Flachdach 2010-03-19T00:00:00Z Sanierung mit Innovation und Langzeitnutzen

Baubestand in Deutschland ist nicht nur der Flughafen, sondern auch die Bausanierung im Bestand das Konjunkturpaket, die Beschäftigungsmaschine schlechthin für die Zukunft? Auf der einen Seite steht die Erbengeneration mit hochwertigster Sanierung im Privatbereich, auf der anderen Seite der seit Jahrzehnten darbende öffentliche Bau mit Schulen, Kitas, Krankenhäusern etc, der zwischen Abriss und "Löcher stopfen" schwankt. Und dazwischen irgendwo der Wirtschaftsbau. Wie in diesem Szenario die Weichen für nachhaltige Sanierung gestellt werden können, darüber diskutierten hochkarätige Experten aus Politik, Wissenschaft und Lehre, Industrie und Handwerk im Rahmen der Wiesbadener Expertengespräche, mit denen Wolfin seit Jahren für "Zukunftsthemen" die Plattform bietet.

Die Situation ist nahezu absurd. Der Gebäudebestand in Deutschland ist gewaltig, seine Sanierung kann der Baubranche auf Jahrzehnte hinaus Arbeit in Fülle geben. Die "Treiber einer möglichen neuen Entwicklung, eines neuen Denkens und Handelns", so Moderator Louis Schnabl, sind auf dem Plan. Die Industrie ist innovativ und auf technologisch höchstem Stand, die Methoden und die Produktsysteme für nachhaltige Sanierung stehen zur Verfügung. Das Handwerk ist gut ausgebildet. Die Planer könnten im Geschäftsfeld Sanierung den Ausgleich für den bedrohlichen Rückgang der Neubauzulassungen finden. Die privaten Bauherren verfügen über das nötige Geld, die Kommunen zumindest über den dringenden Bedarf. Und dennoch wird das Potential der Sanierung nur unzureichend genutzt. Denn was an Innovationen im Prinzip zu Gebote steht, findet nur zum Teil seinen Weg in die Umsetzung am Markt. Und das lässt sich eben nur zum Teil mit der unübersichtlichen Normenlage in Europa oder den vergleichsweise langen Wegen in der Zulassung erklären.

Die Politik hat die Weichen im Prinzip auf Grün gestellt mit den Konjunkturprogrammen I und II auf kommunalem Gebiet, mit den energetischen Anforderungen der neuen EnEV und den flankierenden Fördermaßnahmen für die energetische Sanierung im Bestand. Diese Maßnahmen sind sicherlich mehr als eine "Abwrackprämie" für den Bau. Sie sind eine Antwort auf die Klimakrise und die begrenzten Energieressourcen, die zu einer energetischen Aufrüstung praktisch des gesamten Bestandes zwingen.

Megatrends erkennen und umsetzen

Doch dieser "Megatrend" ist eben nicht der einzige. Die Umrüstung auf moderne energetische Standards löst zwar ein Problem, aber nicht das der bereits angelaufenen oder schon absehbaren anderen Megatrends. Nämlich die gesellschaftlichen, ökonomischen und ökologischen Entwicklungen, die für alle Baubeteiligten eine Herausforderung allerersten Ranges darstellen: Die demographische Entwicklung, die dem Bau, wenn überhaupt, kein quantitatives, sondern nur noch ein qualitatives Wachstum erlaubt. Der Trend zu altengerechten, barrierefreien Singlewohnungen als volkswirtschaftlich sinnvolle Alternative zum Ausbau der Heimunterbringung. Die Wanderungsbewegungen vom Land zur Stadt, die auf dem Land für Leerstand sorgen und in den Zentren für Wohnungsmangel, was auf dem Land wie in der Stadt neue Bau- und Nutzungskonzepte erfordert. Hier müssen Bundes- und Landespolitik Signale an den Markt senden und Fördermaßnahmen entwickeln, die sich an volkswirtschaftlicher, städtebaulicher und ökologischer Nachhaltigkeit orientieren. Die Herausforderung ist die intelligente Verdichtung und Erneuerung der städtebaulichen Substanz statt eines weiteren unkontrollierten Flächenverbrauchs im Umfeld der Städte. Vor allem aber die Hochwertsanierung im Bestand. Und zwar nicht nur in den Jugendstilvillenvierteln, sondern ebenso in den Plattenbauvierteln, wie es gerade in den neuen Bundesländern teilweise mustergültig vorgemacht wurde. Aber auch der Rückbau maroder Substanz, wo die schlechte bauliche Qualität oder die mangelnde Energieeffizienz einen Ersatzneubau wirtschaftlich sinnvoller erscheinen lassen.

