Durch die neue DIN 1055-4 ergeben sich Änderungen bei begrünten Dachflächen. Wird zum Beispiel die Abdichtung im Untergrund lagesicher befestigt, läst sich ein Dachsystem leichter ausbilden. Lesen Sie, worauf Planer und Dachdecker achten müssen.
Die seit 2007 anzuwendende Neufassung der DIN 1055 Teil 4 Windlasten (2005) gibt dem Fachplaner, Dachdecker und Dachbegrüner die notwendigen Berechnungsgrundlagen anhand, um standortabhängig lagesichere Flachdächer berechnen und herzustellen zu können. Allerdings fehlen Aussagen zu den speziell auf die Besonderheiten von Gründächern bezogene Anwendungsmöglichkeiten bezüglich Verwehsicherheit und die sich durch die Luftdurchlässigkeit von Begrünungssystemen ergebenden Möglichkeiten zur Lagesicherung der Abdichtung. Wir zeigen hier Lösungswege und Anwendungsbeispiele, um bedarfsgerecht Gründächer als Auflast zur Lagesicherung von fixierten oder anteilig fixierten Abdichtungen einsetzen zu können, ohne die Lagesicherheit des Gründaches selbst zu gefährden. Neue Untersuchungen des Instituts für Industrieaerodynamik der Fachhochschule Aachen (I.F.I.) zur Luftdurchlässigkeit von Gründachsystemen weisen nach, dass bei Berücksichtigung von systemabhängigen "Abminderungsfaktoren" Gründächer um bis zu fünfzig Prozent leichter ausgebildet werden können als bisher angenommen, ohne dass sie selbst Ihre Lagesicherheit verlieren.
Lage- und Verwehsicherheit
Grundsätzlich sind beide Begriffe voneinander zu unterscheiden:
Als "lagesicher" wird ein Gründach bezeichnet, wenn die durch den Bernoulli-Effekt verursachten Windsogkräfte kleiner sind als die im trockenen Zustand zu ermittelnden Lasten der Gründach-Systemschichten. Dabei können Teilkräfte der Sogkräfte (in Abhängigkeit der Luftdurchlässigkeit des Gründachaufbaus) auf die mit der Unterkonstruktion verbundene Abdichtung übertragen werden. Dazu müssen allerdings entsprechende Gutachten von Gründachsystemen vorliegen. In den Prüfeinrichtungen des I.F.I. kann diese Splittung der anfallenden Sogkräfte in Abhängigkeit der im Systemaufbau verwendeten Schichten bestimmt und mittels eines systemspezifischen Abminderungsfaktors beschrieben werden.
Als "verwehsicher" gilt die Oberfläche von Gründächern, wenn die Schleppwirkung des Windes nicht in der Lage, ist die Einzelkörnungen von Kies oder Dachsubstraten zu verfrachten. Die Grenzen der Verwehsicherheit von Oberflächen können im Windkanal anhand der maximalen Windgeschwindigkeit bis zu der noch keine Materialverfrachtung eintritt, bestimmt werden.
Die neue 1055 bringt Änderungen
Folgende Änderungen sind im Berechnungsverfahren gegenüber der alten Norm 1055-4 (1986) in Ihren Auswirkungen bemerkenswert:
Besonders bei exponierten Gebäuden in offenen Geländesituationen ist es in der Vergangenheit durch fehlende Berechnungsrundlagen auch zu Schäden an Gründachaufbauten durch Oberflächenverwehung gekommen. Auf diese Situationen nimmt die neue Norm durch Vorgabe in der Bemessung von vier unterschiedlichen Geländeformationen Rücksicht. Es besteht jedoch auch die Möglichkeit der "vereinfachten Bemessung" bis zu einer Gebäudehöhe von 25 Meter; allerdings unter Ausschluss der küstennahen Windzone 4.
Von wesentlicher Bedeutung für die Berechnung der Sogkräfte ist auch die Einstufung der Außendruckbeiwerte in Abhängigkeit der Lasteinzugsfläche zwischen ein und zehn Quadratmetern. Die Lasteinzugsflächen von Gründächern (die Größe der als Einheit wirkenden Fläche) ist abhängig vom Alter der Oberfläche. Gut durchwurzelte Gründächer wirken in ihrer Oberfläche als Ganzes und sind dadurch besonders lagesicher und verwehsicher (160 h/km). Dieser Wirkung wird mit der Möglichkeit des Ansatzes reduzierter Sogkräfte für zehn Quadratmeter Flächengröße (cp10) in der FLL-Dachbegrünungsrichtlinie (2008) Rechnung getragen. Für Kies sollte nur mit cp1 gerechnet werden, da hier die "verwurzelnde Wirkung" fehlt.
Da die leichten Dachsubstrate jedoch in der einjährigen Etablierungsphase ohne die notwendige Verwurzelung besonders verwehgefährdet sind, muss sich der Planer darüber bewusst sein, dass in dieser Zeit die Oberfläche besonders zu schützen ist. Wer hier unnötige Risiken vermeiden will, sorgt dafür, dass vor allem in den Rand- und Eckbereichen für eine schnelle Durchwurzelung des Gründaches durch die Verwendung von vorkultivierten Vegetationsmatten gesorgt wird.
Martin Henneberg