Die lange Winterzwangspause belastete zwar viele Betriebe, Ertragslage und Auslastung lagen im ersten Quartal dennoch über dem Vorjahr. Auf die Dachdecker warten nun gut gefüllte Auftragsbücher.
Die aktuellen Turbulenzen in der europäischen Wirtschaftszone Griechenland- und Eurokrise, mittelfristig steigende Inflationsgefahr und ein "Rettungsschirm" von 700 Milliarden Euro spielten im ersten Quartal des Jahres noch keine wichtige Rolle. In diesem Zeitraum, zusammengefasst vom Statistischen Bundesamt im Mai, überraschte die deutsche Wirtschaft mit positiven Zahlen. Trotz des harten Winters und der beginnenden Schuldenkrise in Europa wuchs das Bruttoinlandsprodukt von Januar bis März um 0,2 Prozent im Vergleich zum Vorquartal.
Verschiedene Faktoren trugen zu diesem Ergebnis bei: Als Motor wirkte die deutsche Exportwirtschaft, Unternehmen investierten außerdem wieder mehr in Ausrüstungen, Maschinen und Fahrzeuge. Auch der Staatskonsum nahm zu. Ein noch größeres Wachstum verhinderten sinkende Bauinvestitionen, viele Baustellen lagen im wochenlangen Winterfrost brach. Auch die weiteren Aussichten für die Gesamtkonjunktur sehen Experten eher positiv. Die Bauwirtschaft erwartet nach dem harten Winter ein solides Jahr, gestützt unter anderem von den noch wirkenden Aufträgen aus den Konjunkturprogrammen. Das Ende dieser Unterstützung ist jedoch absehbar und bereitet den Vertretern von Handwerksverbänden Sorgen für das Jahr 2011, das sich für die Branche unter Umständen zu einem nachgelagerten Krisenjahr entwickeln könnte.
Bessere Werte als im Vorjahr
Der Blick auf Gegenwart und jüngste Vergangenheit vermittelt mehr Zuversicht: Die Ertragslage der befragten Betriebe ist stabil. Der Rückgang gegenüber dem Vorquartal zeigt den typischen jahreszeitlichen Verlauf der Ertragslage und bildet somit den strengen Winter ab. Im aussagekräftigeren Vergleich zum Vorjahr zeigt sich die Ertragslage verbessert. Im ersten Quartal 2009 ergaben die Werte die Durchschnittsnote von 3,65, die aktuelle "Note" steigert sich auf 3,20.
Die aktuelle Befragung zeigt zum wiederholten Mal die strukturelle Bandbreite des Gewerks. Im Vergleich der Betriebsgrößen kommen Kleinbetriebe auf eine unterdurchschnittliche Note von 3,52, mittlere auf 3,0 und Betriebe mit mehr als zwanzig Mitarbeitern auf die Note 2,77. Ein möglicher Grund für den deutlichen Abstand: Größeren Betrieben gelingt es im größeren Umfang, Aufträge aus den Konjunkturpaketen zu gewinnen. Überraschend ist das schwache Abschneiden der Region Nord. Die strukturbedingt regelmäßig etwas niedrigeren Ergebnisse der Region haben sich im ersten Quartal zu einem deutlichen Abstand entwickelt. Die nördlichen Betriebe weichen mit einer durchschnittlichen Ertragslage von 4,18 fast eine gesamte Note vom Durchschnittswert ab. Insgesamt ist die Ertragslage dennoch positiv zu bewerten trotz des Rekordwinters schätzen die Betriebe sie besser ein als im Vorjahr.
In dieses Bild fügt sich die durchschnittlichen Auftragslage ein. Der hohe Wert von durchschnittlich 3,2 Monaten verdeutlicht, dass im ersten Quartal viele Dachdecker buchstäblich in den Startlöchern standen, um auf die Dächer zurückzukehren. Auch das trägt zur positiven Stimmung bei. Zum Vergleich die Werte im gleichen Zeitraum der vergangenen Jahre: 2009: 2,5 Monate; 2008: 2,6 Monate; 2007: 3,2 Monate; 2006: 2,5 Monate. Die vollen Auftragsbücher lassen sich in zwei Richtungen deuten. Einerseits gehen die Dachdeckerbetriebe mit einem sicheren Auftragspolster in das zweite Quartal, andererseits signalisiert der Wert den Rückstau aus der überlangen Winterpause. Die belastete die Liquidität einiger Betriebe bis zur Grenze, die Branche hatte auch mit Insolvenzen eigentlich wettbewerbsfähiger Betriebe zu kämpfen.
Auslastung im oberen Bereich
Im Durchschnitt aber, das zeigen die Werte für die Auslastung von Personal und Geräten, haben die befragten Betriebe den strengen Winter ordentlich überstanden. 80,1 Prozent Personalauslastung übertreffen den Vorjahreswert (66,3 Prozent) um Längen. Einen ähnlichen Abstand weist die Auslastung der Geräte auf, 62,4 Prozent 2010 gegenüber 46,9 Prozent im ersten Quartal des Vorjahres. Besser eingeordnet werden die Werte mit Blick auf die Jahre davor (jeweils 1. Quartal, Personal/Geräte in Prozent): 2008: 80,1/61,6; 2007: 90,5/68,1; 2006: 61,9/43,1. Die Auslastung von Gerät und Personal im ersten Quartal 2010 bewegt sich demnach eher im oberen Bereich und knüpft an Werte aus wesentlich milderen Wintern an. Deutlich unterschiedlich lasten die Betriebe dabei gemessen an ihrer Größe aus. Während sich Großbetriebe mit 93,1 Prozent nahe am Maximum bewegen, bleibt der Wert von kleineren Unternehmen nahezu zwanzig Prozent hinter diesem Wert (72,9 Prozent). Bei den Geräten ist der Unterschied sogar noch ausgeprägter (80,8 zu 54,0 Prozent).
Teil der konjunkturellen Gesamterholung ist eine verbesserte Investitionsrate bei deutschen Unternehmen. Die Dachdeckerbranche trägt zwar zu dieser Entwicklung bei, jedoch nur im gemäßigten Rahmen. Das Ergebnis von 37,3 Prozent liegt knapp über dem Vorjahreswert. Die regelmäßige Beobachtung der Investitionsquote größerer Dachdecker in diesem Quartal 84,6 Prozent lässt den Schluss zu, dass bei Betrieben ab einer gewissen Größe Investitionen in Büroausstattung, Werkzeuge und den Fuhrpark einen Normalzustand darstellen, der nahezu unabhängig von der konjunkturellen Lage aufrecht erhalten wird. Den Betriebsgrößen übergreifenden Schwerpunkt bilden in diesem Quartal die Investitionen in den Fuhrpark.
Fazit: Bemerkenswert stabil
Im Vorfeld der Befragung konnte von deutlichen schwächeren Werten ausgegangen werden, denn der strenge Winter hatte das letzte Quartal deutschlandweit im Griff wie nur selten zuvor. Unter diesen Umständen überraschen die Zahlen positiv. Ertrags- und Auftragslage, die betriebliche Auslastung und das Investitionsniveau liegen insgesamt auf einem vergleichsweise zufriedenstellenden Niveau. Wir bedanken uns in dieser Form letztmalig bei 83 Betrieben für ihr langjähriges Engagement. Wir hoffen, dass Sie im Rahmen einer Teilnahme an der vierteljährlichen ZVDH-Umfrage weiterhin aktiv das DDH Konjunkturbarometer gestalten werden.
Malte von Lüttichau