Projekte in Nigeria, Solar-Partys im eigenen Betrieb oder skurrile Holzbauten: Für Zimmer- und Dachdeckermeister Fritz Glauner fängt die Arbeit an, wenn andere eher abwinken. Wir stellen den Betrieb aus Birkenfeld/Pforzheim vor.

Es sind die Gegensätze, die bei Zimmer- und Dachdeckermeister Fitz Glauner auffallen, einige allerdings erst auf den zweiten Blick. Wer ihn in seinem kleinen Betrieb in Pforzheim/Birkenfeld besucht, muss sich am Büroeingang fast bücken; wer drinnen ist, staunt, wie der fast 2 Meter große Mann hineingekommen ist. Und Fritz Glauner, mit seinem eingespieltem Team aus einem Vorarbeiter, vier Gesellen, einem Lehrling und seiner Tochter im Büro, arbeitet schon lange, zum Teil spektakulär.
Als einer der ersten interessierte er sich für Solaranlagen, mit denen er seit 12 Jahren gute Geschäfte macht trotz der Krise in der Solarbranche. Der Besuch der Intersolar gehört für ihn zum Pflichtprogramm. Prinzipien bis zur Sturheit unterstreichen seine Ansichten und betonen die Gegensätze: Zum Beispiel verarbeitet der Baden-Württemberger auf jeden Fall nur Dachziegel: "Ich lege mir und meinen Kunden doch keine gewellten Gehwegplatten aufs Dach". Im Flachdachbereich verarbeitet er nur Bitumen- und keine Kunststoffbahnen, bei Solar kommt der Anbieter aus der Region. Generell setzte Glauner bei der Auswahl seiner Lieferanten auf ausgewählte Hersteller der Dachbaubranche und Systemkomponenten, bei denen bleibt er da ist er eigen.
Wahre Kunststücke aus Holz fertigt sein Geselle Dennis Renschler, mit denen Glauner beim Tag der Offenen Tür für sich wirbt. Wenn der Holzspezialist seine Motorsäge anwirft, bleiben die Leute stehen. Renschler "zaubert" aus einem Holzstamm Treppen, Figuren oder Tiere. "Für so ein Holztier braucht der Dennis drei Stunden", sagt sein Chef. Am Büroeingang steht auch so ein Holztier: Ein Bär begrüßt den Besucher mit offener Schnauze. Der Bär ist klein, das Glauner-Logo eher groß.
Das klingt sehr konservativ und bodenständig, doch Glauner kann auch anders. Schwierige Aufgaben reizen ihn, Unmögliches wird erledigt, Improvisation gehört zum Tageswerk. Meistens ist er zur Stelle, wenn andere Handwerker abwinken. "Wir machen alles außer See-Bestattungen", lacht Glauner. Aufträge erhält er vorwiegend durch seine Stammkunden und ein gut organisiertes Netzwerk. Glauner Dach hat bei Kunden und Kollegen einen legendären Ruf für die Ausführung von eingebundenen Kehlen, Fledermausgauben und Rundtürmen. Zum Beispiel war auch bei einer Tiefgaragensanierung in Freudenstadt sein Know-how gefragt. "Der Beton der Parkflächen wurde bis auf eine Stärke von 6 Zentimetern abgetragen, Stahlträger kamen als Druckverteiler zum Einsatz, das Ganze wurde dann, nach Statiker-Vorgaben, mit einer Öl-Druckpresse vorgepresst und mit Rundholz-Sprießen und Eichekeilen gesichert. Vorher haben wir die ca. 200 Rundhölzer mit Schablonen nach den vor Ort vorhandenen Schrägen zugeschnitten", berichtet Fritz Glauner.
Kanonen fürs Museum
Ein befreundeter Schreinermeister, der auf Kulissen- und Museumsbau spezialisiert ist, hatte Terminprobleme bei Arbeiten im Historischen Museum der Pfalz in Speyer. "Wir haben Podeste und Geländer für Ausstellungsvitrinen gebaut und Rampen für Rollstuhlfahrer", berichtet Glauner. Auch beim Württembergischen Landesmuseum in Stuttgart vor zwei Jahren war Glauners Improvisationstalent gefragt, Thema der Ausstellung: "Piraten". "Die Logistik war das Problem. Auf die 13-Meter hohe Terrasse des Museums haben wir einen 7-Meter hohen Gerüstturm zusätzlich gebaut. Dort mussten wir uns noch eine Plattform nach innen durch eine Fensteröffnung konstruieren, und sind dann darauf mit Hubwägen gefahren, um die langen Kanonen, Schiffe, Trennwände und weitere Exponate für die Ausstellung zu transportieren. "Hochgeschafft" in den 4. Stock haben wir das alles mit unserem eigenen Kran. Im Museum gibt es nur einen Fahrstuhl, in den eine Euro-Palette reingepasst hat. Als die Ausstellung nach einem halben Jahr zu Ende war, haben wir auf dem selben Weg die ganzen Stücke wieder heruntergeholt", so Glauner stolz. Auftraggeber war auch einmal der Dachdecker Landesverband Baden-Württemberg. Der Auflieger des Dach-Trucks war nach langjährigem Einsatz sanierungsbedürftig,
Am Flussdelta des Niger
Sein wohl spektakulärstes Projekt waren die Arbeiten in Nigeria, von 1994 bis 1997 am Flussdelta des Niger und wieder entstand der Kontakt in Waldkirchen. Ein Mitarbeiter, den Glauner auf eine Empfehlung der Dachdeckerschule eingestellt hatte, berichtete von Problemen an einem Flachdach in Nigeria, Township Ikot Abas, wo der Vater des Gesellen Niederlassungsleiter war. Aus vielen Besprechungen und Telefonaten, Sichtung von Akten und Fotos entwickelte Glauner eine Schadensanalyse, das Sanierungskonzept und weitere Folgeaufträge mit Steildächern und Dachgauben mit Ziegeleindeckungen, natürlich zu seinen Bedingungen. "Dafür ging es mit dem Range Rover wieder nach Waldkirchen, mit voll beladenem Dachgepäckträger mit Dachmaterialien, gemeinsam entwickelten wir in der Schule die Konstruktion. Ich wollte vorher jede Innen- und Außenecke und jedes Detail selber ausprobieren", sagt Glauner. In seinem Archiv stehen 15 Ordner mit detaillierten Zeichnungen und Berechnungen aus der Zeit in Nigeria, inklusive ca. 4.000 Fotos. Seine Berichte darüber sind abendfüllend.
Es gibt zwar noch Kontakt nach Nigeria, heute ist sein Kundenkreis jedoch meist auf einen Umkreis von rund 50 Kilometer beschränkt. Fast emotionslos sieht der 62-jährige seine Nachfolgeregelung, die noch nicht endgültig geklärt ist. "Noch fünf Jahre, dann ist genug". Richtig sauer wird Glauner, wenn er über die aktuellen Bürokratiehürden spricht. "Über 3,5 t und über die 50 km hinaus brauchst du als Handwerker einen digitalen Tachograf im Auto. Das gilt dann, sobald ein Anhänger angehängt ist. Außerdem musst Du in einem Formblatt nachweisen, das sich nur direkt am Rechner ausfüllen lässt, wo du mit dem Hänger die letzten 28 Tage gefahren bist. Falls du das nicht kannst, kostet das den Fahrer jeden Tag 250 Euro Strafe. Das ist doch Wahnsinn". regt sich Glauner auf.
Johannes Messer
Den ausführlichen Beitrag lesen Sie in DDH 12/2012
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