News 2010-04-26T00:00:00Z Ärmel hochkrempeln, Schalter umlegen

(18.03.2009) Der Dachmarkt ist im Wandel, Dachdecker müssen ihn mitgestalten, statt abzuwarten so lautete die Botschaft vieler Referenten der Westfälischen Dachtage. Vorträge aus den Bereichen Fachtechnik, Recht und Betriebsführung gaben den Dachdeckern nützliche Informationen, um den Appell in die Tat umzusetzen.

Mit Blick auf die aktuelle Wirtschaftslage fand Landesinnungsmeister Manfred Struwe in seiner Begrüßung zu den Westfälischen Dachtagen 2009 klare Worte: In einer "dramatischen, prekären Lage" befände sich die Gesamtwirtschaft, so Struwe, appellierte aber zugleich an die Eigeninitiative der Dachdecker: "Jammern und Schuldzuweisungen sind wenig hilfreich", stattdessen sollten Dachdecker "Ruhe bewahren, die Ärmel hochkrempeln, den Schalter umlegen." Struwe begrüßte das beschlossene zweite Konjunkturpaket, von dem er sich "neue Spielräume für Land und Kommunen" erhoffte. Verbände sollten dafür eintreten, dass Maßnahmen und Gelder möglichst "breit gestreut" werden. Den Obermeistern der Innungen riet Struwe: "Bieten Sie kommunalen Entscheidungsträgern Ihre persönliche Hilfe an", und machte darauf aufmerksam, die Mittelverwendung für regionale Betriebe im Auge zu behalten. "Der Boden dafür ist bereitet", sagte Struwe und verwies auf einen entsprechenden Brief des Landesinnungsverbandes an alle Bürgermeister und Landräte.

S-Kug als Vorreiter

Nach dem Grußwort des scheidenden Bürgermeisters Reinhold Weber erläuterte Geschäftsführer Norbert Breidenbach die aktuellen Entwicklungen im Arbeits-, Sozial- und Tarifrecht. Breidenbach, der im Wechsel mit Jürgen Gerbens die Dachtage moderierte, verwies auf die Vorreiterschaft des Saisonkurzarbeitergeldes, das nach zwei Jahren von der Bundesregierung positiv beurteilt wurde und nun als Vorbild für die Leistungen im Rahmen der Konjunkturpakete gedient hat. Dachdecker würden dennoch vom Paket profitieren, fünfzig Prozent der kollektiven Erstattung werden vom Staat gutgeschrieben und für ein sicheres Polster der S-Kug-Finanzierung sorgen. Breidenbach gab den Teilnehmern viele hilfreiche Hinweise unter anderem zu gesetzlichen Neuregelungen, Arbeitszeitnachweisen und aktuellen Urteilen wie der aktuellen Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes, dass Urlaubansprüche von Arbeitnehmern auch bei längerer Erkrankung künftig nicht mehr verfallen.

Referentin Kati Landmann stellte im ersten Vortrag die Umweltschadenversicherung vor. Aus dem neuen Umweltschadengesetz entsteht die öffentlich-rechtliche Verpflichtung, Umweltschäden zu vermeiden und zu sanieren. Die Umweltschadenversicherung als Ergänzung der Betriebhaftpflicht soll Betriebe finanziell vor den möglichen Kosten schützen, die eine unbeabsichtigte Verursachung von Schäden an Boden, Gewässern oder Biodiversität auslösen können. Landmann beschrieb typische Fälle, etwa die Schädigung von geschützten Tierpopulationen oder die Folge von Bränden und warnte davor, das Risiko zu unterschätzen. Rechtsanwalt Felix Pakleppa vom Zentralverband des deutschen Baugewerbes in Berlin hängte seinen informativen Vortrag an der Frage auf, die sich vielen Dachdeckern seit langem stellt: "Warum sind die BG-Beiträge so gestiegen?" Der Grund: Circa achtzig Prozent der Gesamtsumme machen die Rentenzahlungen aus. Während die Zahl der Rentner in den vergangenen Jahren konstant geblieben ist, sank die Zahl der Arbeitnehmer deutlich. Weniger Beitragszahler müssten also die gleiche Summe aufbringen, "das ist der Grund, warum die Beiträge seit Mitter der Neunziger Jahre so galoppiert sind." Pakleppa zeigte auf, wie durch die Fusion der acht Bau-BG`s sowie durch Anpassungen im Lastenausgleichsverfahren Kosten eingespart wurden. In diesen Bereichen sei das Ende der Fahnenstange weitgehend erreicht, so Pakleppa, Jana Sprockhoff von Egger Holzwerkstoffe stellte im Anschluss detailliert den Einsatz von OSB-Platten in Dach- und Wandkonstruktionen vor, zeigte die Einsatzmöglichkeiten und Grenzen des Produkts auf. Thomas Jansen, Geschäftsführer am Rheinischen Institut für Bauschadensfragen hielt einen engagierten Vortrag zum Thema "Energieoptimierte Gebäudehülle mit Metall." Jansen zeigte auf, dass rechnerisch in den nächsten zwanzig Jahren die Sanierung von rund fünfzig Prozent des Gebäudebestands ansteht. Angesichts der "Rallye der U-Werte" in den vergangenen Jahren würden wichtige Verursacher von Wärmeverlust bei der Sanierung gerne in den Hintergrund gedrängt. "Kümmern Sie sich um die Wärmebrücken!", forderte Jansen die Teilnehmer auf und legte anhand des Beispiels durchstoßende Gebäudetrennwand die Verhältnisse offen: "Über einen laufenden Meter Wärmebrücke geht genauso viel Wärme verloren wie über drei Quadratmeter normale, gedämmte Dachfläche." Dachdeckermeister Frank Feist stellte den "Solar-Dachpfannen-Kollektor" von Nelskamp, der erstmals auf der BAU in München präsentiert wurde, vor. Der gemeinsam mit der SDP-Solardachpfannen GmbH entwickelte Kollektor gleicht sich der Optik des restlichen Daches an; die Kollektorfläche wird direkt auf den Betondachstein montiert. Das in Verbindung mit einer Wärmepumpe installierte System, so Feist, soll den Hausbesitzer unabhängig von Öl und Gas machen. Optional kann das System auch zum Kühlen in den Sommermonaten genutzt werden. Feist verband die Vorstellung mit einem kritischen Appell an das Gewerk: "Der Solarmarkt geht größtenteils am Dachdecker vorbei, weil er sich zuwenig bewegt. Dachdecker müssen langsam in die Puschen kommen."

