Der nachhaltige Nutzen von begrünten Häuserfassaden für das Mikroklima der Umgebung und die Energiebilanz der Gebäude sind heute nachgewiesen und unbestritten. Ebenso weiß man um die positiven Auswirkungen, die lebendiges Grün auf Wohlbefinden und die Psyche der Stadtbewohner hat. Waren es früher vor allem selbstkletternder Efeu oder Wilder Wein, die Fassaden schmückten, werden derzeit ganz neue und innovative Pflanzensysteme entwickelt, die unsere Häuser zukünftig grüner, gesunder und energieeffizienter machen sollen. Wir haben Helix-Geschäftsführer Hans Müller dazu befragt.
Herr Müller, wie kamen Sie auf die Idee, Pflanzen in der Vertikalen wachsen zu lassen?
Müller: Ich muss klar bekennen, dass wir uns von dem französischen Künstler und Botaniker Patrick Blanc inspirieren ließen. Er hat mit seinen Installationen an verschiedenen Orten in Europa und in Übersee gezeigt, welchen Charme eine "living wall" im urbanen Umfeld entwickeln kann. Es begeistert die Menschen und berührt sie emotional! Auch wir sind von dieser Idee begeistert. Wir stellen fest, dass Hochbauarchitekten verstärkt mit grünen Wänden planen und können mit unserem pflanzenbaulich gärtnerischen Know-how, das auf mehr als 50 Jahre Erfahrung zurückgreift diesen Trend bestens bedienen. Wir kennen die bodendeckenden Gehölze von Nordeuropa genau und wissen, was sie brauchen, um zu gedeihen. Da war der Schritt nur konsequent, ein eigenes System zu entwickeln.
In Leipzig steht (seit Mai 2010) eines Ihrer Versuchsprojekte: eine vertikal bepflanzte Fassade. Unterschiedliche Pflanzen werden hier auf ihre Eigenschaften und Nutzungsmöglichkeiten in der vertikalen Begrünung geprüft. Gibt es schon erste Ergebnisse?
Müller: Ja! Wir sind selbst beeindruckt, wie üppig sich dort unsere Vegetation entwickelt. Bei Efeu waren wir uns relativ sicher, dass er sich in den verschiedenen Himmelsrichtungen gut entwickeln wird, aber bei den anderen Pflanzen sind wir doch überrascht, wie problemlos unser System funktioniert und wie wohl die Pflanzen sich fühlen. Wir haben ja sogar Flächenrosen in der Vertikalen. Die Pflanzen sind ohne Schädlingsbekämpfung kerngesund und schädlingsfrei.
Begrünen mit System. Mit Pflanzen alleine ist noch keine vertikale Vegetation möglich. Welche Unterbaukonstruktionen und welche Versorgungsinstallationen sind notwendig, damit die Pflanzen sich in der Vertikalen halten können und eine Fassade ein grünes Gesicht bekommt?
Müller: Die Pflanzen befinden sich in einem speziellen Kassettensystem als vorgehängtes, hinterlüftetes Fassadenelement mit integriertem Anschluss für die Be- und Entwässerung. Auf diese Weise besteht keinerlei Kontakt der Pflanzenwurzeln/ Pflanzen mit der Fassade. Für eventuelle Kontrollgänge oder bei einer erforderlichen Erneuerung des Vegetationselementes kann jedes Modul einzeln ausgetauscht werden. Dies bedeutet, es wird einfach aus der Kassette entnommen und ausgetauscht, ohne dass überhaupt der Fassadenbau berührt wird. Die Gewerke lassen sich klar trennen. Unsere Kernkompetenz liegt allerdings bei der Pflanze und nicht beim Fassadenbau und das soll auch so bleiben!
Sie sind Spezialist für ganz vielfältige Pflanzensysteme und arbeiten gerne in Kooperation mit Partnern aus unterschiedlichsten Branchen zusammen. Für die Realisation Ihrer Fassadenbegrünung sind Sie noch auf der Suche nach Kooperationspartnern. Welche Anforderungen stellen Sie, welche Voraussetzungen sollten Ihre zukünftigen Kooperationspartner mitbringen?
Müller: Im Fassadenbau werden verschiedenste Materialien verwendet. Bei einer integrierten Begrünungslösung ist es somit zwingend, dass sich unsere Begrünung auch mit unterschiedlichen Materialien verbinden lässt. Mögliche Partner aus dem Bereich des Fassadenbaus sollten innovativ und somit für neue Lösungen aufgeschlossen sein. Fachliche Kompetenz, Leistungsfähigkeit, Arbeit im Team mit uns und anderen am Projekt beteiligten Partnern sind sicher Eigenschaften, die grundsätzlich wichtig sind. Die Kooperation soll das Know-how der unterschiedlichen Gewerke zu einer qualitativ hochwertigen Fassade vereinen. Entscheidend ist, dass sich unser Partner auf "Grün" einlässt. Er sollte die Begeisterung für eine grüne Wand teilen, auch wenn er Fassadenspezialist bleiben darf und nicht Gärtner werden muss.
Welche Pflanzen verwenden Sie bisher für Ihre vertikale Wand? Und welche eignen sich Ihrer Meinung nach am besten?
