Bei vielen Aufträgen müssen Dachdeckerbetriebe Bürgschaften oder andere Sicherheiten stellen. Der Beitrag gibt Hinweise zum Thema und zeigt, wie ein zielgerichtetes Liquiditätsmanagement aussehen kann.
Ehrenfried Matt
Viele Finanzierungen im Bau stehen vor einem strukturellen Umbruch. Nach einer Analyse des Bauherrenschutzbundes (BSB) geben Bauinteressierte als größte Risiken Baumängel mit 75 Prozent, Firmeninsolvenzen mit 50 Prozent und Baukostenüberschreitungen mit 47 Prozent an. Die Zahlen zeigen: Auftraggeber haben ein stark zunehmendes Bedürfnis nach Sicherheit.
Vor dem Hintergrund der Finanzkrise erleben viele Betriebe jedoch vergleichsweise starke Einschränkungen ihrer Finanzierungsmöglichkeiten. Durch das neue Gesetz zur Sicherung von Bauforderungen (BauFordSiG) entsteht darüber hinaus zusätzlicher Liquiditätsbedarf, da Baugeld nur noch für die definierte Baustelle verwendet werden darf. Die Liquiditätssteuerung gewinnt daher in allen Bereichen der Wirtschaft und damit auch bei den Dachdeckern eine immer größere Bedeutung.
Gerade Sicherheitseinbehalte wirken sich nachhaltiger denn je auf die Liquiditätssituation der Unternehmen aus. Denn eine Einschränkung der Liquidität verringert den geschäftlichen Entscheidungsspielraum von Betriebsinhabern. Kredit- und Bürgschaftslinien werden aufgrund von Basel II zunehmend enger. Die Verfügbarkeit von Krediten und Bürgschaften wird deshalb zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor.
Die Formel "Liquidität gleich gute Bonität gleich Sicherheit für den Auftraggeber" wird mittlerweile von vielen Auftraggebern und Banken propagiert. Die nachfolgende Übersicht an unterschiedlichen Sicherungsformen soll Sie bei Ihrem Liquiditätsmanagement unterstützen.
Die Bürgschaftsversicherung, der Bürgschaftskredit
Die Bürgschaftsversicherung (Kautionsversicherung) ist kein Barkredit im Sinne eines Kontokorrentkredits. Der Bürgschaftsversicherer übernimmt als Bürge die Haftung für eine Verbindlichkeit gegenüber einem Dritten (Auftraggeber oder Bauherr). Für den Bürgen (Versicherer) stellt der Bürgschaftskredit eine Eventualverbindlichkeit dar: Der Bürgschaftskredit wird erst zu einer konkreten Schuld, wenn der Schuldner (Versicherungsnehmer = Dachdecker) seine zugesagte Leistung nicht erfüllen kann.
Drei Bürgschaftsarten stehen bei Dachdeckeraufträgen im Mittelpunkt:
1. Die Ausführungsbürgschaft: Sie dient dazu, die vertragsgemäße Ausführung der Dachdeckerarbeiten sicherzustellen. Sie beginnt mit dem Baubeginn und endet mit der Abnahme der Dachdeckerarbeiten.
2. Die Mängelansprüchebürgschaft dient als Sicherheit für die Erfüllung sämtlicher Mängelansprüche während der vertraglich vereinbarten Gewährleistungsfrist (vier Jahre VOB/fünf Jahre BGB).
3. Die Vertragserfüllungsbürgschaft dient dazu, die vertragsgemäße Ausführung und Gewährleistung sicherzustellen, und ist damit die Kombination aus Ausführungs- und Mängelansprüchebürgschaft.
Drei weitere Bürgschaftsformen gewinnen in jüngerer Vergangenheit mehr an Bedeutung:
1. Die Vorauszahlungsbürgschaft soll dazu dienen, das Verlustrisiko aus vorab geleisteten Zahlungen sicherzustellen.
2. Die Bauhandwerkersicherungsbürgschaft (gemäß § 648a BGB) hat den Zweck, die Bezahlung der Bauleistung durch den Besteller an den Auftragnehmer sicherzustellen.
3. Die Bietungsbürgschaft dient dazu, die Einhaltung der Angebotskonditionen im Falle der Auftragserteilung auch sicherzustellen. Diese kommt vor allem bei größeren Aufträgen zur Anwendung.
Baufertigstellungs- und Baugewährleistungsversicherung
Diese beiden Versicherungslösungen stellen Alternativen zu der Ausführungs- und der Mängelansprüchebürgschaft dar. Die Baufertigstellungsversicherung sichert für den Bauherrn das finanzielle Risiko einer Insolvenz des Dachdeckerbetriebes vor Bauabnahme ab. Der Versicherer erstattet dem Bauherrn die möglichen Mehrkosten für die Fertigstellung des Bauvorhabens. Mit maximal zwanzig Prozent der vertraglichen Bausumme liegt diese Summe deutlich höher als bei einer Bürgschaft. Einem potenziellen Kunden, der zwischenzeitlich über die große Zahl an Insolvenzen im Baugewerbe informiert und durch entsprechende Medienberichte über Bauruinen sensibilisiert ist, kann damit ein weiteres Verkaufsargument geliefert werden, weil damit auch die Bonität des Unternehmens bestätigt wird. Voraussetzung für eine derartige Lösung ist eine erfolgreiche Bonitätsprüfung. Der Auftraggeber erhält durch ein verbrieftes Zertifikat einen Direktanspruch an den Versicherer.
