2010-07-13T00:00:00Z "Eine Herausforderung für alle"

EnEV, Sanierung, Nachhaltigkeit und neue Märkte: Produktmanager Günter Rudolph von Jackon antwortet im Interview auf unsere Fragen zu aktuellen Themen und zum Umkehrdach.

Die Sanierung ist und bleibt das Hauptgeschäft für Dachdecker. Welche Argumente sprechen bei einer Sanierung für ein Umkehrdach?

Wenn bei der Sanierung eines bestehenden Warmdaches ein Umkehrdach zum Einsatz kommt, dann ist es in aller Regel ein sogenanntes Plusdach. Bei dieser Bauweise wird auf den vorhandenen Warmdachaufbau eine Wärmedämmung aus extrudiertem Polystyrol (XPS), eine Trennlage und eine Kiesschicht aufgebracht. Die Vorteile dieser Bauweise liegen auf der Hand: Der bestehende Dachaufbau kann erhalten bleiben, was den Rückbau minimiert und das Abfallaufkommen deutlich reduziert. Zugleich werden die bekannten Umkehrdachvorteile "mit eingebaut". Zudem wurde schon in einer GDI-Studie (Gesamtverband Dämmstoffindustrie) zur "Wirtschaftlichkeit von Dämmmaßnahmen im Gebäudebestand 2005" festgestellt, dass das Plusdach als Wärmedämmmaßnahme am Flachdach (s. S.50 f.) bei der ohnehin Maßnahme "Erneuerung der Abdichtung" in der Plusdachbauweise günstiger ist, als der Einbau einer zusätzlichen Wärmedämmung im Warmdachaufbau. Noch deutlicher schlägt das Pendel natürlich in Richtung des Plusdaches aus, wenn die Abdichtung noch intakt ist und nur energetisch saniert werden soll.

Unterm Strich ist das Plusdach also bei der energetischen Sanierung von Warmdächern, sowohl bei der reinen energetischen Sanierung, als auch im Zuge einer Abdichtungserneuerung, die erste Wahl. Und da heute dank der EnEV jedes zu sanierende Dach auch energetisch ertüchtigt werden muss, spricht alles für das Plusdach.

Warum zögern noch einige Dachdecker ein Umkehrdach zu verarbeiten?

Das wüssten wir auch gerne! Nein, Scherz beiseite. Nach unserer Erfahrung gibt es dafür eine Hauptursache.

Als in den 70 ern und 80 ern des vorigen Jahrhunderts zum ersten mal das Wärmedämmsystem Umkehrdach breit eingesetzt wurde, wurden beim Bau des Umkehrdaches aus Unkenntnis Fehler begangen, die teilweise zu Schäden führten. So wurde z.B. anstatt einer diffussionsoffenen Trennlage eine einfache Bitumenbahn verwendet, die Wärmedämmschicht wurde mehrlagig eingebaut oder es wurden sogar Produkte eingebaut, die für diese Anwendung nicht geeignet waren. Damals wurde leider sehr wenig Ursachenforschung betrieben und das System wurde pauschal als untauglich abgestempelt. Das haben immer noch sehr viele Dachdecker in ihren Köpfen. Wir arbeiten mittlerweile schon seit einigen Jahren erfolgreich daran, diese Vorurteile aus den Köpfen zu bekommen. Zum Beispiel mit unserer "Themenpartnerschaft Umkehrdach" auf www.ddh.de oder unserer eigenen Homepage www.umkehrdach.com, wo wir viele Informationen zum Umkehrdach zusammengetragen haben. Hier findet sich auch unsere in Dachdeckerkreisen mittlerweile sehr bekannte Animation "Fachinformation Umkehrdach", mit der wir auf anschauliche Weise die Funktionsweise des Umkehrdaches in bewegten Bildern zeigen.

Was tut sich in technischer Hinsicht beim Umkehrdach. Gibt es hier Neuerungen?

Am Grundgedanken des Umkehrdaches hat sich natürlich nichts geändert. Es lässt sich aber feststellen, dass das Umkehrdach wieder stark im Kommen ist. Damit meine ich nicht nur die gebauten Umkehrdächer sondern auch das wiedererstarkte Interesse der Wissenschaft an dem Thema. So gibt es ein neues Forschungsvorhaben des Fraunhofer Institut für Bauphysik zum Thema Wärmeleitfähigkeit des eingebauten Dämmstoffes. Weiter wird an der Universität Innsbruck im Arbeitsbereich Bauphysik eine Doktorarbeit zum Thema Umkehrdach verfasst. Und wenn man weiß, dass der Lehrstuhlinhaber der "Passivhauspapst" Herr Prof. Dr. Feist ist, verwundert es nicht, dass hier das Thema Umkehrdach und Passivhaus verknüpft wird. Ob sich aus diesen Forschungsvorhaben aber Neuerungen für das Umkehrdach ableiten werden, ist derzeit noch nicht abschätzbar.

Welche Inhalte vermitteln Sie in Schulungen zum Thema?

Eine Schulung zum Thema Umkehrdach gliedert sich bei der JACKON Insulation GmbH in fünf Teile.

Im ersten Teil wird ganz allgemein auf das Umkehrdach eingegangen. Im zweiten Teil wird die Konstruktion eines Umkehrdaches genauer unter die Lupe genommen. Dabei werden alle Schichten des Umkehrdachs besprochen und auf etwaige Besonderheiten hingewiesen. Aber auch der Brandschutz, die Entwässerung und die Windsogsicherung werden erläutert. Auf die Notentwässerung gehen wir besonders ein und klären auf, dass eine Notentwässerung beim Umkehrdach weder notwendig noch sinnvoll ist und von den Normen, unter Einhaltung von bestimmen Rahmenbedingungen, auch nicht gefordert wird.

