Entsorgungsnotstand Polystyrol: Dachdecker sind die Dummen

Polystyrol_Sindermann
Wohin mit dem Dämmstoff-Müll? DDM Dirk Sindermann lagert seinen Styropor-Müll übergangsweise in Garagen. Foto: Dachdecker Innung Dortmund.

Die Entsorgung der Polystyroldämmstoffe ist auch im Dezember noch nicht ­geklärt. In manchen Fällen ist die Entsorgung teurer als die ­eigentliche Sanierung. Für die Dachdecker unerträglich – denn das kostet Aufträge und ­Arbeitsplätze .



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Übrigens: DDH Leser bleiben am Thema dran – in DDH lesen Sie unser aktuelles Interview zum Thema Flachdachrichtlinie. Schauen Sie doch mal rein.

Dachdeckermeister Michael Weitzsch aus Boppard ist sauer – und zwar richtig: „Ich habe die aktuellen Kosten von meinem Entsorger bekommen: 4.000,– Euro ohne Mehrwertsteuer die Tonne! Das heißt im Klartext: bei einem 1.000-m²-Flachdach mit durchfeuchteter Wärmedämmung, die eventuell ausgebaut und entsorgt werden muss, bei einer Stärke von 12 cm und einem Wassergehalt von 250 kg/m3 komme ich auf die Summe von 157.080 Euro. Am liebsten würde ich das ganze Zeug in den Rhein schmeißen!“
So wie Michael Weitzsch geht es landauf, landab zurzeit vielen Dachdeckern, die ihrer Arbeit nicht nachgehen können, weil der Entsorgungsnotstand beim Polystyrol Betriebe regelrecht lahmlegt. Dabei ist die Situation nicht neu: Bereits im Spätsommer schlugen der Zentralverband und die Landesverbände Alarm, dass in vielen Kommunen keine Entsorgung möglich sei .


Ende November trug die Pressearbeit des ZVDH Früchte. Nach einem Artikel in „Bild“ nahm das Thema bundesweit richtig Fahrt auf. FAZ, Tagesthemen, ZDF – alle großen Medien berichteten. ZDVH-Pressesprecherin Claudia Büttner: „Schon seit Wochen steht das Telefon nicht still. Zahlreiche Medienvertreter konnten wir mit fachlichem Hintergrundwissen versorgen und ihnen Dachdeckerbetriebe für Interviews vermitteln.“

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Entsorgung teurer als die Sanierung?

Dennoch herrscht in vielen Kommunen immer noch Stillstand. Auch die Konferenz der Umweltminister Anfang Dezember brachte nicht den erhofften Durchbruch für eine bundesweite Lösung. ZVDH-Hauptgeschäftsführer Ulrich Marx zur Umweltministerkonferenz: „Ein äußerst enttäuschendes Ergebnis. Viele Dachdecker bleiben auf den Dämmstoffen und auf den zum Teil immens hohen Kosten für die Entsorgung sitzen. Erste Entlassungen, Kurzarbeit und zahlreiche Baustopps sind die Folgen. Die Industrie meldet erste Umsatzeinbußen und auf Mieter werden höhere Kosten zukommen. Die klimapolitischen Ziele der Bundesregierung werden konterkariert, da die energetische Sanierung mehr oder weniger brachliegt. Und dies ohne Not, denn von der EU ist eine Einordnung des HBCD als gefährlicher Stoff nicht vorgegeben: Dies ist allein dem vorauseilendem Gehorsam einiger Bundesländer geschuldet, die diesen Antrag in den Bundesrat eingebracht haben.“

