Steildach 2009-08-27T00:00:00Z Souvenir vom Kirchendach

Die spätgotische Schorndorfer Stadtkirche bildet mit ihrem 66 Meter hohen Turm einen dominanten Blickfang. Mit dem Bau der Kirche wurde im Jahre 1477 begonnen, um 1500 waren das Kirchenschiff und der Glockenturm vollendet. Bei einem Großbrand im Jahre 1634 wurden Langhaus und Kirchturm fast vollständig zerstört.

Der erneute Aufbau dauerte bis 1660. Aufgrund häufiger Bau-, Restaurierungs- und Erneuerungsmaßnahmen in den Jahren bis heute weist die Kirche eine große Zahl an verschiedenen baustilistischen Einflüssen auf. Die letzte große Umgestaltung erfolgte 1958.

Handgefertigt und handverlesen

Ein Sturmschaden im Frühjahr dieses Jahres machte die Neudeckung des Kirchturmdaches notwendig. Dazu wurden von einem Klinkerwerk, das sich auf die Nachbildung von alten Ziegeln spezialisiert hat, cirka 14.000 glasierte Turmbiber, sogenannte "Schorndorfer Ziegel" reproduziert. Bei der Rohstoffwahl wurde auf besonders reinen Ton geachtet. Der alte Ton hatte Einschlüsse, die die Ziegel offensichtlich leichter brechen ließen. Die neuen Ziegel wurden nach genauen Farbvorlagen zweifach nachgebrannt. Nach dem Abbau des Gerüstes strahlt das Turmdach wieder in den Farben von 1903, dem Jahr der letzten kompletten Turmdachsanierung.

Unter Jugendstil-Einflüssen war die Farbwahl getroffen worden: Beige- und Grüntöne mit braunen und gelben Einsprengseln zieren den Turm, was vor blauem Himmel für stimmige Farbgebung sorgt. Der prozentuale Anteil jedes Farbtons ist genau festgelegt. Die Dachziegel wurden dazu in der Werkstatt vorsortiert. Denn im Gegensatz zur üblichen Arbeitsweise muss die Reihenfolge der Turmbiber genau geplant werden, bevor die Dachdecker zum Akkuschrauber greifen und jeden Ziegel mit drei Schrauben befestigen; zwei an der oberen Aufhängung und eine für die Sturmklammer, die jeden Ziegel im unteren Teil fixiert. Dazu waren die Biber mit einer speziellen Einbuchtung versehen worden.

Schadensursache: alte Befestigung

Nach dem Sturm fanden Fachleute heraus, dass die Ursache des Schadens in der Befestigung lag. Beim alten Dach war jeder Ziegel lediglich mit zwei verzinkten Stahlnägeln fixiert. Weil die Nägel sich allmählich aus dem Holz gehebelt hatten, erhielten die Turmbiber zu viel Spielraum und klapperten bei starkem Wind, so Architekt Jochen Rapp. Die jahrzehnte lange Bewegung hatte die Aufhängelöcher aufgeweitet und zu Rissen geführt. Bei dem Sturm Anfang März waren einige Dachziegel vom Turm gestürzt und knapp neben einer Passantin aufgeschlagen. Der Turm bekam sofort ein Notgerüst. Es waren zwar nur wenige Ziegel heruntergefallen, dennoch riet der Architekt dem Kirchengemeinderat von bloßer Ausbesserung mit noch vorhandenen und im Turm gelagerten Reserveziegeln ab. Der Kirchenvorstand entschloss sich zum kompletten Austausch aller Turmdachziegel.

Für die Arbeiten wünschte man sich natürlich gutes Wetter. Die reine Verlegezeit Abnahme der alten Deckung, Überprüfung der hölzernen Unterkonstruktion, Erneuerung der Vordeckung und Verlegung der neuen Ziegel einschließlich der aufwendigen mechanischen Fixierung - wurde mit etwa vier Wochen kalkuliert. Außerdem mussten 144 Meter des achteckigen Turms mit Gratziegeln gedeckt werden. Diese wurden in Mörtel verlegt. Um eine bessere Haftung zu erreichen, hatte der Dachdecker die zu vermörtelnden glasierten Ziegeloberflächen mit einem frostbeständigen Fliesenkleber vorbehandelt.

Die Holzschalung war noch in einem guten Zustand, ein Austausch deshalb nicht notwendig. Als Vordeckung wurde die dreilagige reißfeste Steildachbahn Delta-Vent S (Fabrikat: Dörken) eingesetzt. Diese Schalungsbahn erfüllt nach Herstellerangabe die Wasserdichtheitsklasse: Wasserdicht W1 gemäß EN 13859-1 und 2. Die Turmbiber wurden am oberen Rand je zweimal mit Spanplattenschrauben aus Edelstahl, Senkkopf 4,5 x 30 Millimeter (Fabrikat: Würth) befestigt. Zur Sturmsicherung erhielten sie am Rand zusätzlich eine Edelstahl-Seitenfalzklammer, Nr. 436, eckig, 25 Millimeter hoch (Fabrikat: FOS). Diese wurden mit den gleichen Edelstahlschrauben, jedoch 3,5 x 30 Millimeter, befestigt.

zuletzt editiert am 24. Februar 2021