Die Baugewährleistungsversicherung bietet Schutz des solventen Versicherungsnehmers vor den finanziellen Belastungen, die mit Mängelhaftungsansprüchen für Mängel verbunden sind, die erstmalig nach Abnahme der Bauleistung auftreten. Darüber hinaus besteht auch hier Versicherungsschutz für Auftraggeber und Bauherren im Insolvenzfall des Versicherungsnehmers.
Viele Bauherren zögern fällige Zahlungen hinaus. Mit der Baugewährleistungsversicherung erfolgt die Bauabnahme mit unabhängigen Experten. Damit hat er maximale Sicherheit und zahlt in der Regel schneller. Das bedeutet häufig eine zusätzliche Liquiditätserhöhung und damit auch eine Verbesserung der Auftragsrendite. Mit beiden Versicherungen können Freiräume in den Kreditlinien bei Banken und den Avallinien (Höhe der Summe, mit der eine Bank/Versicherung dem Bauherren gegenüber dafür bürgt, dass ihr Kunde seine vertraglichen Zusagen auch einhalten wird) bei den Versicherern geschaffen werden. Damit entsteht zusätzlicher Liquiditätsspielraum und weiteres Investitionspotenzial für den Betrieb.
Können Baufertigstellungs- und Baugewährleistungsversicherung Bürgschaften ersetzen?
Die Antwort lautet grundsätzlich ja, denn in Deutschland besteht Vertragsfreiheit und inhaltlich bietet die Versicherungslösung eine weitergehende Absicherung als die Bürgschaft. In der VOB ist diese Sicherungsform bislang allerdings nicht benannt. Dies kann bei der Auftragsvergabe deshalb zu Problemen mit der öffentlichen Hand führen. Einige Bundesländer haben deswegen diese neue Form der Absicherungsmöglichkeit in ihren Vergabehandbüchern mit aufgenommen.
Zielgerichtetes Liquiditätsmanagement
Nur durch den Einsatz aller Finanzierungsinstrumente gelingt ein zielgerichtetes Liquiditätsmanagement. Die Steuerung folgender Instrumente steht dabei im Mittelpunkt:
Kontokorrentlinien mit den Hausbanken
Avalkredite/Avallinien bei den
Kautionsversicherern
Baufertigstellungs-/Baugewährleistungsversicherung
unter Umständen Forderungsausfallversicherung (Warenkreditversicherung)
Fazit: Die Mischung macht´s
Für ein gutes Liquiditätsmanagement müssen mehrere Maßnahmen aufeinander abgestimmt wirken. Die wichtigsten Schritte dabei sind die Erhöhung der liquiden Mittel, die Reduzierung der vereinbarten Sicherheiten, die Flexibilisierung der Aussteuerungsmöglichkeiten bei den unterschiedlichen Finanzierungsformen und auch die Reduktion der Kreditkosten. Erst durch das Zusammenwirken aller unterschiedlichen Ansätze bekommt der Dachdeckerbetrieb ein maßgeschneidertes Konzept. Davor sollte immer eine genaue Analyse der Bilanzen mit den wichtigsten Kennzahlen (siehe Kasten) erfolgen. Analysieren Sie mit Ihrem Versicherungsmakler Ihr derzeitiges Aval- und Kreditportfolio. Sichern Sie sich durch einen Mix aus Bürgschaften und Versicherungen Ihre auf Ihren Dachdeckerbetrieb zugeschnittene optimale Liquiditätsvoraussetzung.
*Teil 1 der Serie zum Thema Betriebshaftpflicht finden Sie hier.
Kennzahlen für die Bilanzanalyse
Um den individuellen Bedürfnissen des eigenen Unternehmens gerecht zuwerden, sollten Sie vorher Ihre Bilanz genau analysieren.
Folgende Kennzahlen sind dabei von zentraler Bedeutung und geben einen ersten Überblick:
Eigenmittelquote
Deckungsgrad 1 und 2
Liquidität
Vermögensstruktur Anlagevermögen
Leistungs-Rendite
Cash-Flow-Rendite
ROI-Rendite (ROI = return on invest)
Kapitalumschlag
Leistung je Mitarbeiter
Wertschöpfung je Mitarbeiter
Forderungsbestand
Veränderungen der Jahresgesamtleistung
Fragen zur Überprüfung und Vertiefung
Folgende Fragen können als Gedankenstütze zur Steuerung ihrer Liquidität
dienen:
Wie hoch ist mein jährlicher
Absicherungsbedarf (Jahresbedarf entspricht in der Regel circa fünf bis acht Prozent der durchschnittlichen Jahresgesamtleistungen)?
Akzeptieren Auftraggeber und Bauherren auch alternative Sicherungsformen?
Gibt es neben nationalen auch internationale Aufträge?
Welche Arten von Sicherheiten
benötige ich?
Wie hoch ist die maximale Höhe des Sicherungsbedarfs für den Einzelauftrag?
Wie flexibel sind einzelne Kreditlinien hinsichtlich ihrer inhaltlichen Ausgestaltung?
Wie hoch sind die jeweiligen Forderungen an liquiden Sicherheiten?