Eine historisches Handwerks-Szenario vom Papier auf die Fassade projizieren: Dies verwirklichte Dachdeckermeister Uwe Bierbaum an einer 46 m 2 großen Schieferornament-Fassade. Als Gemeinschaftsarbeit projektiert, ist es für ihn "das" Referenzobjekt und für seine 6 Teamkollegen ein Weg, die Finessen der Ornamentdeckung zu erlernen.
Eigentlich ist die Stadt Kaisersesch als Sitz der gleichnamigen Verbandsgemeinde ein ruhiger Ort mit gut 3.000 Einwohnern. Ein altes Gefängnis und der historische Ortskern zeugen von ihrer bewegten Geschichte. Werner Höfer, der bekannte Fernsehjournalist, ist der wohl berühmteste Sohn der Stadt wenn da nicht der Schiefer wäre. Bis 1959 war hier eines der Oberzentren des Schieferbergbaus. Die zahlreichen schiefergedeckten Hausdächer legen Zeugnis ab für eine lange Bergbautradition. Ein weiteres Juwel lässt die Tradition neu aufleben. Es ist die mit rund 7.500 bunten Schiefersteinen bekleidete Hausfassade in der Bahnhofstraße in Kaisersesch. Sie bilden das derzeit vermutlich größte Schieferornament in Deutschland.
Zum Glück darf man hier nur 30 km/h fahren, denn das circa 46 m2 große Bild ist ein echter Hingucker. Gut 4 Wochen haben DDM Uwe Bierbaum und seine 6 Berufskollegen an dem Ornament an der Giebelwand gearbeitet. Als der mit Schieferornamenten erfahrene Dachdeckermeister Bierbaum von der Hauseigentümerin angefragt wurde, kam ihm eine weitreichende Idee. Er erinnerte sich an eine Anfrage seines ehemaligen Ausbilders an der HWK Köln, Hans-Peter Könnecke, dass einige Dachdecker von ihm die Grundlagen und Finessen des Ornamentdeckens vermittelt bekommen wollten. So bot er den 6 gestandenen Dachhandwerkern, Dirk de Griesebourne, Niko Wegener, Michael Salz, Dirk Dahs, Volker Schneider und Christian Möller, an, gemeinsam mit ihm dieses einzigartige Schieferwandbild zu realisieren als eine Art kollegiale Weiterbildungsmaßnahme.
Vom Papier auf die Wand
Unterschiedliche historische Motive, die Uwe Bierbaum zu einem eigenständigen Bild zusammensetzte, dienten als Vorlage. Auf diesem Weg entstand eine ganz außergewöhnliche Dachlandschaft, auf der zahlreiche Handwerker ihrer Arbeit nachgehen. Um das finale Bild an die Fassade zu bekommen, muss dieses in Originalgröße als Verlegeplan auf entsprechende Bögen übertragen werden; und das gleich 2-mal. Zunächst setzte Uwe Bierbaum mit einem Bildbearbeitungsprogramm das Gesamtbild aus den verschiedenen Vorlagen zusammen und stellte es der Bauherrin vor. Nach deren Freigabe zeichnete der Dachdeckermeister mit einem Computerprogramm jede Linie des Bildes exakt nach. So entstand ein umfassendes Schnittmuster, das nun irgendwie 1:1 auf die Fassade zu übertragen war. Statt wie bisher mit einer Overheadprojektion, arbeitete Uwe Bierbaum bei diesem Objekt erstmalig mit Plots. Die segmentierten Teile des Bildes wurden mithilfe eines professionellen Plotters auf gut 1 m breite Papierbögen gedruckt. Dabei legte DDM Bierbaum das 46-m2-Ornament so an, dass Steine in sieben Farben zu verwenden waren. Die insgesamt rund 7.500 Steine der "Dachlandschaft" verteilen sich auf die Farben Anthrazit, Dunkelgrün, Blaugrün, Hellgrün, Rot, Purpur und Multicolor. Aufgrund des engen Zeitfensters war Uwe Bierbaum froh, die gewünschten Farbschiefer kurzfristig vom Hersteller Primero-Schiefer zu erhalten.
Um der Witterung Rechnung zu tragen und das Ornament trotz teilweise niedriger Temperaturen zu erstellen, hausten DDM Bierbaum und sein Team kurzerhand das Gerüst am Giebel ein. Grundlage der Ornamentschieferung bilden Kanthölzer, zwischen denen eine 80 mm dicke Mineralwolledämmung eingelegt wurde. Eine darüber angeordnete Luftschicht sorgt für die ausreichende Hinterlüftung der Konstruktion. Anschließend fixierte Holzwerkstoff-Platten, die mit einer Vordeckbahn verkleidet wurden, bildeten die Schalung für die unzähligen Schiefersteine des Wandbildes. Zunächst befestigten die Dachdecker jedoch die vorbereiteten Verlegepläne mit den geplotteten Konturen direkt übereinander. Die untere Deckbahn diente als "Lageplan", die obere als "Schnittmuster" für die einzelnen Steine. Aus ihr wurden immer wieder einzelne Elemente herausgeschnitten, sodass sie am Ende vollständig entfernt war. Zwar ist diese Vorgehensweise sehr aufwendig, "aber", so DDM Bierbaum, "so können wir sichergehen, dass kein Detail vergessen wird".
Optimal ausgerüstet
Um die Steine entsprechend der Vorlage zuzurichten, nutzen die Fachhandwerker neben Haubrücke, Schieferhammer und Schieferschere ebenfalls 3 elektrisch Schieferschneider. "Dank dieser technischen Hilfe kamen wir bei der Zurichtung der Steine schneller voran", so die Erfahrungen von DDM Bierbaum. Nach dem Zurichten und Anpassen des jeweiligen Steines wurde dieser dann an der entsprechenden Stelle der Vorlage fixiert. Aufgrund der kleinen Steine ist eine Nagelung nicht möglich, deshalb verwendete man Edelstahlschrauben. Natürlich muss bei der Fixierung zudem darauf geachtet werden, dass diese verdeckt erfolgt. Kleinteilige Steine, wie Fenster- oder Jackenknöpfe, verklebten die Dachhandwerker unmittelbar auf den bereits fixierten Steinen. Zur Lagesicherung bis zum endgültigen Ablüften des Klebers wurden diese noch
zusätzlich mit einem Klebeband gesichert. Beim Schiefern des Ornamentes arbeiteten die Dachdecker von unten nach oben.
Sven-Erik Tornow
Den ausführlichen Beitrag lesen Sie in DDH 22/2012.