorgen zu können.

In den meisten Fällen wird die entsprechende Warnung vor diesen "Handwerkern" bereits am Folgetag von den Tageszeitungen veröffentlicht. Vielfach berichteten auch schon wenige Stunden nach Versand der Pressemeldung die elektronischen Medien. Und mehrmals war die kurze Pressemeldung Anlass für die Redaktionen, in den Folgetagen ausführlich über dieses Thema zu recherchieren und entsprechend umfangreich zu berichten. Größter Erfolg aber ist wohl, dass es in vielen Bezirken in Bayern zwar nicht ganz Dach-Hai-frei zugeht, deren Aktivitäten aber auffällig reduziert worden sind. Auch in den Kreisen der schon fast mafiös strukturierten Schattenwirtschaft spricht es sich herum, wo die Gefahr lauert, aufzufliegen.

Harald Friedrich

Dauer-Problem Dach-Haie

Besonders nach dem Winter oder wie aktuell, nach Stürmen und Unwettern, versuchen unseriöse Dachfirmen ein schnelles Geschäft zu machen. Ziel sind besonders häufig ältere Menschen, die an der Haustür überrumpelt werden. Die Strategie: Verunsicherung. Gezielt wird versucht, Hausbesitzern einen Schaden am Dach einzureden. Dabei kommen verschiedene "Arbeitsmethoden" zum Einsatz:

Das Dach wird einer Inspektion unterzogen. Anschließend werden poröse Ziegel präsentiert, die angeblich vom Dach des Opfers stammen. Der Schock wird ausgenutzt und der Hausbesitzer sofort zur Unterschrift unter einen Pauschal-Sanierungsauftrag gedrängt.

Nachdem der Hausbesitzer einen Vertrag über die Sanierung zu verlockend niedrigem Pauschalpreis unterschrieben hat, wird unmittelbar mit dem Abbruch des Daches begonnen. Daraufhin wird dem Opfer erklärt, der Aufwand sei doch erheblich größer als eingeschätzt gewesen. Nun soll ein wesentlich teurerer Auftrag unterschrieben werden.

Hausherren werden mit dem Argument geködert, der Betrieb unterhalte in der Gegend gerade mehrere Baustellen und könne deshalb Sonderkonditionen einräumen.

Eine neuere Methode: Kleinere Schäden am Dach werden mit der Digitalkamera fotografiert und dem Hausbesitzer gezeigt. Zögernden wird damit gedroht, das Foto an die Gebäudeversicherung zu schicken.

Interview: Globale Lösung erwünscht

Herr Kreuzer: Ihr LIV hat den Kampf mit den Dach-Haien so konsequent wie wohl kein anderer Landesverband aufgenommen. Was war die Motivation dazu Verbraucherschutz, Mitgliederschutz oder beides zusammen?

Der Kampf gegen Dach-Haie begann ursprünglich wegen des Imageschadens für das Dachdeckerhandwerk, den vor Jahren noch einige wenige Dach-Haie wegen ihren betrügerischen Geschäftspraktiken bei den Kunden hinterlassen haben, also sozusagen aus Gründen des Verbraucherschutzes. Unsere bayerischen Kollegen waren bis auf wenige Ausnahmen wegen der damals noch nicht ständig, bzw. immer nur in wechselnden Regionen im Markt auftretenden Dachhaie, nur schwer zu bewegen, Meldungen über Aktivitäten von Dachhaien zeitnah weiterzugeben. Sicherlich auch auf Grund der Tatsache, dass die Kollegen damals noch gut zu tun hatten. Aber genau das war sicherlich auch der Grund, warum sich die Dachhaie so vermehren konnten und zwischenzeitlich über Netzwerke verfügen, die über den Süden Deutschlands hinaus die gesamte Republik überspannen. Ein weiterer Grund für die anfangs zögerliche Bekämpfung war sicherlich auch die teilweise lasche Rechtssprechung die dazu führte, dass so mancher Kollege sich sagte "für was den ganzen Aufwand, wenn denen sowieso nichts passiert". Doch wahrscheinlich wegen unserer stetigen Verfolgung jeder Meldung über Dachhaie und ersten wirklichen Erfolgen vor Gerichten in allen Regierungsbezirken Bayerns und aus der Erkenntnis unserer Kollegen heraus, dass der Kuchen nicht größer wird, sich aber immer mehr davon bedienen, konnten wir immer mehr Kollegen von der Notwendigkeit der Verfolgung von Dachhaien überzeugen. Somit verfügen auch wir heute über ein fast flächendeckendes, erfolgreiches Netzwerk zur Verfolgung von Dachhaien, sobald Meldungen über Aktivitäten eintreffen. Der Verbraucherschutz steht heute immer noch Vordergrund, aber durch die Bekämpfung der Dachhaie und der in diesem Paket beinhalteten andauernden Aufklärung der Verbraucher, werden die Chancen unser Mitgliedsbetriebe immer besser werden, dass der Kunde keine Aufträge mehr an der Haustüre an betrügerisch agierende Dachhaie vergibt. Zusammenfassend betrachtet kann man sagen, unsere Aktivitäten zur Bekämpfung der Dachhaie dienen dem Verbraucher ebenso wie unseren Mitgliedsbetrieben.

