Es gibt Neuerungen, die so manche Regel auf den Kopf stellen. Zurzeit ist es die Regeldachneigung aus der entsprechenden Fachregel des ZVDH, die von neuen Dachziegelmodellen überboten wird.
Ein Dachziegel mit einem höheren Leistungspotenzial, als in der Fachregel festgeschrieben, wird zuerst über herstellereigene Garantien in den Markt eingeführt. Dabei ist davon auszugehen, dass diese Entwicklung in einigen Jahren zum Stand der Technik gehört und die Fachregel entsprechend angepasst wird. Ein Flachdachziegel kann zum Beispiel laut Fachregel bis zu einer Regeldachneigung von 22 Grad verlegt werden. Das ist die unterste Dachneigungsgrenze, bei der sich in der Praxis eine Dachdeckung als regensicher erwiesen hat - so steht es in der Fachregel. Im allgemeinen Trend zu immer flacheren Dächern ist jedes Grad, das ein Dachziegel flacher verlegt werden kann, ein Vorteil für den Verarbeiter, aber auch für den Planer. Dieses Argument kann auch im hohen Norden überzeugen, wo Dächer traditionell viel steiler gebaut werden. Planer und Handwerk gehen zu Recht davon aus, dass ein Dachziegel mit einer geringeren Regeldachneigung im windigen Norden eine höhere Funktionsreserve bietet. Die Dachziegelhersteller nennen einige Gründe, warum sie die Regeldachneigung ihrer Dachziegelmodelle unter die Regeldachneigungen aus der Fachregel absenken können. Gründe sind unter anderem (neben der technischen Entwicklung der Dachziegelmodelle) die besseren Testmöglichkeiten. Ein Beispiel: Die Fachregel spricht bei einem Flachdachziegel sinngemäß von einem Pressdachziegel mit mehrfacher Ringverfalzung, dessen Wasser führende Kopf- und Seitenfalze nicht unterbrochen sind. Profis wissen, dass diese Beschreibung nicht mehr aktuell ist. Ein zusammenhängend durchgehender Kopf- und Seitenfalz, und das ist labortechnisch bewiesen, kann auch Nachteile haben. Gelangt bei Regeneintrieb Wasser in den Kopffalz, kann es bei ununterbrochenen, zusammenhängenden Falzsystemen in den Seitenfalz laufen. Die Regensicherheit ist dann gefährdet. Heutiger Stand der Technik sind Kopf- und Seitenfalze, die voneinander getrennt sind und auch getrennt entwässern. Ein weiteres fachregeltypisches Merkmal eines Flachdachziegels ist der Spoiler am Seitenfalz. Dieser ist bei stimmiger Gesamtkonstruktion nicht immer erforderlich.
Neue technische Entwicklungen
Die Produktentwicklung, die die verschiedenen Dachziegelhersteller in Bezug auf die Regensicherheit ihrer Produkte unternehmen, führt zu unterschiedlichen Ergebnissen. Das können komplett neue Dachziegelformen, komplexe Mehrfachverfalzungen oder Optimierungen vorhandener Systeme sein. Grundsätzlich erscheint jede Produktveränderung nur dann sinnvoll, wenn sie sich in der rauen Baustellenpraxis als tauglich erweist. Ein erfolgreicher Dachziegel muss deshalb eine gewisse Funktionsreserve besitzen. Es darf nicht sein, dass etwa bei kleineren Beschädigungen der Falze die Regensicherheit gefährdet ist. Ein Beispiel für die Weiterentwicklung von Falzsystemen ist der Flachdachziegel Alegra 10 von Koramic. Das Ergebnis: tiefe Falze mit Luftzwischenräumen, die kaum verschmutzen können und die sich, egal wie die Ziegeldeckung gezogen oder gedrückt ist, untereinander nicht berühren. Zu diesem Zweck besitzt dieser Ziegel spezielle Distanzhalter (Anschlagklötzchen), die verhindern, dass sich die Seitenfalze zu nahe kommen. Damit wird zum einen der Verstopfung der Falze vorgebeugt, zum anderen eine mögliche Kapillarwasserbildung unterbunden. Die Regeldachneigung des Ziegels beträgt 18 Grad. Bis zwölf Grad Dachneigung (minus sechs Grad sind regelkonform) kann der Dachziegel mit einer Unterspannbahn auf Wohnbauten verlegt werden, wenn keine erhöhten konstruktiven und klimatischen Anforderungen bestehen. Mit einem wasserdichten Unterdach kann der Dachziegel theoretisch bis acht Grad Neigung verlegt werden. Doch die Empfehlung ist eindeutig: Ein geneigtes Dach sollte laut Fachregel nicht flacher als zehn Grad sein. Die meisten Dachziegelhersteller sind sich wohl einig, dass zehn Grad die geringste Dachneigung darstellt. Gerard Halama