Mit einer Stimme sprechen zum Imagewandel

Eine Agenda, mit der sich die Teilnehmer des 7. Wiesbadener Wolfin-Expertengesprächs erst recht einer Herausforderung der Sonderklasse stellten. Weil hier extrem deutlich wurde, dass der Diskurs über die Sanierung von Bausubstanz über technische und architektonische Aspekte im Bau weit hinausreicht und eben auch gesellschaftliche und ökologische Relevanz hat. Die Problemlage zu erkennen ist eine Sache, sie zu lösen eine andere. Nachhaltigkeit ist der Kernbegriff, den die Expertenrunde für Sanierung mit Zukunft herausarbeitete: Nachhaltige und werthaltige Sanierung hat nicht nur, sie schafft Zukunft!

Das große Problem scheint zu sein, dass Zukunft in diesem Sinne keines oder ein schlechteres Image hat als das neue Auto und die Urlaubsreise beim privaten Investor der hohe Imagefaktor der Designwohnung im komfortsanierten Loft mit der luxuriösen Küchenausstattung ist noch nicht wirklich im Bewusstsein angekommen. Oder dass Kommunalpolitiker bzw. Investoren nur an der Ausweisung eines Neubaugebiets oder baulicher Großdenkmäler gemessen werden der Bürgermeister muss sich vielmehr einen Namen machen mit einem topsanierten Altstadtquartier.

Image lässt sich am besten über emotionale Ansprache generieren. Das aber ist ein Kraftakt, an dem sich Industrie, Handwerk, Architektenkammern und Politik jeder für sich allein nachweisbar überhoben haben. Der, wenn überhaupt, nur zum Erfolg führen kann, wenn die Beteiligten an einem Strang ziehen und ihre Kräfte zur Erschließung des Marktpotentials Sanierung bündeln. Wenn Erkenntnisse und Bekenntnisse auch in gemeinsames Handeln münden. Das dient nicht nur der Branche. Sondern der ganzen Volkswirtschaft.

Dipl.-Ing. Hans-Dieter Hegner, Ministerialrat, Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung: "Jeder in den Baubereich investierte Euro des Bundes schafft erfahrungsgemäß bis zu achtmal höhere Folgeinvestitionen. Die gezielte Förderung des Wohnungsbaus auch im Bestand dient zum Nutzen aller der konjunkturellen Entwicklung. Voraussetzung ist allerdings auch eine Bauwirtschaft, die sich konzentriert aufstellt, um den Gedanken des Leitbildes Bau zu forcieren. Und die Forschung und Innovation deutlich weiter verbessert."

Heinz-Jakob Holland, Managing Director, Ursa Deutschland: "Deutschland ist ein Mieterland ca. 65 % der Bevölkerung verfügen über kein Eigentum. Das heißt im Umkehrschluss: Wir haben einen gigantischen Mietwohnungsmarkt. Bei der aktuellen demographischen Entwicklung lässt sich schon jetzt ein baldiges Überangebot prognostizieren. Bei der Entwicklung der Mietnebenkosten aber auch, dass langfristig nur energetisch optimierte, attraktive Wohnungen Marktchancen haben."

Dirk Knoll, Geschäftsführer Hees & Knoll Dachtechnik: "Mit der neuen EnEV 2009 kommen auf uns Handwerker neue Forderungen zu. So müssen wir unserem Bauherrn nach Beendigung der Baumaßnahme unaufgefordert eine Unternehmererklärung, also eine formlose Erklärung, dass der Unternehmer die Leistung nach der Planung, den anerkannten Regeln der Technik und gemäß den Vorschriften der EnEV 2009 ausgeführt hat, zukommen lassen. Diese Forderung müssen wir als Chance begreifen, Qualität und Nutzen unserer Arbeit zu dokumentieren und damit mittelbar zu vermarkten "

Klaus H. Niemann, Geschäftsleitung Henkel/Wolfin Bautechnik: "Wenn das Dachhandwerk fit sein soll für die Chancen der Zukunft, müssen wir bei den jungen Handwerkern anfangen. Die Industrie muss ihren Part leisten, intensiver zu schulen, wie wir es mit unseren Praxisschulungen, aber auch mit dem Branchenstandardwerk WOLFIN-Ratgeber seit zwei Jahrzehnten machen. Aber auch die Meisterschulen müssen ihre Lehrpläne so verändern, dass die Handwerker nicht nur fachlich topp sind, sondern auch in punkto Betriebswirtschaft, Kommunikation und Marketing.