Müller: Besonders geeignet sind Pflanzen, die dem harten Stadtklima standhalten, große Temperaturunterschiede (Hitze mit Trockenheit, Frost), Salzeintrag und auf Dauer Feinstäube/Abgase vertragen. Unsere bewährteste Pflanze ist nach wie vor der Efeu (Hedera helix ‘Woerner’), welcher neben den oben genannten Eigenschaften auch ökologischen Nutzen bringt, in dem er zur Bindung von gesundheitsschädlichen Feinstäuben aus der Umwelt beiträgt.
Wenn auf farbliche Gestaltung wert gelegt wird, können wir (abhängig von der Exposition) aber mit vielen anderen Stauden und Bodendeckern arbeiten: Vinca, Waldsteinia, Gräser, Rosen, Lavendel …
Pflanzen benötigen Erde, Wasser und Nährstoffe, um zu wachsen und zu gedeihen. Wie werden die Pflanzen in der vertikalen Bepflanzung versorgt, müssen sie besonders gepflegt oder geschützt werden?
Müller: Ein ganz wesentlicher Teil unseres Systems ist die Versorgung mit Wasser und Nährstoffen. Die klassische Erde, in der die Pflanzen Halt finden, brauchen wir in unserem System nicht. Es ist weitgehend "bodenlos". Somit sparen wir sehr viel Gewicht! Die eigentliche Verankerung der Pflanzen findet in unserem Begrünungselement statt. Dieses wird dann letztlich in der Kassette befestigt. Wir haben ein Bewässerungs- und Düngesystem entwickelt, das die Pflanzen Sommer wie Winter optimal versorgt. Es passt sich höheren Temperaturen automatisch an und erhöht die Wasser und Nährstoffmengen in Hitzeperioden. Das System ist vollkommen geschlossen. Dies bedeutet, dass Überschusswasser recycelt und aufbereitet wird und den Pflanzen dann wieder zur Verfügung gestellt werden kann. Das Monitoring erfolgt via Internet. Dies bedeutet, dass wir Fehler erkennen und beheben können, bevor die Pflanzenwand Schaden nehmen kann.
Gibt es Grenzen in der vertikalen Begrünung oder können Wände jeglicher Exposition bepflanzt werden? Welche Kriterien müssen Wände und Gebäude mitbringen, damit eine derartige Begrünung überhaupt möglich ist?
Müller: Grundsätzlich kann man jede Himmelsrichtung eines Gebäudes begrünen. Es werden allerdings unterschiedliche Pflanzenarten verwendet, um den Expositionen gerecht zu werden. Speziell bei Süd-Fassaden ist ein besonders aufmerksames Monitoring erforderlich, da die Pflanzen hier sehr großen Strapazen ausgesetzt sind. Ab einer Bauhöhe von 20 Metern gelten dann noch verschärfte Auflagen aufgrund der erhöhten Windlast. Höhere Begrünungen sind dennoch möglich. Der Schwerpunkt liegt aber bei Begrünungen bis 20 Meter aufgrund der optischen Wirkung, der Emmissionsreduzierung direkt an der Quelle und der Verbesserung des Mikroklimas.
Grüne Wände sollen heute nicht nur ästhetisch sondern auch nachhaltig sein. Welchen positiven ökologischen Wert haben grüne Fassaden für uns Menschen, unsere Umwelt und das Stadtklima?
Müller: Die Pflanzen flachen die Temperaturkurve insbesondere im Innenstadtbereich deutlich ab. Bei großen Hitzeperioden verhindern die Pflanzen so, dass sich die Gebäude stark aufheizen. Man spürt selbst im Inneren von begrünten Häusern, dass es kühler ist. Hohe Temperaturen werden nicht, wie bei betonierten oder asphaltierten versiegelten Flächen, auf lange Zeit gespeichert. Grün wirkt hier ausgleichend! Im Winter kann die Begrünung ebenfalls den Effekt der Wärmedämmung unterstützen.
Im urbanen Raum kann eine grüne Wand aber noch viel mehr: Wir wissen durch unsere Untersuchungen, dass 1 m² grüne Wand im Jahr bis zu 1 m³ Wasser verdunstet. Dies bedeutet beispielsweise für die jährlichen Niederschlagsmengen der Region Stuttgart, dass über 1 m² Vertikalbegrünung das Regenwasser von 1,3 m² Dachfläche entsorgt werden könnte. Durch die Verdunstung des Regenwassers entsteht ein Kühlungseffekt, Grauwasser wird reduziert und das Kanalsystem somit entlastet.
In Straßenschluchten wird durch grüne Wände außerdem die Schallreflektion deutlich reduziert; speziell Efeu sammelt als passiver Feinstaubfilter Kleinstpartikel aus der Luft; das jährlich anfallende Schnittgut, das früher Abfall war, wird heute als Biomasse energetisch genutzt und trägt somit zur CO2 Reduktion des jeweiligen Gebäudes bei. Und unsere grünen Wände wandeln selbst CO2 in Sauerstoff um. Die Tür zur Erforschung der ökologischen Wohlfahrtswirkung wurde gerade erst aufgestoßen. Hier wird es in den kommenden Jahren noch sehr viel mehr Erkenntnisse geben