Steildach 2011-03-17T00:00:00Z Mitten in einer Reet-Hochburg

In Westerland auf der Insel Sylt, sozusagen mitten in einer der deutschen "Reet-Hochburgen", trafen sich die Mitglieder der Bundesfachgruppe Reetdachtechnik. Lesen Sie, was die Reetdachdecker zurzeit am meisten beschäftigt.

Bekanntlich bereitet auch den auf Reetdächer spezialisierten Dachdeckerbetrieben alljährlich die winterliche Witterung Probleme. Das Arbeiten auf Dächern ist größtenteils kaum möglich. So auch in der zurückliegenden Winterperiode. Nicht ohne Grund finden die jährlichen Treffen der Mitglieder der Bundesfachgruppe Reetdachtechnik daher zu dieser Jahreszeit statt. Anfang des Jahres war das Congress Centrum Sylt in Westerland auf der Insel Sylt der Tagungsort der deutschen Reetdachdecker.

Bundesfachgruppen-Vorsitzender Manfred Arp konnte 70 Teilnehmer der zurzeit 85 Mitglieder zählenden Interessengemeinschaft begrüßen. Neben allgemeinen Regularien stehen bei den Mitgliederversammlungen vor allem Informationen und Diskussionen zu die Reetdachdeckerbetriebe besonders tangierenden Themen im Mittelpunkt.

Die Bundesfachgruppe Reetdachtechnik im Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks wurde 1999 gegründet. Sie ist die einzige Bundesfachgruppe innerhalb der Berufsorganisation. Ihr können direkt Mitglieder einer Dachdeckerinnung beitreten, die sich speziell auf dem Gebiet der Reetdachdeckung betätigen und der Berufsorganisation des Zentralverbandes angehören. Daneben gibt es aber auch Gastmitgliedschaften. Die Mitgliedschaft in der Bundesfachgruppe ist kostenneutral.

Im Vorfeld des Expertentreffens fand bereits eine Sitzung des Fachausschusses Reet unter Leitung seines Vorsitzenden Hans Otto Finke statt. Er verabschiedete eine Neufassung des Produktdatenblattes Reet.

Ausbildungssituation in der Fachrichtung Reetdachtechnik

Die Ausbildungssituation in der Fachrichtung Reetdachtechnik ist nicht befriedigend. So muss nach der Einführung der Fachrichtung Reetdachtechnik in der Ausbildungsordnung zum Dachdecker/in in 1998 festgestellt werden, dass die ursprünglich prognostizierten Ausbildungszahlen nicht erreicht wurden. Dies ist für den dauerhaften Fortbestand der Fachrichtungsausbildung eher ungünstig. Unabhängig hiervon sind die Berufsbildungsgremien des ZVDH bereits seit einigen Jahren mit einer grundsätzlichen Modernisierung der Ausbildungsordnung befasst. Nunmehr zeichnet sich ein Konsens mit dem Sozialpartner für ein modernisiertes Ausbildungsmodell ab, das auch Auswirkungen auf die Fachrichtung Reetdachtechnik haben wird. Ausführlich wurde den Versammlungsteilnehmern das Modell einer dreijährigen Ausbildung mit Spezialisierungen (Schwerpunkten) im dritten Ausbildungsjahr erläutert und teilweise kontrovers diskutiert. Einer dieser neuen Schwerpunkte, die dann die bisherigen Fachrichtungen in Ansätzen ablösen, wird die Reetdachtechnik sein. Die Berufsbildungsgremien des ZVDH wie auch der ZVDH-Hauptvorstand haben sich für diese Ausbildungsform ausgesprochen.

Forschungsvorhaben zur Qualitätsbestimmung von Reet

Ausgelöst durch die Problematik der vorzeitigen Verrottung von Reetdächern sind in der Vergangenheit eine Vielzahl von diesbezüglichen Forschungsvorhaben initiiert worden. Auch diese haben sicherlich mit dazu beigetragen, dass sich die Marktsituation beruhigt hat. Es wird deutlich stärker als früher, der Reetqualität, gepaart mit einer hochwertigen Ausführungsqualität, eine größere Aufmerksamkeit gegeben. Ungeachtet dessen sucht man aber weiterhin nach praktikablen und baustellengerechten Untersuchungsverfahren zur Qualitätsbestimmung von Reet.

Dr. Christian R. Moschner vom Institut für Landwirtschaftliche Verfahrenstechnik (ILV) an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel stellte ein kürzlich angelaufenes neues Forschungsvorhaben zur Entwicklung eines NIRS-Schnelltestverfahrens zur Qualitätsbestimmung von Reet vor. Hierbei steht die Abkürzung NIRS für NahInfraRotSpektroskopie. Entwickelt werden soll ein baustellentaugliches NIR-Schnelltest-Gerät. Intensiv hinterfragten die Reetdachdecker die Einzelheiten des Forschungsvorhabens bzw. der Wirkungsweise der Nahinfrarot-Spektroskopie bei Reet und sicherten zu, repräsentative Reetproben für das Forschungsvorhaben zur Verfügung zu stellen.

Lüftung und Feuchte im Reetdach

In einem sehr lebhaften und fundierten Vortrag schilderte Dipl.-Ing. und Architekt Thomas Schneider vom LIV Schleswig-Holstein die Problematik der Lüftung und Feuchte bei geneigten Dächern, im Besonderen fokussiert auf Dächer mit Reetdachdeckungen. Schwerpunkt waren dabei die Auswirkungen der Mindestlüftungsquerschnitte und deren Umsetzung in der baulichen Praxis. Zusammenfassend stellte er jeweils die Vor- wie auch Nachteile sowohl belüfteter als auch unbelüfteter Dächer vor.

Blick in die Niederlande

Beeindruckt waren die Reetdachdecker von einem Blick über den eigenen Tellerrand ins Nachbarland Niederlande. Der Vertreter des Fachverbandes der holländischen Dachdecker, Henk Horlings, stellte in einem kurzweiligen und interessanten Vortrag ausgewählte und sehr repräsentative Reetdachobjekte in den Niederlanden vor. Hierbei zeigte er auf, in welchen Bereichen der Fachverband aktiv ist. Schwerpunkt war aber die Vorstellung besonders schöner Bauvorhaben, die allerdings unter teilweise völlig anderen Rahmenbedingungen als in Deutschland realisiert wurden. So ist es in den Niederlanden möglich, auch Außenwandbekleidungen mit Reet auszuführen, was in Deutschland alleine schon aus Brandschutzgründen undenkbar ist.

Weitere Themen der Mitgliederversammlung waren Informationen zu den Aktivitäten der Qualitätssicherung Reet (QSR) GmbH und der aktuellen Arbeit des Fachausschusses Reet.

Zum Rahmenprogramm der Mitgliederversammlung gehörte auch eine Exkursion in die unmittelbare Region. Organisiert von Hans Otto Finke aus Kampen/Sylt konnte den Teilnehmern ein positiver Eindruck von repräsentativen Reetdachobjekten auf der Insel Sylt, einer der deutschen "Hochburgen" für Reetdächer, vermittelt werden.

Artur Wierschem

zuletzt editiert am 24. Februar 2021
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