Visionen für das Dach

Den Abschluss des ersten Tages bildete der Vortrag von Dachdeckermeister Jürgen Gerbens, der einen Blick in die Zukunft der Branche wagte. Gerbens ging zunächst auf EnEV 2009 und EEWärmeG ein und formulierte anschließend "Visionen", wie sich der Markt entwickeln: "Die Entwicklung geht dahin", so Gerbens, "dass Dachbaustoffe etwas für den Menschen leisten." Beispiele hierfür seien variable physikalische Eigenschaften der Materialien bei unterschiedlichen Temperaturen, "intelligente" Gebäudehüllen, lichtdurchlässiger Beton oder die Synthese von Dach- und Solartechnologie. Gerbens verband seine Vorausschau mit dem Appell, sich offen gegenüber neuen Entwicklungen zu zeigen: "Versuchen Sie, neue Technologien in ihren Betrieb zu integrieren, informieren Sie über Förderprogramme und geben Sie Erfahrungen zurück an die Industrie Ideen zu Weiterentwicklungen müssen auch von Ihnen kommen."

Nach einem geselligen Begegnungsabend bildete der Vortrag von ZVDH Technik-Geschäftsführer Josef Rühle den Auftakt des zweiten Tages. Rühle informierte umfassend und anschaulich über die neuen Produktdatenblätter für Unterdeckbahnen und Unterspannbahnen. Ziel des ZVDH sei gewesen, in den Datenblattern schärfere Anforderungen als in der DIN EN 13859-1 zu formulieren, um "unzureichende Produkte auszuschließen" und eine bessere Produktentwicklung zu fördern. Rühle legte ausführlich die Notwendigkeit der Datenblätter, legte die neu formulierten Kriterien dar und riet den Zuhörern, besser auf andere Produkte zurückzugreifen, sofern keine Garantien hinterlegt seien. Im Anschluss informierte Dipl.-Bankbetriebswirt Stephan Braun über das Thema Nachfolgeplanung und Testamentsgestaltung. Braun gab praxisnahe Hinweise zur Umsetzung. Dachdeckermeister Kurt Michels vom Bundesbildungszentrum in Mayen erläuterte die neuen Fachregeln für Abdichtungen, gab einen Überblick über die Anwendungsklassen und erklärte den Entwicklungsprozess der Normen, insbesondere das Verhältnis von europäischen und nationalen Anwendungsnormen, die nationale Anforderungsprofile sichern. Den Abschluss der Dachtage bildete der Vortrag des Sachverständigen Uwe Mittag, der den Zuhörern ein praxisnahes Bild der Arbeit des Sachverständigen vermittelte: "Wir sind keine Richter, kein wandelndes Lexikon oder Hüter der Fachregeln, unsere Aufgabe ist weder, ihnen etwas reinzudrücken noch Gefälligkeiten zu erweisen, wir sind auch nicht verantwortlich für die Regelungswut wir wenden sie nur an. Wir beurteilen nur, ob die Regeln eingehalten wurden."

Malte von Lüttichau

zuletzt editiert am 14. Januar 2021
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