Steildach 2009-09-15T00:00:00Z Zwischen Himmel und Erde

Die Münsterbasilika, Wahrzeichen der Stadt Bonn, ist ein bedeutendes Bauwerk dessen Baugeschichte 400 nach Christi als Kirche über Martyrergräbern begann und in seiner jetzigen Form zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert mit gotischen und romanischen Stilelementen fertig gestellt wurde. Grundbau ist die dreischiffige Basilika, an die im südlichen Teil ein noch gut erhaltener romanischer Kreuzgang anschließt.

Die Dächer wurden Mitte der neunziger Jahre erneuert. Zum Einsatz sollten Moselschiefer bester Güte kommen. Nach Durchführung der Dachdeckerarbeiten wurde der Unterzeichner als Sachverständiger gebeten, die Dächer zu begutachten. Hierbei wurde am Pfarrhaus begonnen, es folgten der Vierungsturm (800 Quadratmeter), das Schiff mit den Seitenschiffen und den vier Flankierungstürmen sowie die Dächer über dem Kreuzgang.

Durch zahlreiche Schäden war Handlungsbedarf gegeben, um der Verkehrssicherungspflicht des Eigentümers genüge zu tun und Passanten und Besucher nicht zu gefährden. Der ausführende Dachdeckerunternehmer meldete Insolvenz an, so dass eine prozessuale Auseinandersetzung mit dem Bauleiter, respektive dessen Versicherung abgewartet werden musste. Gewährleistungsansprüche waren somit nicht realisierbar.

Nach der Ausschreibung (die beschränkt erfolgte, um nur leistungsfähige Bewerber zu erreichen) wurde im Sommer 2005 das Gerüst erstellt und die Arbeiten Anfang Oktober 2005 aufgenommen. Die Abbrucharbeiten, bei denen auch nicht akzeptable Schalung ausgetauscht sowie die verbleibende Schalung nachgenagelt wurde, gingen zügig voran und die handwerklich erfahrenen Mitarbeiter der Dachdeckerfirma konnten mit der Altdeutschen Deckung beginnen.

Für eine langlebige Befestigung wurden korrosionsbeständige Schraubstifte aus Edelstahl in 35 Millimeter Länge und mit circa zehn Millimeter Kopfdurchmesser gewählt, wobei jeder Stein mindestens drei Befestiger erhielt. Die guten Auszugswerte passen zu der langlebigen Schieferdeckung.

Die Altdeutsche Deckung wurde mit ausreichender Gebindesteigung sowie genügend Höhen- und Seitenüberdeckung ausgeführt. Alle Kehlen wurden eingebunden und handwerklich sauber hergestellt. Die Ort- und Gratdeckungen erfolgten ebenfalls eingebunden (nach dem Regelwerk), die Anfangorte als Stichorte mit entsprechenden Stich- und Zwischensteinen, die Endorte als Doppelendort. Die nach dem Regelwerk geforderte Verjüngung der Gebinde wurde eingehalten, so dass sich das typische Altdeutsche Deckbild ergibt. Ebenso wurden die typischen Übersetzungen eingebaut, so dass die "altdeutsche" Optik entsteht.

Die Sattelgauben wurden an den Wangen und in den Sattelkehlen eingekehlt, die Fassade der Gauben erhielt eine Metallbekleidung wegen der extremen Höhe und um Wartungsarbeiten zu vermindern. Bei den Dachfenstern wurden fachgerecht Bleinocken verwendet. Die Abnahme des Vierungsturms (siehe Titelfoto) erfolgte im März 2006. Es folgten die Arbeiten an den östlichen Flankierungstürmen und an der Apsis, welche geometrisch einen Halbkegel darstellt. Bei der Kegelfläche wurden die Dachflächen eingeteilt und mit Gebindesteigung gedeckt. Die Anbindung zum aufgehenden Baukörper erfolgte mit Wandkehlen, einem Bleianschluss, welcher in eine Fuge geführt und mit Bleiwolle verfüllt wurde. Den optischen Abschluss bildet eine Kupferkappleiste.

