Rund 6.000 Reetbunde, Heidepolster unter den Gauben und speziellem Heidefirst - bei der Sanierung eines ehemaligen Schulgebäudes bei Lütjenburg setzte das Team von Dachdeckermeisterin Katerina Jacobs auf ein traditionelles Erscheinungsbild.
Wenn man das alte Schulhaus bei Lütjenburg an der Ostsee betrachtet, kann man sich vorstellen, wie es damals war, als die Kinder aus dem Dorf und der umliegenden Region zum Lernen zusammenkamen. Nach dem Bau im Jahre 1825 war die Schule bis Anfang der 1960er Jahre in Betrieb und wird seither als Wohngebäude genutzt. Mittlerweile war das alte Reetdach jedoch in die Jahre gekommen. Also wurde es in diesem Sommer erneuert.Traditionell, im Wesentlichen mit den gleichen Handwerkzeugen wie früher und ohne viel Baulärm gestalteten die erfahrenen Profis des Reetdach-Kontor Ostholstein GmbH & Co KG aus Oldenburg in Holstein ein wunderschönes Dach.
Mit Heidefirst- und Polster
Der Unterrichtsraum in dieser Schule befand sich früher an der Hinterseite des Gebäudes. Im mittleren Teil wohnte der Lehrer und im vorderen Teil befand sich der Wirtschaftsteil (Tenne). So funktionierte das bis in die 1960er Jahre. Mit dem Wandel zum privaten Wohnhaus folgte dann er Umbau und die Neugliederung der Räume. Unter anderem wurde das große Schulzimmer geteilt. Im Zuge der Grundsanierung 2000/01 wurde die Innenaufteilung den heutigen Bedürfnissen weiter angepasst. Ebenso die Nutzung der drei Nebengebäude. Das alte Backhaus (oberhalb) dient heute als Atelier. Der alte Stall ist heute ein Abstellschuppen und der alte reetgedeckte Schuppen ist heute ein Werkraum.
Traditionell mit moderner Verlegetechnik
So verrichteten die Reetdachdecker ihr traditionelles Eindeckwerk mit ihren altbewährten und individuellen Werkzeugen. Alle Arbeitsabläufe wurden unter Beachtung der aktuellen fachregelgerechten Vorgaben für Konstruktion, Materialbeschaffenheit und Belange der Energieeinsparverordnung ausgeführt. Früher wurde das Reet oft mit Generationenwissen eingedeckt. In unserer Zeit haben sich die Ansprüche und Anforderungen geändert, wie z.B. mit dem häufigen Dachausbau. Für die lange Haltbarkeit einer Reeteindeckung spielt auch die Unterkonstruktion eine wichtige Rolle z.B. bei der steilen Neigung in allen Dachbereichen oder bei belüfteten Hinterlüftungsschichten. Bei alten Bauwerken wie diesem alten Schulgebäude müssen die unterschiedlichen Höhen der alten Sparren in der Unterkonstruktion manchmal ausgeglichen und passend zum Dachverlauf begradigt werden.
Schicht für Schicht bis zum First
Die klassischen Arbeitsschritte beim Decken des Reets sind stets gleich. Für das Eindecken der 580 Quadratmeter großen Fläche wurden ca. 6.000 Reetbunde verarbeitet. Dabei wurde jedes Bund per Hand auf das Dach gebracht, auseinandergebreitet und Schicht für Schicht bis hoch zum First eingedeckt. Die Reetbunde werden mit 4,5 mm starken Stangendrähten („Schachtdraht“), die parallel zur Dachlatte verlaufen, an den Dachstuhl herangezogen. Der Stangendraht liegt mit etwa 15 bis 17 cm in der Mitte der Eindeckstärke von 30 cm - 35 cm.
Unterschiedliche Halmlängen in kritischen Bereichen
Erker, Winkel und Dachflächenfenster erfordern bei jeder Eindeckung eine besondere Aufmerksamkeit, wobei der erfahrene Reetdachdecker das Reet so verarbeitet, dass es mit verschiedenen Längen und Übergängen auch in kritischen Bereichen jahrzehntelang hält. Vielfältig ist auch die individuelle Dachkonstruktion, auf die das Reet aufgebracht wird. Eingearbeitet wurde auch eine Hinterlüftung zwischen Reetdeckung und Innenausbau, die in Deutschland fachregelgefordert ist. Das Prinzip der Konstruktion mit Hinterlüftung ist ebenso klassisch wie einfach, denn z.B. durch Wind entsteht eine Luftzirkulation (Druck und Sog) im hinterlüfteten Bereich.
Ulrich Krumstroh