Die Problematik des vorzeitigen Alterns von Reetdächern ist auch weiterhin vorrangiges Thema für die Mitglieder der Bundesfachgruppe Reetdachtechnik. So auch bei ihrem jährlichen Treffen in Bremerhaven.
Das jährliche Treffen der Mitglieder der Bundesfachgruppe Reetdachtechnik im Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks findet grundsätzlich in den Wintermonaten, wenn das Arbeiten auf den Reetdächern nicht möglich ist, statt. Tagungsort in diesem Jahr war Bremerhaven. Bundesfachgruppen-Vorsitzender Manfred Arp konnte 70 Teilnehmer der zurzeit knapp 80 Mitglieder zählenden Interessengemeinschaft begrüßen. Neben allgemeinen Regularien stehen bei den Mitgliederversammlungen vor allem Informationen und Diskussionen zu die Reetdachdeckerbetriebe besonders tangierenden Themen im Mittelpunkt.
Die Bundesfachgruppe Reetdachtechnik im Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks, findet seit ihrer Gründung 1999 enormes Interesse bei den Reetdachdeckerbetrieben. So hat sich die seinerzeitige Mitgliederzahl mehr als verdoppelt. Sie ist die einzige Bundesfachgruppe innerhalb der Berufsorganisation. Ihr können direkt Mitglieder einer Dachdeckerinnung beitreten, die sich speziell auf dem Gebiet der Reetdachdeckung betätigen und der Berufsorganisation des Zentralverbandes angehören. Die Mitgliedschaft in der Bundesfachgruppe ist kostenneutral.
Bereits im Vorfeld hatte sich der durch den ZVDH-Hauptvorstand im Herbst 2008 neu gewählte Fachausschuss Reet zu seiner konstituierenden Sitzung getroffen. Hierbei wurden der bisherige Vorsitzende Hans Otto Finke aus Kampen/Sylt und sein Stellvertreter Jonny Peach aus Altfähr/Rügen in ihren Ämtern bestätigt.
Präsentation von Forschungsergebnissen
Ein auch weiterhin aktueller Themenschwerpunkt war bei dem Treffen die Problematik des vorzeitigen Alterns von Reetdächern. Dieses Phänomen beschäftigt die Branche nunmehr bereits seit geraumer Zeit. Nach dem in der Vergangenheit bereits die Ergebnisse eines ersten Forschungsvorhabens hierzu präsentiert werden konnten, wurden nunmehr Erkenntnisse aus weiteren Untersuchungen dargelegt und dies von kompetenten Wissenschaftlern. Zunächst präsentierte Prof. Dr. Gunter B. Schlechte die Ergebnisse seiner Untersuchungen in Niedersachsen. Seinen Ausführungen folgend ist dort in 2001 der erste Fall einer vorzeitigen Verrottung wissenschaftlich bekannt geworden ist. Insgesamt wurden von ihm über 50 Dächer untersucht worden. Verstärkt wurden hier vor allem Weißfäule- und Braunfäulepilze gefunden, so wie sie von Holz her bekannt sind. Von besonderer Bedeutung ist hierbei wohl auch, dass in vielen Fällen dies einherging mit vergleichsweise hohen atmosphärischen Stickstoffeinträgen, z.B. ausgelöst durch die Landwirtschaft.
