News 2010-06-01T00:00:00Z Solarboom bald am Ende?

2009 hat sich der Sonnenergie-Markt in Deutschland verdoppelt - und die Solar-Sause geht weiter: Die Zahl neuer Anlagen könnte erneut um 50 Prozent steigen. Doch deutsche Hersteller spüren zunehmend die starke Konkurrenz aus Asien.

Eigentlich müsste die Solar-Industrie eine Party nach der anderen veranstalten. Der Neubau von Anlagen in Deutschland hat ein Ausmaß angenommen, das vor ein paar Jahren niemand für möglich gehalten hätte. 2009 verdoppelte sich der Markt in Deutschland auf knapp vier Gigawatt (vier Millionen Kilowatt), das entspricht bei optimalem Wetter der Leistung von drei großen Kohlekraftwerken. 2010 geht die Solar-Sause weiter: Die Zahl neuer Anlagen könnte sich ein weiteres Mal verdoppeln, ergeben neueste Schätzungen.

Detlef Fischer, Geschäftsführer des Verbands der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft (VBEW), sagt: "In Bayern schließen wir im Moment so viele neue Anlagen an wie nie zuvor". Etwa 800 Anträge gingen pro Tag im wichtigsten Solar-Bundesland ein. Das seien dreimal so viel wie im Schnitt des Jahres 2009. "Es ist der größte Boom aller Zeiten", sagt Fischer. Viele Solarmodule sind derzeit ausverkauft.

Doch ausgerechnet jetzt zeigt sich mit schmerzhafter Deutlichkeit, wie schlecht es um die Branche hierzulande steht. Gute Geschäfte machen einzig die Solar-Installateure, die Solar-Maschinenbauer und einige Spezialfirmen, allen voran das Unternehmen SMA aus Niestetal bei Kassel. SMA ist mit Abstand Weltmarktführer für Geräte, die den Gleichstrom aus der Solaranlage in netztauglichen Wechselstrom umwandeln.

In den zentralen Technologiefeldern wurden die deutschen Branchengrößen jedoch abgehängt, der Weltmarktanteil schrumpft stetig. Bei Solarzellen liegt er nur noch bei 15 Prozent (China: 38 Prozent). Unter den zehn größten Herstellern ist Q-Cells aus Sachsen-Anhalt das einzige deutsche Unternehmen, rutschte 2009 allerdings von Platz eins auf Platz vier. Sieben Plätze gehen nach Asien, vier davon nach China.

Die meisten deutschen Unternehmen schreiben derzeit zwar wieder schwarze Zahlen - aber nur gerade so. Die Solar-Fabrik aus Freiburg schaffte nach roten Zahlen 2009 im ersten Quartal den Sprung zurück in die Gewinnzone und verdiente im operativen Geschäft 3,3 Millionen Euro. Auch Conergy aus Hamburg gelang nach einem Verlust von 25 Millionen Euro im ersten Quartal 2009 nun ein kleiner Gewinn. Selbst Solarworld aus Bonn, die deutsche Nummer zwei, die stets als vorbildlich beim Kostenmanagement galt, ist massiv unter Druck gekommen. Die Gewinnmarge hat sich innerhalb eines Jahres halbiert, der Aktienkurs schmiert ab. Q-Cells schafft indes nicht einmal in den derzeit guten Zeiten ein Plus: Operativ lag der Verlust im ersten Quartal bei knapp zehn Millionen Euro. Auch der große Modulhersteller Solon aus Berlin ist weiter im Minus. Das zweite Quartal wird vermutlich deutlich besser ausfallen.

Doch zum 1. Juli wird die Vergütung für den Strom aus Solaranlagen nach dem Willen der Bundesregierung zusätzlich um elf bis 16 Prozent gesenkt. Am Freitag dieser Woche wird sich der Bundesrat noch einmal mit den Plänen beschäftigen. Die anstehende Kürzung wird den Solarboom in Deutschland zwar nicht besonders stark bremsen - fast alle Unternehmen erwarten, dass weiter kräftig gebaut wird. "Auch das zweite Halbjahr wird ganz gut", sagt eine Q-Cells Sprecherin. Für 2011 erwarten die meisten Analysten trotz weiter sinkender Subventionen erneut ein Marktwachstum. Doch die Preise für Solarmodule werden durch den Wettbewerb weiter stark unter Druck kommen. Um etwa 50 Prozent sind sie in den vergangenen zwei Jahren bereits gefallen. Die besten asiatischen Hersteller haben das leicht weggesteckt. Sie sind meist mit neuesten Maschinen ausgerüstet, haben niedrige Lohnkosten und profitieren von günstigen Staatskrediten. Vor allem aber haben sie sich voll darauf konzentriert, hoch effiziente Fertigungsprozesse aufzubauen, die selbst bei der Qualität mit den Deutschen mithalten können.

Yingli Solar aus China zum Beispiel will dieses Jahr Zellen mit Kosten von 70 US-Cent pro Watt Leistung herstellen. Die Hersteller in Deutschland liegen nach Expertenschätzungen vom Jahresanfang deutlich über einem Dollar. Selbst der zuletzt stark gefallene Euro kann diese Lücke nicht annähernd schließen. Während in Deutschland derzeit trotz Boom kaum Geld verdient werden kann, erwirtschaften die Chinesen satte Profite. Yingli verbuchte im ersten Quartal einen Gewinn von 36 Millionen Dollar. Für jeden Dollar Umsatz verbucht das Unternehmen 33 US-Cent Bruttogewinn. Trina Solar schaffte 31 Cent, Suntech etwa 20 Cent - Traumrenditen, die es den Firmen ermöglichen, weiter kräftig in Technik und Wachstum zu investieren. So können sie die Preise leicht weiter senken.

Ein großer Teil des Massenmarkts ist den Deutschen also schon so gut wie verloren gegangen. Die hiesige Solarindustrie sucht nun nach neuen Überlebensstrategien. Geschäftsmodelle werden in großer Eile umgestellt. Der in Not geratene Riese Q-Cells etwa will verstärkt Solarkraftwerke selbst installieren und neuerdings auch die Modulfertigung kräftig ausbauen - allerdings an günstigen Produktionsstandorten in Asien. Damit liegt Q-Cells voll im Trend. Wer keine profitable Nische wie SMA oder die Maschinenbauer besitzt, baut die Fertigung meist nur noch in Asien aus. Zuletzt hatte Schott Solar aus Bayern angekündigt, dort in neue Fabriken zu investieren.

Abwanderung könnte also die Rettung bringen. Allerdings: Die von den Stromverbrauchern zu zahlenden Subventionen für die 2009 errichteten Photovoltaik-Anlagen belaufen sich bis zum Auslaufen der Einspeisevergütung in 20 Jahren auf mindestens zehn Milliarden Euro. 2010 wird es vermutlich deutlich mehr sein. Ob sich die enormen Solarsubventionen in Deutschland industriepolitisch bezahlt gemacht haben, wenn die Wertschöpfung bei der Solartechnik großenteils in Asien stattfindet, wird immer fraglicher.

Jakob Schlandt, ksta.de

zuletzt editiert am 24. Februar 2021
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