Frauen erobern zunehmend Plätze in traditionellen Männerberufen. Und sie sind mittlerweile sogar oft leistungsstärker als ihre männlichen Kollegen. So geschehen im Dachdeckerhandwerk Baden-Württemberg.
Stefanie Tretter, ausgebildet von der Firma Kistenberger Bedachungen in Bruchsal, wurde bei der landesweiten Freisprechungsfeier im Karlsruher Tollhaus als Jahresbeste der Gesellenprüfung 2019 und zugleich Landessiegerin im praktischen Leistungswettbewerb gefeiert. Heiko Kistenberger, ihr Ausbilder und zugleich Obermeister der Karlsruher Dachdeckerinnung, war sichtlich stolz auf die 20-Jährige.
Bundessieg im Wettbewerb der Dachdeckerjugend 2018
Wie sie den Dachdeckerberuf für sich entdeckt hat? „Auf der Ausbildungsmesse Einstieg Beruf. Dort sei sie mit einer Dachdeckermeisterin ins Gespräch gekommen und sei überrascht gewesen, wie interessant der Beruf sei. „Ich habe mir auf der Messe nichts anderes mehr angeschaut. Mein Entschluss stand fest“, strahlt die junge Frau. Während der Ausbildung habe sie sich gut mit ihren männlichen Kollegen verstanden und viele „coole Gespräche“ geführt. In ihrer Familie ist niemand mit dem Dachdeckerberuf in Berührung gekommen, ihr Zwillingsbruder studiere Informatik.
In der Freisprechungsfeier des Landesverbandes des Dachdeckerhandwerks Baden-Württemberg sprach Vorstandsmitglied Michael Braunwarth 88 Auszubildende, darunter vier Frauen, von ihren Pflichten als Auszubildende frei und entließ sie in den Gesellenstand. Unter den frisch Gekürten waren auch sieben Flüchtlinge. Der 22-jährige Oumar Ceesay ist einer von ihnen. Er kam vor fünf Jahren allein aus Gambia nach Stuttgart, lernte Deutsch, machte den Hauptschulabschluss und bewarb sich schon nach zwei Jahren bei der Firma Walther Bedachungen in Kornwestheim. Rolf Walther war am Rande der Veranstaltung im Tollhaus voll des Lobes über seinen fleißigen Mitarbeiter, dem er einen unbefristeten Arbeitsvertrag ausgehändigt habe.
In der Begrüßung gratulierte Landesinnungsmeister Karls-Heinz Krawczyk den jungen Leuten zur bestandenen Prüfung. „Das Dachdeckerhandwerk ist ein krisensicheres Handwerk“, betonte er, „es befriedigt ein Grundbedürfnis des Menschen, nämlich den Wunsch nach einem Dach über dem Kopf.“ Dieses Dach dürfe nicht nur sicher sein, sondern auch energiesparend und energiefördernd. Für Dachdeckergesellen mit Berufserfahrung sowie für Dachdeckermeister sei ein Studium möglich. Die Fachhochschule Rosenheim habe den Studiengang „Energie- und Gebäudetechnologie“ mit dem Abschluss Bachelor of Engineering geschaffen, so Krawczyk.
Die Glückwünsche der Stadt zur Freisprechung überbrachte Bürgermeister Albert Käuflein. Er erinnerte an das Aktionsprogramm Handwerk, das dazu diene, das lokale Handwerk zu unterstützen. Wichtige Themen für die Wirtschaftsförderung seien Fachkräftesicherung und Nachwuchsförderung. Bevor Landesgeschäftsführerin Eva Meisel die Junggesellen, getrennt nach den zehn Innungen, zur Urkundenübergabe auf die Bühne bat, plauderte Studiendirektor Martin Amann humorvoll aus dem Nähkästchen der Heinrich-Hübsch-Schule. Er ließ die Unterrichtsblocks der drei Lehrjahre Revue passieren und berichtete von Momenten, bei denen man nicht wusste, ob man lachen oder weinen solle. Doch nun sei alles überwunden.