In der Tat ist das Problem vor allem hausgemacht. Aus der POP-Verordnung der EU folgt nicht zwingend, HBCD-haltige Polystyrolplatten als gefährlichen Abfall zu deklarieren. HBCD wurde dort nur als persistenter organischer Schadstoff deklariert. Erst die Novellierung der deutschen Abfallverzeichnis-Verordnung machte die Platten zu gefährlichen Abfällen. Reichlich spät fiel auf, dass einige Verbrennungsanlagen überhaupt nicht über die Genehmigungen oder technischen Voraussetzungen zur Verbrennung verfügen. Somit gleicht die Situation, je nach Ausstattung der Müllverbrennungsanlagen und dem jeweiligen Umgang von Land und Kommune mit der neuen AVV, einem Entsorgungs-Flickenteppich. Die Bundesregierung weist Kritik an den Zuständen unterdessen von sich. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) macht die Länder für das Problem verantwortlich – eine Mehrheit von ihnen hatte im vergangenen Jahr die Abfallverzeichnis-Verordnung per Bundesratsbeschluss geändert, gegen den Willen der Umweltministerin. Eine nicht repräsentative Erhebung des ZVDH unter seinen Mitgliedsbetrieben hat ergeben, dass rund zwei Drittel der Betriebe ihr Polystyrol überhaupt nicht entsorgen können.


Polystyrol Container
Gemischter Bauschutt wartet im Container auf die fachgerechte Entsorgung. Foto: Schröder Bedachungen


In Nordrhein-Westfalen etwa dürfen die Betriebe die Dämmstoffe selbst zur Müllverbrennungsanlage transportieren, aber entweder weigern sich die Entsorger, den Müll zu verbrennen, oder sie nehmen so hohe Gebühren, dass die Unternehmen sich erpresst fühlen (siehe auch Meinungen von Dachdeckern). Das trifft nicht nur die Unternehmer, sondern alle beteiligten Gewerke und den Bauherrn. Besonders ärgerlich: Im Jahresausklang, wenn viele Bauherren Angebote haben möchten, können die Dachdecker keine verlässlichen Angebote abgeben.

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Dämmstoffe in der Garage

Lagen die Kosten vor dem 01.10. bei rund 150 Euro/t, sind sie mit 2.000 bis 6.000 Euro/t bei vielen Objekten inzwischen in Summe höher als die der eigentlichen Sanierung. Da gilt es zu improvisieren, wie zum Beispiel Dirk Sindermann: „Ich habe zwei Garagen angemietet, wo ich meinen Styropormüll zwischenlagere“, sagt der Obermeister der Innung Dortmund. Doch nicht jeder Handwerker ist so umwelt- und verantwortungsbewusst. Auf vielen Flachdächern türmen sich die Dämmstoffe. „Stand heute dürfen wir 25 % dem normalen Bauabfall beimischen. Das ist für Handwerker nicht praktikabel! Für Monochargen haben wir momentan immer noch keine Lösung. Derzeit haben wir 25 m3 eingelagert. Bei einer aktuellen Baustelle verbleibt das Material beim Auftraggeber und der wird das als Privatmann nach und nach zum Werkstoffhof schaffen“, sagt Sindermann. Der Obermeister hofft, dass man zur alten Ausganglage zurückkehrt.

Christoph Wierig aus Siegburg berichtet von einer Sanierung im Raum Stuttgart mit einer Dachflächengröße von 2.100 m²: „Zu entsorgen waren circa 168 m³ EPS. Im Angebotsstadium August hatten wir einen Entsorgungspreis von 280 Euro/t. Bei 168 m³ bedeutet dies circa 5 t und 1.400 Euro Deponiekosten. Nun müssen wir Preise von 4.280 Euro/t bezahlen. Daraus entsteht ein wirtschaftlicher Schaden von über 20.000 Euro. Das geschilderte Beispiel betrifft eher eine mittlere Dachflächengröße. Häufig sind die von uns auszuführenden Objekte auch deutlich größer (bis circa 15.000 m²). Noch dramatischer wird der finanzielle Schaden für uns, wenn das abzureißende EPS-Material Bitumenanhaftungen aufweist, zum Beispiel wenn oberhalb des EPS-Materials eine bituminöse Abdichtung als Oberlage vorhanden ist. Da eine vollständige Trennung zwischen dem EPS- und dem Bitumenmaterial nicht möglich ist, muss das vom Gewicht her deutlich schwerere Bitumenmaterial zum Preis des EPS entsorgt werden. Dies wird in den nächsten Wochen zu einem Umsatzrückgang führen, der, sollte er nicht anderweitig kompensiert werden, auf Kurzarbeit hinausläuft“, sagt Wierig, dessen Unternehmen schwerpunktmäßig auf dem Flachdach agiert.

