Für rund 490 Millionen Euro baute die Saarstahl AG am Völklinger Saarufer die weltweit modernste Freiformschmiede. Die Dach- und Fassadenarbeiten wurden von drei regionalen Bedachungsunternehmen in einer Arbeitsgemeinschaft ausgeführt. Die Dachdeckermeister Joachim Erbach und Jörg Heinen berichten im Interview mit DDH über das Großrojekt.
Die Zahlen sprechen für sich: Rund 490 Millionen Euro hat die Saarstahl AG in den vergangenen Jahren investiert, um in Völklingen eine neue Freiformschmiede die weltweit modernste ihrer Art zu errichten. Der in 15 Monaten entstandene Neubau ist 530 Meter lang, 65 Meter breit und teilweise über 40 Meter hoch Dimensionen, die für die drei am Bau beteiligten saarländischen Dachdeckerunternehmen, trotz ihres Tätigkeitsschwerpunktes im gewerblichen Bau, bis dato unbekannt waren. Um die Dach- und Fassadenarbeiten in der vorgegebenen Zeit leisten zu können, gründeten die Anton Erbach GmbH, die Karl Heinen GmbH und die Louis Arend GmbH eine Arbeitsgemeinschaft (ARGE). Joachim Erbach und Jörg Heinen berichten im Interview mit DDH über logistische Herausforderungen und schildern, wie aus drei Betrieben ein Team wurde.
Der Bau der Freiformschmiede in Völklingen war ein Großprojekt. Wie haben Sie von dem Bauvorhaben erfahren und wie wurde die Zusammenarbeit zwischen Ihnen angebahnt?
Joachim Erbach: Natürlich kursierten schon lange vor der Ausschreibung Informationen über den geplanten Bau der Schmiede, es handelte sich immerhin um das größte Bauvorhaben im Saarland seit mehreren Jahrzehnten. Diese Größenordnung das war allen Beteiligten schnell klar würde ein Betrieb alleine kaum stemmen können, in bezug auf die Logistik, die Zahl der abzustellenden Mitarbeiter und die zu erbringenden Sicherheiten.
Jörg Heinen: Wir haben deshalb Kontakt aufgenommen und über eine mögliche Zusammenarbeit beraten. Als der Entschluss gefasst war, haben wir nicht auf die Ausschreibung gewartet, sondern uns bereits im Vorfeld als ARGE beworben. Das war im Nachhinein ein Vorteil. Für uns sprach außerdem der Standort: Die überregionale Konkurrenz aus ganz Deutschland war zwar stark, unsere Lage vor Ort aber ein Faktor. Denn für den Bauherrn galten wir als ein Schlüsselgewerk erst nach Fertigstellung der Arbeiten an Dach und Fassade konnten die umfangreichen Innenarbeiten beginnen. Wir haben deshalb auf das Interesse des Bauherrn gesetzt, mit Bedachern aus der Region zu arbeiten, um bei unvorhergesehenen Ereignissen flexibel reagieren zu können.
Das ist in dieser Größenordnung immer schwieriger zu leisten, je weiter ein Unternehmen von der Baustelle entfernt liegt. Von unserer einheimischen Manpower konnten wir sicherlich profitieren, aber auch vom guten Leumund unserer Unternehmen hier im Saarland. So konnten wir dem Bauherrn viele Sorgen im Vorfeld nehmen.
Die Verfügbarkeit war also ein wichtiger Faktor?
Heinen: Absolut. In den Spitzen haben wir als ARGE inklusive der Subunternehmer bis zu einhundert Mitarbeiter an der Baustelle gehabt.
Wie wird man vom Konkurrenten zum kooperierenden Team?
Erbach: Mit der Firma Arend hatten wir in den Jahren zuvor schon kooperiert, mit der Firma Heinen zwar nicht, aber natürlich kannten wir drei uns persönlich aus dem Markt, aber auch von Innungsveranstaltungen.
Heinen: Im Vorfeld einer Zusammenarbeit weiß man schon, wer leistungsfähig ist. Man hat ein Gefühl, ob es klappen wird, aber natürlich war es für uns im Vorfeld eine spannende Frage, wie gut die Zusammenarbeit funktionieren wird. Es ist eine logistische Herausforderung, die Mitarbeiter von drei Unternehmen zu einer funktionierenden Arbeitsgemeinschaft zu formen. Wir mussten den Mitarbeitern vermitteln, dass wir für dieses Projekt eine große Firma sind. Das hat eigentlich ganz gut funktioniert.
Wie lief der Prozess von der ARGE-Gründung bis zum Baustart ab?
Erbach: Nachdem wir den Zuschlag bekommen hatten, wurde zunächst die ARGE formell gegründet. Weil die Firma Erbach bereits früher im geschäftlichen Kontakt mit der Saarstahl AG stand, haben wir die technische Leitung auf der Baustelle übernommen. Auch die Firma Arend hatte während des gesamten Projekts einen Ingenieur abgestellt, der direkt vor Ort war.
Heinen: Die Struktur war vergleichbar mit der eines klassischen Generalunternehmers, mit Oberbauleiter und Bauleiter. Das gibt es in unserem Gewerk ja normalerweise nicht, wurde aber durch die Größenordnung unumgänglich.
