2011-01-11T00:00:00Z Alter Räuber mit neuem Hut

Der bauliche Zustand des Schinderhannesturmes in Simmern erforderte eine grundlegende Sanierung. Während der Ausführung stellten sich viele Probleme, die die Dachdecker und Zimmerer in intensiver Zusammenarbeit lösten.

Bei einer Besichtigung des Turmes stellte man fest, dass auf den Flächen der oberen Turmhaube zwar eine fachlich gute Arbeit vorlag, jedoch der Schiefer in sehr morschem Zustand war. Auf dem Mansardengeschossdach waren die Schiefer zwar in einem qualitativ besseren Zustand, allerdings mit vielen fachlichen Fehlern verarbeitet. So betrug beispielsweise die Höhenüberdeckung der Schiefer oftmals nur drei bis vier Zentimeter bei 25 Zentimeter hohen Decksteinen. Auch waren die Gratkanten nur mit circa zehn Zentimeter breiten, sehr dünnen Walzbleistreifen unterlegt. So gut wie kein Überstand besaßen die Ortgänge. Die Kehlen an den Gauben waren unsachgemäß eingebunden und das Eichenholz an den Gauben außerdem total verwittert. Eine Sanierung war somit unumgänglich.

Die Dachkonstruktion gliedert sich, unterbrochen durch ein Gesims, in zwei Ebenen und weist sieben in Größe und Form unterschiedliche Flächen auf. Drei Seiten haben eine gerade Traufe. Bei den anderen vier ist die Traufe unterschiedlich gerundet, was für Zimmerer und Dachdecker zur großen Herausforderung wurde.

Teamwork bei Dach und Holz

Die Dachsanierung begann mit der Einrüstung des gesamten Turmes. Die Turmspitze mit der Schinderhannesfigur wurde abgenommen und restauriert. Den Abbruch der alten Schieferdeckung und der Schalung (zwanzig Millimeter Dicke) sowie das Aufbringen der neuen dreißig Millimeter starken Bretter, wie auch der diffusionsoffenen Unterdeckbahn, nahmen Dachdecker und Zimmerleute in einer Arbeitsgemeinschaft vor. So war die Regensicherheit immer gewährleistet. Die Dachkonstruktion selbst war bis auf die Aufschieblinge und das frei liegende Holz der Gauben in einem guten Zustand. Da es sich hier um eine normale Sparrenkonstruktion handelt, kam es in den gerundeten Dachflächen zu unvermeidbaren Kanten und Knicken, die durch Einschneiden der Schalbretter von unten sowie Abhobeln von oben soweit wie möglich abgeflacht wurden. Vielfach schalten die Dachhandwerker auch nur von Sparren zu Sparren, da die Krümmungen zu stark sind.

Die Frage der Deckart

Für die neue Dachdeckung kam nur eine Deckart in Frage die altdeutsche Deckung. Denn eine Schablonendeckung kann den Ansprüchen einer fachgerechten Eindeckung bei diesen so unterschiedlichen Dachformen nicht gerecht werden. Teilweise sind die Flächen halbkegelförmig. Mit konstruktionsbedingten Rippen und Kanten laufen sie in die geraden Flächen über. Man entschied sich für Moselschiefer aus der Grube Katzenberg in Mayen. Die verschieden großen und mit unterschiedlichen Dachneigungen vorhandenen Dachflächen, erforderten eine sorgfältige Auswahl der Schiefergrößen. Es kamen je nach Größe der Fläche und Dachneigung die Sortierungen 1/12 bis 1/32 zum Einsatz. Die einzelnen Steinsortierungen wurden in ihren Höhen voll ausgereizt, zum Beispiel 1/12 in den Höhen 30 bis 24 Zentimeter, 1/16 in den Höhen 26 bis 20 Zentimeter und 1/32 in den Höhen von 22 bis 18 Zentimeter. Durch geschickte Auswahl von Höhe und Breite der Decksteine sowie Übersetzungen von breit auf schmal und umgekehrt, überbrückte der Dachdecker die Aufschieblingbereiche und Steilflächen der unteren und oberen Turmabschnitte. All dies wäre mit einer Schablonendeckung nicht umsetzbar gewesen.

Dachdeckung im Detail

Als Erstes führte der Dachdecker die Schieferdeckung auf der oberen Turmhaube aus. Auf ein zuvor angebrachtes Tropfblech aus Kupfer wurde die Traufe mittels eingebundenem Fuß gedeckt. Dabei ragen die Fußsteine circa zwei Zentimeter über die untere Kante des Tropfbleches heraus. Die Höhe der Gebindesteigung richtete sich nach der Dachneigung der Aufschieblinge und wurde im steilen Bereich etwas geringer angelegt.

Die Deckung des Endortes am Grat erfolgte als Doppelendort und die des Anfangortes mit Stich-, Zwischen- und Anfangortsteinen. Die ersten Probleme tauchten bei der Deckung der Flächen mit runder Traufe auf. Das Decken der vier unterschiedlich gebogenen Flächen erforderte viel Geschick und Erfahrung der Schieferdecker. Das Anzeichnen der Gebindelinien wurde mit einem vier Meter langen und sechs Millimeter dicken Stahlstab vorgenommen, wobei das Prinzip einer Halbkegeldeckung angewendet wurde. Die Rundungen wurden nach oben hin immer flacher, bis hin zu einer glatten Fläche. Die in den Rundungen entstandenen konstruktionsbedingten Kanten wurden durch geschicktes Bearbeiten des Schiefers im Kopfbereich abgemildert.

Aus einer Fläche der oberen Turmhaube ragt ein Kamin, dessen Wangen mittels eingehend gedeckten Kehlen an die Dachfläche anschließen. Eingehend deshalb, weil eine Wange unmittelbar an eine Gratkante ragt. Die Kehlschalung bestand an dieser Wange aus einem konischen, circa zwölf Zentimeter breiten Brett und zwei Dreikantleisten auf der Wangenseite. So entwickelten sich die Kehlsteine zu Ortsteine. Die Wangenkehlen sind jeweils regelmäßig mit Schwärmer eingebunden. Nur unter Berücksichtigung all dieser Maßnahmen konnte ein so hervorragendes Deckbild erzielt werden.

Alwin Punstein

Den ausführlichen Artikel lesen Sie in Ausgabe DDH 3|2011.

zuletzt editiert am 24. Februar 2021
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