Gutes Beispiel Bremen

In Bremen hingegen hat man eine Zwischenlösung gefunden. Als er von dem Problem erfuhr, organisierte Obermeister Rudolf Behr eine Podiumsdiskussion, bei der sich alle Beteiligten versammelten – und sich am Ende tatsächlich darauf einigten, bis auf Weiteres den alten Zustand wiederherzustellen. Seit dem 29.10. läuft nun alles wieder, sagt Behr. „Alle haben sehr konstruktiv gehandelt.“ Doch der Obermeister warnt: „Wenn die Landesregierung die Übergangslösung nicht mehr vertreten kann, schweben die Auswirkungen der POP-Verordnung immer noch über uns. An der Thematik hat sich im Grund nichts geändert. Wir geben weiterhin Monochargen bei den Recyclinganlagen ab und die mischen den Bauschutt zusammen.“

Tobias Backhaus Polystyrol
Großes Medieninteresse: Mitarbeiter der Informationsstelle Technik des ZVDH Tobias Backhaus erklärt im Interview mit dem ZDF die Problematik Entsorgung Polystyrol Foto: ZDF


Inzwischen haben nach Angaben des Bundesverbandes der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE) fast alle Bundesländer die Entsorgung von HBCD-haltigem Styropor erleichtert, allerdings überall mit unterschiedlichen Regelungen. Also faktisch eine Duldung des Zustands. Und der BDE fordert die Länder auf, die Regelung im Bundesrat rückgängig zu machen. Es dürfe nicht bei einem „gesetzgeberischen Flickenteppich“ bleiben. Das hoffen auch die Mitglieder des Dachdecker-Verbandes Nordrhein in ihrem Newsletter an die Mitglieder: „Da der jetzige Entsorgungszustand unsäglich und eigentlich kein Zustand, sondern Stillstand ist, bedarf es der Rückgängigmachung des Bundesratsbeschlusses vom 12.08.2015, der dazu geführt hat, dass HBCD-haltiges Polystyrol seit dem 30.09.2016 als gefährlicher Abfall eingestuft wird.“

Ausblick mit ungewissem Ausgang

Die Hängepartie der vergangenen Monate belastet Dachdecker, Händler und natürlich die Bauherren. Denn wenn ein Bauvertrag beschlossen ist, gehört die Entsorgung für Dachdecker nun einmal dazu. Den Notstand nutzen die Betreiber der Abfallverbrennungsanlagen als Druckmittel – sie wollen mehr Geld. Die Dachdecker sind ratlos und sauer. Die Dämmplatten werden auf den Baustellen zwischengelagert und sind dort dem Wetter, vor allem auch Stürmen ausgesetzt. Ganz abgesehen von den geplanten Baustellen, die die Unternehmen nicht abwickeln können, und den Großaufträgen, die Dachdecker ablehnen müssen.
Zur angespannten Situation, die bei vielen Unternehmen bis zur Kurzarbeit reicht, kommt noch ein erheblicher Imageschaden. Die hohen Entsorgungskosten verteuern die energetische Sanierung und stellen die energie- und klimapolitischen Ziele der Bundesregierung und der Regierungen der Bundesländer infrage.

Bleibt die Frage, ob eine einheitliche Regelung bei den überwiegend privatwirtschaftlich agierenden MVA ebenfalls zu einer Normalisierung der Lage führen wird. Für die Sitzung des Bundesrats am 16. Dezember wollte sich eine Länderinitiative formieren (aktuelle Nachrichten dazu auf ddh.de), um vor Jahresende eine Entscheidung auf den Weg zu bringen. Ändert sich die Situation nicht zügig, werden sich die Umstände direkt auf alle am Bau Beteiligten niederschlagen. Die Bedachungsindustrie verzeichnet bereits seit Inkrafttreten der Erlasse Umsatzrückgänge, Order für kurz- und mittelfristige Projekte sind nach Angaben von Industrievertretern Mangelware. Für Bauherren und Mieter könnte die Situation zu massiven Kostensteigerungen bei Sanierungen und Miete führen. Wie es mit dem Entsorgungsproblem weitergeht, erfahren Sie tagesaktuell auf ddh.de.

Malte von Lüttichau und Johannes Messer

Letzte Aktualisierung: 02.12.2016