2010-11-12T00:00:00Z Kommentar: Nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Dass das Dachdecker-Handwerk auf ein Fachkräfte-Problem zuläuft, dürfte mittlerweile jedem klar geworden sein. Spätestens seit Dachdecker deutlich machen, dass sie körperlich nicht in der Lage sind, das Rentenalter auf dem Dach stehend zu erreichen, ist das Dachdeckerhandwerk zum Synonym für drohende Altersarmut geworden.

Fakt ist: Nur 2,1 Prozent der Dachdecker stehen im Alter von über 60 Jahren noch auf dem Dach. Fakt ist auch: Der Vorschlag von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, ältere Dachdecker könnten ja im Büro oder Verkauf beschäftigt werden, ist genauso naiv wie realitätsfern. Geht man davon aus, dass der durchschnittliche Dachdecker-Betrieb in Deutschland knapp fünf Mitarbeiter beschäftigt, dann wird schnell klar, dass eine solche Umsetzung höchstens in Großbetrieben in Frage kommt und damit für die breite Masse nicht weiterhilft. Was also tun?

Betriebliche Altersvorsorge bringt Mehrwert für Betriebe und Mitarbeiter

Wenn es trotz medizinischen Fortschritts und zunehmender Erleichterung im Bereich der technischen Hilfsmittel und der Arbeitssicherheit nicht gelingt, die körperlichen Belastungen des Berufes zu verringern, dann bleibt nur, die finanziellen Folgen der Frühverrentung für Betriebe und Mitarbeiter auszugleichen. Ein erster Schritt in diese Richtung ist die neue "Dachdecker-Rente". Dahinter verbirgt sich ein tarifliches Modell der betrieblichen Altersvorsorge für alle gewerblichen Mitarbeiter im Dachdeckerhandwerk. Das funktioniert so: Das bisher schon allgemeinverbindliche dreizehnte Monatseinkommen wird um acht Stundenlöhne (Bruttodurchschnittsstunden) auf 83 Stunden (in den Ost-Bundesländern 73 Stunden) aufgestockt. Hiervon werden 33 Stunden abgezogen und in einen Arbeitgeberanteil zur betrieblichen Altersversorgung (BAV) nach dem Betriebsrentengesetz umgewandelt. Jeder gewerbliche Mitarbeiter erhält also künftig ein Rentenkonto bei der Zusatzversorgungskasse des Dachdeckerhandwerks (ZVK) und wird regelmäßig über den Stand seiner Rentenanwartschaft informiert. Vorteile ergeben sich für beide Seiten, denn die Beiträge zur betrieblichen Altersvorsorge sind im Gegensatz zum Weihnachtsgeld steuer- und sozialversicherungsfrei. Unter dem Strich erhält der Mitarbeiter für die Abstriche beim Netto-Weihnachtsgeld einen deutlich höheren Gegenwert der Altersvorsorge.

Natürlich wirkt sich dieser nicht sofort im Portemonnaie aus, aber es muss heute auch Jedem klar sein, dass angesichts der demografischen Entwicklung eine private Aufstockung der gesetzlichen Rente unumgänglich ist, um nicht in Altersarmut zu verfallen. Das Rentenniveau eines Dachdeckergesellen nach 45 ununterbrochenen Beitragsjahren liegt heute bei circa sechzig Prozent des letzten Nettoeinkommens. Und: Im Gegensatz zu anderen Anlageformen ist die ZVK als gemeinsame Einrichtung der Tarifvertragsparteien gemeinnützig und als eigenes "Kraftwerk" des Dachdeckerhandwerks von Aktionärsinteressen unberührt, was sich in attraktiven Renditen niederschlägt.

Signalwirkung für weitere Maßnahmen

Das neue obligatorische Rentenmodell im Dachdeckerhandwerk ist daher nicht nur das erste seiner Art in der deutschen Wirtschaft, sondern auch ein Stück Zukunftssicherung. Zugegeben, es löst nicht das Problem der Frühverrentung durch die körperlichen Belastungen, denn auch die betriebliche Altersversorgung tritt erst mit Erreichen des Rentenalters ein. Dabei kann sich das Dachdeckerhandwerk aus eigener Kraft nicht helfen, sondern nur durch politische Gesamtlösungen eine andere Gesetzeslage herbeiführen. Trotzdem ist das neue Modell mehr als nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Es zeigt den politisch Verantwortlichen, dass das Dachdeckerhandwerk beim Rentenproblem nicht allein nach dem Staat ruft, sondern auch durch eigene, selbsttragende Maßnahmen zur Problemlösung beiträgt. Das bietet eine gute Gesprächsgrundlage. Davon abgesehen, kann es auch helfen, den Dachdeckerberuf für den Nachwuchs attraktiver zu machen. Wenn erst einmal ein privates Rentenkonto eingerichtet ist, wird das Bewusstsein für die Notwendigkeit der Vermögensvorsorge geschärft und ein Anreiz geboten, vielleicht später die Beiträge aufzustocken.

Neben dem bereits bestehenden System der Ausbildungsförderung und den Leistungen in der Schlechtwetterzeit hat das Dachdeckerhandwerk mit der neuen betrieblichen Altersvorsorge ein weiteres wirksames Mittel zur Stärkung seines Immunsystems geschaffen. Das kann im anstehenden Winter sicher nicht schaden.

Ulrich Marx,

Hauptgeschäftsführer ZVDH

zuletzt editiert am 24. Februar 2021
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