Spüren Sie die Auswirkungen Ihrer Maßnahmen in Bayern?

Aber sicher doch, unser Netzwerk zur Bekämpfung von Dachhaien funktioniert, die Meldungen kommen zeitnah zu uns und die entsprechenden Stellen wie Berufsgenossenschaft, Gewerbeaufsichtsamt, Zoll und Polizei können sind aktiv mit dabei. Dadurch hat schon so mancher Dachhai seinen sicher geglaubten Auftrag verloren, ja in Extremfällen wurden begonnene Aufträge sogar abgebrochen um der Verfolgung und Registrierung durch die Behörden aus dem Weg zu gehen. Dass Vorbeugung wichtig ist, zeigen unsere offensivsten Maßnahmen, bei denen wir Straßenzüge in denen Dachhaie aufgetreten sind nachbegehen und die Hausbesitzer über die Geschäftspraktiken der Dachhaie aufklären und "Ungläubigen" Tipps geben, wie sie die Seriösität dieser Betrüger prüfen können. Da kommt es dann schon das eine oder andere Mal bei direkten Kontakten mit den Dachhaien zu verbalen Auseinandersetzungen. Aber der Ruf nach der Polizei, die über unser Netzwerk ja vorinformiert ist und weiß, um was es hier in der Regel geht, wirkte bisher immer.

Ist das "bayerische Beispiel" exportfähig in andere Landesverbände oder für den Zentralverband?

Wie ich eingangs schon sagte, das Netzwerk der Dachhaie überspannt nicht nur mehr den Süden Deutschlands. Um so mehr sollten sich die Kollegen in anderen Bundesländern, sofern noch nicht geschehen, rechtzeitig effektive Maßnahmen zur Bekämpfung der Dachhaie ergreifen. Sicherlich ist die bayerische Vorgehensweise, Aktivierung und Einrichtung eines Meldesystems der Mitgliedsbetriebe und die direkte Kontaktaufnahme mit den in allen Innungsbezirken ansässigen Verfolgungsbehörden auf alle Landesverbände übertragbar. Von großem Vorteil wäre es für uns, wenn der ZVDH das Thema "Dachhaie" flächendeckend im Rahmen seiner Öffentlichkeitsarbeit aufnehmen würde und Kontakte zu den Bundesbehörden, hier zu direkten Ansprechpartnern schaffen würde. Bei der Verfolgung von Dachhaien wäre es weiter von Vorteil, wenn man auf eine zentrale, länderübergreifende Datenbank über Dachhaie zugreifen könnte. Somit wäre ein schnellerer Zugriff auf die sich unter einander austauschenden und wechselnden haftende Personen dieser Firmen sicherlich möglich. In welchem Umfang hier ein Bedürfnis besteht muss allerdings jeder Landesverband für sich beurteilen. Allerdings scheint momentan das Thema "Dachhai" wieder mal ein vorwiegendes Problem im Süden Deutschlands zu sein. Aber vielleicht können wir hier durch Sensibilisierung zu diesem Thema ja zu einer globalen Lösung finden.

23.04.2010

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