Erich Rosenkranz, Vorstand Roto Dach- und Solartechnologie: "Wir haben keine Krise, die Absatzzahlen entwickeln sich über denen des Vorjahres. Dieser Erfolg ist darauf zurückzuführen, dass wir konsequent auf Innovation und Langzeitnutzen, nicht nur, aber auch für die Sanierung setzen. Wir machen heute 30 bis 40 % unseres Umsatzes mit Produkten, die jünger als drei Jahre sind, z.B. mit Zukunftsthemen wie Energieeinsparung/-gewinnung. Ebenso wichtig ist ein Höchstmaß an Flexibilität bei der Organisation der Arbeitsprozesse, das uns erlaubt, auch individuelle Kundenanfragen in kürzester Frist umzusetzen!"

Steffen Saebisch, Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung: "Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist innovatives Handeln unerlässlich. Es ist von existentieller Bedeutung, sich auf die aktuellen und zukünftigen Erwartungen von Investoren einzustellen, sich mit den politischen Rahmenbedingungen auseinanderzusetzen und neue Technologien aufzugreifen."

Volkmar Sangl, Vorstand DEG Alles für das Dach eG: "In Tschechien sind Handwerkeraufträge mehrwertsteuerbegünstigt und dem Problem der Schwarzarbeit wird die Grundlage entzogen. In Frankreich zahlt man im Baubereich weniger Mehrwertsteuer und die Bauwirtschaft läuft stabil. Nun ist wohl in Deutschland an der Mehrwertsteuer politisch nicht zu rütteln. Aber mit der steuerlichen Geltendmachung von Handwerkerkosten oder entsprechenden Abschreibungsangeboten für Investitionen in die hochwertige Sanierung im Bestand ließen sich ähnliche Wirkungen erzielen."

Louis Schnabl, Baufachjournalist, Institut für Marktkommunikation Bau & Technik: "Sanierung hat nur Zukunft, wo sie nachhaltig ist. Nachhaltigkeit setzt Innovation voraus. Hier sind die Hausaufgaben weitgehend gemacht. Das allein nützt aber nichts, wenn sie nicht als Investitionsimpuls beim Bauherrn ankommen. Der Bau hat nach wie vor ein Imageproblem. Das müssen wir heute anpacken, damit es morgen und übermorgen stimmt." Welche Korrektur?

Prof. Dr. Josef Schwarz, Prof. für Technische Gebäudeausrüstung, Bauphysik und Baukonstruktion: "Die Altbaurevitalisierungsdiskussion bietet neue Chancen für Architekten. Die Planung für Sanierungen im Bestand ist natürlich aufwendiger als im Neubau. Und sie erfordert mehr Kreativität bei der Umsetzung. Aber wer, wenn nicht der Architekt, kann diese Aufgabe lösen? Wir müssen dazu in der Lehre allerdings auch neue Denkstrukturen vermitteln."

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Dipl.-Phys. Klaus Sedlbauer, Geschäftsführer Fraunhofer-Institut für Bauphysik: "Bei Nutzung des vorhandenen Potentials sind schon heute Innovationssprünge möglich. Zum Beispiel wenn der reale Sanierungsprozess im Computer virtuell vorweggenommen wird eine wesentliche Voraussetzung etwa für eine optimierte Baustellenlogistik. Oder wenn RFID-Chips in der Gebäudehülle permanent bauphysikalische Daten liefern, die dann bei integrierten Wärme-, Licht- und Lüftungsmanagement-Programmen eine optimal angepasste Steuerung aller Stellschrauben erlauben."

http://www.wolfin.de

zuletzt editiert am 24. Februar 2021
Newsletter