Sehr wissenschaftlich geprägt war dann die Darstellung des jüngsten Forschungsvorhabens. Prof. Dr. Frieder Schauer vom Institut für angewandte Mikrobiologie an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald stellte die Ergebnisse seiner Untersuchungen zur mikrobiellen Besiedlung und Beständigkeit von Reet vor. Diese Untersuchungen waren vom Land Mecklenburg-Vorpommern und der Reetdachdecker-Innung Mecklenburg-Vorpommern initiiert worden und hatten in der deutschen Presselandschaft eine teilweise negative Wirkung erzielt. So wurden die in einer entsprechenden Pressekonferenz dargelegten Ergebnisse unsachlich und verfälscht wiedergegeben. Leider muss hierzu festgestellt werden, dass vielfach eine sachliche Berichterstattung, vor allem in der Tagespresse, ausgeblieben ist, wodurch dann reichlich Unruhe in der Branche und damit auch im gesamten Dachdeckerhandwerk entstand. Prof. Schauer hat auf den möglichen Ursachen für eine Veränderung am Reetdach durch veränderte Reetqualität, bauliche Mängel, Klimaveränderung (weniger Frost, mehr Feuchte, Wärme) und zunehmende Luftverschmutzung (Düngung, saurer Regen) deren Auswirkungen auf die mikrobielle Besiedlung bzw. veränderte mikrobielle Aktivität untersucht. Hierzu wurden im Labor entsprechende Mikroorganismen isoliert und Reethalme damit besetzt. Auch hierbei zeigten sich vor allem, die bereits von Prof. Schlechte lokalisierten Weißfäuleerreger.
Entscheidend für die Zukunft dürfte sein, die Ergebnisse und deren Auswirkungen nunmehr zusammen zu führen. Weiterhin müssen die Ursachen, warum es in den letzten Jahren zu diesen "Besiedlungen" und Aktivitäten der Mirkoorganismen kommt ermittelt werden. Dass sich speziell auf Reetdächern und auch allen anderen Dächern Mirkoorganismen befinden ist bekannt. Von besonderem Interesse ist hierbei, warum sie sozusagen aktiv werden. Alle Teilnehmer waren sich einig, dass noch weitere Untersuchungen erforderlich sind. Lobend erwähnt wurde in diesem Zusammenhang seitens der Reetdachdecker besonders, die durch die Landesinnungsverbände des Dachdeckerhandwerks realisierte einmalige und vorbildliche Solidaritätsaktion der Mitgliedsbetriebe des Dachdeckerhandwerks, womit die finanzielle Basis für die Aktivitäten der Qualitätssicherung Reet und damit der gesamten Forschungsvorhaben geschaffen wurde. Ohne diese Aktion wäre das alles nicht realisierbar gewesen.
Qualität unterschiedlich
Ein wichtiges Kriterium bei Reetdächern ist die Qualität der Reetware, konkret vor allem der Feuchtegehalt. Es muss sichergestellt sein, dass zunächst die Reethalme bereits nicht zu früh geerntet werden und dann von der Ernte bis zur Verarbeitung auf dem Dach vor zusätzlicher Feuchte geschützt werden. Dass bestimmte Dachwerkstoffe vor ihrer Verlegung vor Feuchtigkeit geschützt werden müssen, auch wenn sie dann später auf dem Dach der Feuchtigkeit ausgesetzt sind, ist im Dachdeckerhandwerk nichts Ungewöhnliches. Dies kennt man auch von anderen Produkten.
Von großer Bedeutung im Zusammenhang mit dem Produkt Reet ist diesbezüglich hierbei, den richtigen Umgang zu dokumentieren. Dies ist dann auch eine Voraussetzung, so Bundesfachgruppen-Vorsitzender Manfred Arp, für die Einführung eines Qualitätssiegels Reetdach.
So plant man die Einführung eines entsprechenden Qualitätssiegels für Mitgliedsbetriebe in Verbindung mit einer entsprechenden Gewährleistungsversicherung für den Bauherrn. Hierzu ist man in Gesprächen mit einem Versicherer. Voraussetzung wird dabei auf jeden Fall sein, dass die Qualität des gesamten Reetdaches, beginnend bei der Reetware und dessen Transport bis zur Verlegung auf dem Dach dokumentiert und neutral überwacht sein muss. Weitere Themen der Mitgliederversammlung waren spezielle Seminarangebote für Reetdachdeckerbetriebe in Form von Workshops zu bestimmten Ausführungstechniken wie auch bauphysikalischen Anforderungen und Personalien. So wählten die Mitglieder Frau Dachdeckermeisterin und Sachverständige Kartin Jacobs zur neuen stellvertretenden Vorsitzenden.
Von Artur Wierschem