Steildach 2010-03-26T00:00:00Z Sammelklage gegen Uni Greifswald?

Anfang dieses Jahres gab es ein Aufatmen bei den norddeutschen Reetdachdeckern, Reeterntern und Reethändlern. Eine Forschergruppe unter Leitung des Mikrobiologen Professor Frieder Schauer von der Universität Greifwald hatte eine der letzten Fragen bezüglich des Alterungsverhaltens von Reetdächern geklärt.

Es wurde gezeigt, dass Cellulose abbauende Pilze und Bakterien nicht in der Lage sind, Reet primär zu schädigen. Von den ca. 50.000 Reetdächern in Norddeutschland konnte lediglich auf einem Dach der aggressive Weißfäulepilz Pycnoporus cinnabarinus nachgewiesen werden. Das betroffene Reetdachhaus steht in einem Laubwald in Brandenburg und sein Dach liegt dauerhaft im Schatten. "Wir raten grundsätzlich davon ab, im Wald gelegene Häuser mit Reet zu decken." sagt Ole Jedack, Reetdachexperte des Reethändlers Hiss Reet eK aus Bad Oldesloe. Weiter führt er aus: "Reetdächer müssen nach einem Regenguß zügig trocknen können. Im Wald wird das durch Schattenwurf und herabfallendes Laub in der Regel verhindert. Die dauerhafte Feuchtigkeit macht das Reetdach dann anfällig für Mikroorganismen und die Lebensdauer verringert sich erheblich."

Ole Jedacks Chef Tom Hiss sah bis vor zwei Wochen den Reetdachsektor in Norddeutschland im Aufwind. So wurden durch ein von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt gefördertes Forschungsprojekt die wesentlichen Kriterien zur objektiven Messung der Qualität von Reet entwickelt. Neben der fachgerechten Trocknung hat sich ein möglichst niedriger Stickstoffgehalt als vorteilhaft herausgestellt. Darüber hinaus gibt es seit Herbst letzten Jahres eine Neufassung der Fachregeln zur Eindeckung von Reetdächern. Darin wird unter anderem die Hinterlüftung ausgebauter Reetdächer klar regelt. Die Forschungsergebnisse aus Greifswald haben jetzt das Bild abgerundet und führen zu einer hohen Sicherheit bei der nachhaltigen Qualitätssicherung von Reetdächern. Hans-Hermann Ohm, Obermeister der Reetdachdeckerinnung in Nordfriesland, ist erleichtert: "Es ist jetzt eindeutig klar geworden, dass wie bisher insbesondere die Feuchtigkeit in der Reetschicht darüber entscheidet, wie lange ein Reetdach hält. Und damit diese möglichst gering ist, haben wir unsere Fachregeln dem aktuellen Stand der Technik angepasst. Die Dachgeschosse werden heute nun mal anders genutzt als früher."

Kalt erwischt wurde die Reetdachbranche jedoch durch die neuerlichen Schlagzeilen in der Presse. Am 12. Januar 2009 veranstalteten die Greifswalder Gelehrten eine Pressekonferenz und seitdem suggerieren zahlreiche Zeitungsartikel, dass die Forscher einen Pilz gefunden hätten, der für zahlreiche Bauschäden an Reetdächern verantwortlich wäre. Diese Fehlinterpretation der Forschungsergebnisse führt Tom Hiss auf die Aussagen des Forschers Frieder Schauer zurück: "In dem Forschungsbericht wird wider besseren Wissens die falsche Schlussfolgerung gezogen, dass Weißfäulepilze die entscheidende Rolle bei der Reetzerstörung spielten. Es ist mir unerklärlich, wieso vermeintlich objektive Wissenschaftler ein Phänomen, das sich im Promillebereich bewegt, dermaßen aufblähen. An Spekulationen, auf diese Weise sollten weitere Forschungsaufträge erheischt werden, möchte ich mich aber nicht beteiligen. Fest steht jedoch, dass der Reetdachbranche ein immenser Imageschaden zugefügt wurde. Da kann ich nicht weiter zusehen. Mein Anwalt hat die Uni Greifswald angeschrieben und gibt ihr noch die Gelegenheit zur Stellungnahme. Danach reiche ich eine Schadenersatzklage ein und werde allen betroffenen Reetdachdeckern die Gelegenheit geben, sich daran zu beteiligen.", so Hiss abschließend.

Schleswig-Holsteins Landesinnungsmeister Manfred Arp äußert sich hierzu: "Das ganze Thema ist aufgeblasen, wir waren vor einiger Zeit schon weiter. Unserer Meinung nach sind die Fakten in der Presse falsch gewichtet worden, das lag nicht an den Forschungsergebnissen der Uni".

zuletzt editiert am 24. Februar 2021
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