Im dritten Teil wird über das Thema allgemeine bauaufsichtliche Zulassungen gesprochen.

Im vierten Teil gehen wir auf die Vorteile des Umkehrdaches ein.

Im abschließenden fünften Teil stellen wir die Serviceleistung der JACKON Insulation GmbH rund ums Umkehrdach vor. Dabei reden wir sowohl über unsere Unterlagen als auch über die Dienstleistungen unseres Planer- und Objektservices.

Wie Sie sehen, versuchen wir das Thema Umkehrdach möglichst vollständig abzuhandeln. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es das ist, was der Dachdecker will. Mit dieser Art von Schulung schaffen wir es dann auch, die vorhin genannten Bedenken aus dem Weg zu räumen. Denn nur wenn der Dachdecker ein gutes Gefühl hat, dann baut er das System auch gerne und empfiehlt es seinem Bauherren bzw. dem Architekten.

Was tut ihr Unternehmen in Sachen Nachhaltigkeit?

An dieser Stelle möchte ich zuerst einmal eine Lanze für das Thema Nachhaltigkeit brechen. Allerorten kann man mittlerweile hören, dass das Wort Nachhaltigkeit den Menschen regelrecht zum Halse raushängt, da viele Firmen mit dem Begriff Nachhaltigkeit werben, aber nicht mit Leben füllen. Der Begriff wird beliebig. Dabei ist Nachhaltigkeit bzw. das nachhaltige Bauen genau das Gegenteil. Es ist die Herausforderung an alle am Bau Beteiligten zukunftsgerichtet zu bauen. Es ist der Gedanke Gebäude zu errichten, die in ökonomischer, ökologischer und sozialer Hinsicht dem Menschen heute und in Zukunft dienen, sei er nun Investor oder Nutzer des Gebäudes. Für die Baustoffindustrie bedeutet das Produkte bereitzustellen, die das Nachhaltigkeitskonzept des Gebäudes unterstützen bzw. erst möglich machen. Für den Dachdecker, und ich denke das ist eine wirklich gute Nachricht, bedeutet das, dass nicht mehr nur allein der Preis die entscheidende Rolle spielt, sondern die handwerkliche Qualität seiner Arbeit wieder mehr in den Mittelpunkt rückt.

Für die JACKON Insulation GmbH kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass wir in unserem Unternehmen nicht nur ein sogenanntes "Greenwashing" betreiben, sondern Nachhaltigkeit in allen Facetten leben. So sind wird Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB) und haben (und tun es immer noch) aktiv an der Erstellung des DGNB-Systems mitgearbeitet. Das aus diesem System entstandene DGNB Handbuch mit seinen Kriteriensteckbriefen ist der Dreh und Angelpunkt, wenn es darum geht, ein Gebäude nach als nachhaltiges Gebäude zu zertifizieren. Weiter ist die JACKON Insulation GmbH dabei ihr Qualitäts- und Umwelt-Management-System in ein Nachhaltigkeits-Management-System auszubauen. In einfachen Worten ausgedrückt bedeutet das, dass wir nicht nur den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens betrachten, sondern dass auch die ökologischen und die sozialen Komponenten für das Unternehmen von Belang sind. Beim ökologischen Aspekt achten wir z.B. darauf, dass unsere Produkte möglichst umweltfreundlich produziert werden und ressourcenschonend auf die Baustelle kommen. Der soziale Aspekt bedeutet für das Unternehmen z.B. den Mitarbeitern solche Arbeitsbedingungen zu bieten, dass sie gerne zur Arbeit kommen. Verstehen sie mich nicht falsch. Unser Unternehmen will und braucht den wirtschaftlichen Erfolg um bestehen zu können. Dieser Erfolg darf aber nicht zu Lasten der Umwelt oder der Mitarbeiter gehen. Wir sind der Meinung nur in einer nachhaltigen Gesellschaft kann es auch dauerhaften Unternehmenserfolg geben!

Die EnEV ist seit Oktober 2009 eingeführt. Es gibt bereits Pläne für eine EnEV 2012. Sind die ständigen Novellierungen für Planer und Handwerker noch vermittelbar?

Ich denke schon, dass diese Novellierungen noch vermittelbar sind. Was wir heute erleben ist ja, wenn man so will, nur eine schrittweise Heranführung an das große und vor allen Dingen auch notwendige Ziel des Niedrigstenergiehauses. Und soweit ich das überblicken kann sieht die große Masse der Bauschaffenden die Notwendigkeit auch durchaus ein. Was vielen aber zu schaffen macht, ist der Weg dorthin mit seinen vielen Änderungen der rechtlichen Vorgaben. Aber ich denke, diesen Weg müssen wir gehen, da ein plötzliches Anheben der Standards nicht praktikabel ist. Denn bis wir diese Häuser in der Breite, ich rede also nicht von irgendwelchen Modellbauten, realisieren können, müssen wir alle noch ein mehr oder weniger weites Stück Weg gehen. Die Planer müssen lernen, die neuen Anforderungen an ein Gebäude umzusetzen, ohne dass die Architektur darunter leidet. Die Baustoffindustrie muss zum Teil noch die notwendigen Produkte bereitstellen und der Handwerker muss lernen, diese neuen Produkte richtig zu verarbeiten. Und auch den Bauherren und Investoren muss teilweise noch die Notwendigkeit vermittelt werden. Sobald diese aber begriffen haben, dass die neuen Standards bessere Gebäude und damit auch höhere Renditen bedeuten, werden sie sogar zum Motor des neuen Bauens werden. Das braucht eine Politik der kleinen Schritte. Aus dieser Perspektive heraus betrachtet ist der Weg der ständigen Novellierungen also richtig und alternativlos.

zuletzt editiert am 24. Februar 2021
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