Dachflächen des Kirchenschiffes

Die Arbeiten am Kirchenschiff wurden im Herbst 2006 mit den Abbruch- und Vordeckarbeiten begonnen. Auch hier erfolgte eine konsequente Umsetzung der Altdeutschen Deckung und deren typischen Merkmalen.Die vorhandenen Sattelgauben wurden fachgerecht mit Wangen- und Sattelkehlen gedeckt. Die Wangenkehlen wurden eingehend ausgeführt und mit einem Kragengebinde abgeschlossen. Darüber wurden die Sattelkehlen - dem alten Dachdeckergrundsatz folgend - von der kleinen Seite in die größere Hauptdachfläche, auch eingebunden gedeckt. Die Kehlsteinbreite beträgt 14 Zentimeter, so dass sich eine über den Anforderungen des Regelwerkes liegende Seitenüberdeckung ergibt. Optisch ist diese Breite wegen der extremen Traufhöhe des Kirchenschiffes nicht relevant.

An den Vorderseiten der Gauben wurde ein Bleianschluss, zwei Millimeter dick, als Übergang hergestellt. Die Fußschwelle erhielt eine Kupferfensterbank und die verbleibenden Holzteile an den Fassaden wurden mit gesondert zugerichteten Schiefern bekleidet. Die teilweise sehr großen Flächen über dem Kirchenschiff wurden geschickt mit den entsprechenden drei Schiefergattungen gedeckt und so vermischt, dass die Verjüngung und die damit gewollte Optik gut zur Geltung kommt. Ebenfalls wurde mit bildprägenden Übersetzungen gearbeitet. Für die Ausbildung der Wandanschlüsse an die aufgehenden, teilweise sehr hohen und damit auch vom Schlagregen stark beanspruchten Wände wurde wieder die bewährte Konstruktion aus Wandkehlen sowie Bleianschlüssen, in Fugen geführt und mit Bleiwolle verdichtet, ausgeführt. Den Abschluss bildet eine Kupferkappleiste. Fuß- und Firstdeckungen erfolgten altdeutsch eingebunden. Auf die doch sehr großen Dachflächen musste eine erhebliche Anzahl von Kupferdachhaken eingebaut werden. Diese wurden auf eine ein Millimeter dicke Kupferunterlage fachgerecht gedeckt und befestigt. Ende 2006 wurden die Dachdeckerarbeiten des Hauptschiffes abgenommen. Nach dem Umbau des Gerüstes erfolgten die Sanierungsarbeiten nach dem bisherigen Muster an den östlichen Flankierungstürmen.Je näher man der Fertigstellung des Turmes kam, desto öfter mussten die Schiefer behauen werden, da zur Spitze hin die Dachflächen praktisch nur noch aus Detailausbildungen wie Anfang- und Endorte bestehen. Ein Problem, wie es sich bei allen Turmformen stellt.

Statement: Dachdeckermeister Albert Schmitz

"Bei der Turmerneuerung in 84 Meter Höhe war besondere Vorsicht geboten, da sich der Turm mitten in der Fußgängerzone befindet. Das Material wurde über zwei Aufzüge bis in circa siebzig Meter Höhe befördert, danach musste das restliche Material von unseren Mitarbeitern mit Hand nach oben befördert werden. Alle Schiefer wurden mit mindestens drei Edelstahl-Schraubstiften befestigt. Aufgrund der hohen Windbelastung musste besonders auf eine geschlossene Deckung geachtet werden. Die halbkegelförmige Deckung des Chores wurde mit einer fallenden Gebindesteigung ausgeführt und mit erhöhter Höhenüberdeckung eingeschiefert. Besonders schwierig gestaltete sich die Deckung der Fledermausgauben mit 1/32 und einer erhöhten Höhenüberdeckung mit diagonal laufenden Schiefergebinden über die Gaube. Die Kehlen wurden von der Gaube aus in die Dachfläche eingeschiefert".

Herbert Gärtner

zuletzt editiert am 24. Februar 2021
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