Seit rund zwei Jahren analysiert eine Reihe von Experten das mysteriöse Reetdachsterben in Norddeutschland. Erste Untersuchungsergebnisse zeigen: Ein angeblicher Killerpilz ist nicht gefunden worden.
Eine unter anderem vom Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume geförderte Studie hat keine Anhaltspunkte dafür erbracht, dass Reetdächern eine neuartige mikrobiologische Gefahr drohen könnte. Wissenschaftler verschiedener Forschungseinrichtungen legten am 20. August im Beisein von Landwirtschaftsminister Dr. Christian von Boetticher im Freilichtmuseum Molfsee die ersten Untersuchungsergebnisse vor, die im Rahmen des Forschungsvorhabens "Reet als Dacheindeckungsmaterial Qualitätssicherung und Qualitätserhaltung eines Baustoffs aus nachwachsenden Rohstoffen" erarbeitet wurden.
Im Dezember 2006 hatte die Bundesfachgruppe Reetdachtechnik sich dazu entschlossen, die vermehrt und vorzeitig auftretenden Verrottungserscheinungen bei Reetdächern durch ein breit angelegtes Forschungsvorhaben erforschen zu lassen. Dieses Phänomen wurde in den letzten zwei Jahren vornehmlich bei bis zu zehn Jahre alten Reetdächern in ganz Norddeutschland beobachtet. Weitere Infos: DDH 22/2006, Seite 21.
Prof. Dr. Frank Kempken von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel erläuterte stellvertretend für die am Projekt beteiligten Institute, dass im Rahmen der Untersuchungen verschiedene Pilz- und Bakterienarten identifiziert werden konnten, darunter auch nicht reetspezifische. Dieses Ergebnis sei nicht ungewöhnlich, und diese Pilze sollten nach Ansicht der Forscher nicht in der Lage sein, gesundes und einwandfreies Reet zu schädigen. Eine Frage, die in den vergangenen Monaten für zum Teil große Aufregung sorgte, ist jedoch gerade die nach einem so genannten "Killerpilz". Die Existenz eines solchen kann allerdings schon zur Halbzeit des Forschungsprojektes eindeutig verneint werden, so Kempken.
Landwirtschaftsminister von Boetticher zeigte sich erfreut über diese Zwischennachricht. Er legte zudem besonderes Gewicht auf die Einhaltung und den lückenlosen Nachweis von hohen Qualitätsstandards für den nachwachsenden Rohstoff Reet. Christian von Boetticher: "Wer sich für ein Reetdach entscheidet, der entscheidet sich ganz bewusst für diesen natürlichen Baustoff, für eine traditionelle Bauweise und auch für ein kulturhistorisches Landschaftselement. Wer so baut, muss auch die Sicherheit für die Lebensdauer eines Reetdaches von durchschnittlich 30 Jahren haben", sagte er.
Kein Killerpilz als Ursache
Auch die eigens für das Projekt gegründete Gesellschaft zur Qualitätssicherung Reet hat volles Verständnis für die Forderungen des Landes und der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. Die Gesellschaft hat zusammen mit den norddeutschen Landesinnungsverbänden begonnen, die Dachdecker noch einmal auf die Bedeutung sowohl eines tadellosen Deckmaterials als auch auf die saubere handwerkliche Ausführung beim Reetdachbau hinzuweisen. Der Handel ist ferner angehalten, vom Zeitpunkt der Ernte bis zur Anlieferung auf der Baustelle die Trockenheit des Reets sicher zu stellen. Parallel hierzu findet die statistische Aufarbeitung der gemeldeten Schadensfälle statt, die voraussichtlich weitere Hinweise zu den Schwachstellen der bisherigen Verfahrenskette liefern wird.
"Alle Bemühungen gewinnen auch unter dem Aspekt der Herkunft der Rohware Reet an Bedeutung. Die Nachfrage nach Reet ist so groß, dass die heimischen Erntemengen schon lange nicht mehr ausreichen, um alle Bauherren zu bedienen. Heute zählen neben den altbekannten Lieferländern wie Ungarn, Polen und Rumänien auch die Türkei, die baltischen Staaten, Litauen, Weißrussland und sogar China zu den neuen Exportländern. Auch diese Exportware muss von möglichen Qualitätskriterien wie zum Beispiel einer Zertifizierung oder einem Siegel erfasst werden, um ein hohes Maß an Sicherheit und Vertrauen auf der Verbraucherseite zu erlangen" sagte Jan Juraschek von der Gesellschaft zur Qualitätssicherung von Reet. Neben der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, dem größten finanziellen Förderer, unterstützen die Reethändler, die beiden großen schleswig-holsteinischen Versicherer Provinzial und Itzehoer, das Wirtschaftministerium des Landes Niedersachsen und das Landwirtschaftsministerium des Landes Schleswig-Holstein das Projekt. Des Weiteren leisten die deutschen Dachdeckerinnungsbetriebe über eine Solidarumlage einen erheblichen Beitrag zur Durchführung dieser Arbeiten.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass verschiedene Pilz- und Bakterienarten identifiziert werden konnten, die nicht Reet-spezifisch sind. Darunter befinden sich jedoch keine unbekannten oder neuen Arten. Bislang wurden keine Weißfäulepilze identifiziert. Die Vermutung, dass ein angeblicher "Killerpilz" Reetdächer schädigt, kann eindeutig ausgeschlossen werden. Die Analyse der Experten der Abteilung Botanische Genetik und Molekularbiologie, Kiel gehen davon aus, dass sich Pilze opportunistisch verhalten. Sie sind nur dann in der Lage, Reet anzugreifen, wenn eine Vorschädigung vorliegt. Neben der zurzeit stattfindenden Überarbeitung der Fachregel für Reetdachtechnik wird das Forschungsvorhaben bereits Anfang November beendet sein und deutliche Ergebnisse liefern. Basierend auf diesen Ergebnissen wird im Frühjahr der Start eines weiteren Forschungsvorhabens vorbereitet. Hierbei sollen die grundlegenden Eigenschaften von Reet als Dachmaterial herausgearbeitet werden und Eingang in eine Produktvorschrift finden. Dies könnte z.B. im Rahmen einer Zertifizierung oder eines Gütesiegels bzw. eines erweiterten Produktdatenblatts möglich sein.