Erbach: Es gab also eine Arbeitsteilung Oberbauleitung durch die Firma Erbach, Bauleitung Firma Arend und die Abwicklung der kaufmännischen Seite durch die Firma Heinen. Diese Struktur hat sich relativ schnell ergeben.
Worum ging es bei dem Bauvorhaben konkret, was waren Ihre Aufgaben?
Heinen: Fast alles, was unser Gewerk bei dieser Art von Bau hergibt: Wandverkleidung, Dämmung, Ausschalung, Türe und Tore, Dichtungen, Be- und Entlüftungsanlagen im Prinzip: "dicht und zu". Das ganze in einer Größenordnung, die wir so auch noch nicht erlebt hatten.
Ergaben sich aus der Größe des Objektes Anforderungen, die über das Normalmaß hinausgingen?
Erbach: Was für uns einen hohen Aufwand darstellte, waren die hohen Sicherheitsauflagen. Wenn beispielsweise eine Arbeitsbühne bewegt werden sollte, musste dafür eine Arbeitsanweisung geschrieben werden. Die Auflagen ergaben sich aus der Größe der Baustelle, die für circa 1.000 Personen ausgelegt war, das erfordert natürlich eine straffe Herangehensweise, die auch Kontrollen beinhaltete. Auch der Zutritt zum komplett umzäunten Gelände war geregelt jeder Mitarbeiter hatte eine eigene Chipkarte, mit der er sich durch ein Drehtor bewegte.
Heinen: Die Halle ist teilweise über vierzig Meter hoch und war nicht eingerüstet, das erforderte mit Blick auf die Arbeitssicherheit schon einen hohen Aufwand, die Fassadenbekleidung auszuführen. Gleichzeitig mussten alle Maßnahmen kaufmännisch darstellbar bleiben.
Erbach: Anspruchsvoll war die Dimension der Baustelle, und dass sehr viel gleichzeitig passierte. Um sich ein Bild zu machen: Zeitweise standen an der Baustelle gleichzeitig achtzig bis neunzig Arbeitsbühnen verschiedenster Unternehmen, die koordiniert werden mussten das ist ein Großteil der Arbeitsbühnen im südwestdeutschen Raum. Mehrere tausend Lkw-Ladungen an Material wurden dort vorgefahren, es gab sogar einen eigenen Tanklaster. Wir hatten immer Material für circa 10.000 Quadratmeter vor Ort, um flexibel zu sein anders ging es nicht.
Wo bestanden die größten Herausforderungen in der Zusammenarbeit auf der Baustelle?
Heinen: Wenn man Teams aus drei Betrieben zu einer ARGE zusammenfasst, gibt es natürlich eine zwischenmenschliche Komponente, das haben wir aber schnell in den Griff gekriegt.
Erbach: Dabei gab es natürlich auch Grenzen. Unser Wunsch war ursprünglich, die Teams bei einer Zusammenarbeit von über zwölf Monaten auch zu mischen. Das ist uns im Endeffekt nicht gelungen. Zwar gab es ab und zu gemischte Kolonnen, aber grundsätzlich bleiben die Teams wie sie waren.
Heinen: Wir haben in dieser Beziehung einfach dazu gelernt oft haben ganz banale Dinge den Ausschlag gegeben. Ein Beispiel: Wenn es auf der Winterbaustelle nach drei Stunden anfängt zu regnen, kann die Fassadenkolonne noch arbeiten, die Dachkolonne aber nicht mehr. Sind beide Teams aus verschiedenen Betrieben zusammengesetzt, funktioniert der Rücktransport von der Baustelle abends nicht. Grundsätzlich hat die Zusammenarbeit nach der Startphase aber gut funktioniert und man hat sich gegenseitig geholfen.
Wie lief die Gesamtkoordination in der Praxis ab?
Erbach: Jeden Morgen haben die Bauleiter aller Unternehmen die vor Ort waren eine gemeinsame Besprechung durchgeführt, um sich abzustimmen, wer wo arbeiten kann. Das war allein schon aus Sicherheitsgründen notwendig.
Heinen: Es gab zwar einen groben Zeitplan, der wurde aber täglich aktualisiert. Wenn Sie in einen alten Bestand etwas reinbauen, kommt es immer wieder zu Überraschungen und Abweichungen. Das erforderte bei der verschachtelten Bauweise von allen Unternehmen viel Abstimmung und Flexibilität. Im Nachhinein kann ich sagen: Für eine Baustelle dieser Größenordnung ist es relativ harmonisch abgelaufen, alle haben versucht, zu einer Gesamtlösung beizutragen. Dass es insgesamt so gut funktionierte, muss man an dieser Stelle lobend sagen, hat auch viel mit dem Bauherrn zu tun.
Haben Sie das Projekt in wirtschaftlicher und organisatorischer Sicht als "Sprung ins kalte Wasser" empfunden?
Heinen: In dieser Konstellation mit der ARGE bestehend aus drei Betrieben eigentlich nicht. Grundsätzlich hätte auch jede Firma alleine die 50.000 Quadratmeter Wand und 50.000 Quadratmeter Dach bewältigen können ...
Erbach: ... aber nicht in der Zeit!
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Malte von Lüttichau