Sebastian (links) und Karl-Heinz Winterbauer (rechts) 2013 mit Dachdeckerlehrlingen aus Spanien. (Quelle: DDH)

Ausbildung

14. June 2013 | Teilen auf:

Steildach statt Siesta

Handwerker leiden besonders unter Fachkräftemangel – zu wenig Bewerber, zu schlechte Zeugnisse der Schulabgänger. Deshalb gehen Karl-Heinz Winterbauer und Ludwig Held neue Wege. Die Dachdeckermeister suchten und fanden Azubis in Spanien.

Vor gut eineinhalb Jahren standen sie im Rathaus von Schwäbisch Hall: Hunderte Portugiesen – sie suchten verzweifelt nach Arbeit. Angelockt von einer PR-Aktion, meldeten sich ursprünglich Tausende Jobsuchende aus Südeuropa. Die Stadt war dem Ansturm nicht gewachsen, die Arbeitsämter völlig überlastet. 3.000 freie Stellen gab es rund um Schwäbisch Hall, doch nur 26 Stellen wurden besetzt. Auch Karl-Heinz Winterbauer hatte davon gehört. Seit Jahren schreibt der Dachdeckermeister Lehrlingsstellen aus und kein geeigneter Schulabgänger meldet sich – weder aus dem Großraum Heidelberg noch aus ganz Baden-Württemberg.

Wenn die Azubis nicht in die Betriebe wollen, kommen wir zu denen, dachte sich Winterbauer und tat sich mit 2 anderen Heidelberger Unternehmen (Gebäudereiniger und Fensterbauer) zusammen, um in Spanien geeigneten Nachwuchs zu finden. „Move for your future – welcome to Heidelberg“ heißt das Pilotprojekt, eine gemeinsame Initiative der städtischen Wirtschaftsförderung, der mittelständischen Unternehmen sowie der IHK Rhein-Neckar, der Heidelberger Dienste gGmbH, der Kreishandwerkerschaft, der Agentur für Arbeit, der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) sowie der Auslandshandelskammer (AHK) in Madrid. Ziel des Projektes ist es, junge Nachwuchskräfte aus Spanien für eine Ausbildung in Heidelberg zu gewinnen. Das ist in manchen Regionen Europas bitter nötig. Denn in Spanien beträgt die Jugendarbeitslosigkeit immer noch rund 60 %, in Madrid ist sie momentan sogar noch höher. Ob die Absolventen einen gute Abschluss haben oder hoch qualifiziert sind – egal, sie finden einfach keinen Job in ihrem Land. Und in Deutschland werden Fachkräfte dringend gebraucht.

Familie mit integrieren


Doch damit die Nachwuchssuche nicht so chaotisch abläuft wie mit den Portugiesen in Schwäbisch Hall, muss eine solche Aktion koordiniert geplant werden. Die Grundlagen wurden schon mal verbessert. Um die Zuwanderung von Fachkräften zu erleichtern, hat die Bundesregierung rechtliche Hürden aus dem Weg geräumt: Seit April 2012 können ausländische Fachkräfte durch das Anerkennungsgesetz ihre berufliche Qualifikation in einem vereinfachten Verfahren auch in Deutschland bestätigen lassen. „Mit zahlreichen Partnern wie der Stadt Heidelberg und der Handelskammer haben wir 1½ Jahre getagt, um das Projekt vorzubereiten. Die ersten Kontakte entstanden durch die Außenhandels Agentur für Arbeit“, berichtet Karl-Heinz Winterbauer. 20 Stellen haben die 3 Unternehmer zusammen ausgeschrieben – mit überwältigender Resonanz: 600 Bewerbungen gingen ein, 37 Interessenten wurden schließlich zu Vorstellungsgesprächen nach Madrid eingeladen. Dann stiegen Winterbauer und die beiden Unternehmerkollegen zum zweiten Mal ins Flugzeug und verschafften sich einen Eindruck vor Ort. „Wichtig war, den Eltern unseren Betrieb vorzustellen. Die Familie spielt in Spanien eine große Rolle“, weiß Winterbauer.

Kommunikation über Skype


Nach diversen Abstimmungen hat der Fensterbauer 5, der Gebäudereiniger 3 und Winterbauer 2 Praktikanten. „Ich hatte mir zwar mehr versprochen, aber immerhin – ein Anfang ist gemacht.“ Das Hauptproblem sind natürlich die mangelnden Deutschkenntnisse. Deshalb gehen die jungen Spanier für 4 Monate in eine Sprachschule in Madrid. Von dort wird über Skype mit der federführenden Organisation in Heidelberg gesprochen. Am 10. Juni holte Winterbauer „seine beiden“ Spanier vom Frankfurter Flughafen ab, Alvaro Sanz Lalinde und Abel ­Aranda Comio. Sein erster Eindruck: „Aus den 37 Bewerbern haben wir diese beiden Praktikanten ausgewählt. Wir haben ihnen und ihrer Familie unser Unternehmen präsentiert, und dann war klar: Die beiden wollen den Beruf des Dachdeckers erlernen, den sie vorher gar nicht kannten. Vor allem in Madrid gab es vor Jahren einen großen Bauboom. Auch wenn die Spanier unser duales Ausbildungssystem nicht kennen, hatten doch viele schon einige Jahre Berufserfahrung hinter sich. Im September beginnt voraussichtlich die Ausbildung, mit einem Trainee-Programm, der einen Block Sprachschule und 2 Monate praktische Ausbildung enthält“, ergänzt Juniorchef Sebastian Winterbauer.


„Mama, ich werde Dachdecker“


Untergebracht sind die beiden zunächst in einem Studentenwohnheim, später ist dann der Umzug in eine eigene Wohnung geplant. Wenn alles gut geht, erhalten die Spanier nach den 3 Monaten einen herkömmlichen Ausbildungsvertrag, Die Auszubildenden bekommen ihren Lohn und die Agentur für Arbeit stockt diesen Betrag auf 800 Euro auf. Unterstützung erhalten die Jugendlichen von der Stadt Heidelberg, das betrifft das Vermitteln der deutschen Kultur und vor allem der beruflichen Struktur: „Die Jugendlichen fangen ja ganz von vorne an. Gemeinsam müssen wir ihnen ein angenehmes soziales Umfeld schaffen“, so Winterbauer.

Den ausführlichen Beitrag lesen Sie in Ausgabe DDH 13.2013.

zuletzt editiert am 25.08.2022